Großveranstaltungen - Lage für Schausteller wirtschaftlich und emotional schwierig / „Wir wollen arbeiten“ Herbstmess auf der Kippe

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Peter W. Ragge
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„Wir sind rund um die Uhr fest mit dem Geschäft verbandelt“: Schausteller beklagen den Ausfall der Mess, hier ein Übersichtsbild von 2019. © Markus Prosswitz

Ihr „Knusperhaus“ steht sonst immer ganz vorne am Eingang, direkt an der Stadtbahnhaltestelle – aber es fehlt, der ganze Neue Messplatz ist leer. „Traurig, emotional schwierig“ sei das, sagt Schaustellerin Jasmin Lux. Denn eigentlich wäre derzeit Maimess. Doch die ist wegen der Corona-Krise abgesagt, und selbst die Herbstmess steht auf der Kippe.

Mess in Zahlen

  • An der Herbstmess (16 Tage Ende September/Oktober) und der Maimess (16 Tage Ende April/Mai) nehmen jeweils rund 150 Schausteller teil, darunter 15 große Fahrgeschäfte und etwa 15 weitere, kleinere Fahrgeschäfte für Kinder. Der Aufbau dauert etwa 14 Tage.
  • Die Besucherzahl wird auf jeweils rund 300 000 geschätzt. Zahlen zu Umsätzen gibt es nicht.
  • Der Mannheimer Schaustellerverband ist über 100 Jahre alt. Er hat 97 Mitglieder, davon sind etwa 40 direkt aus Mannheim. 
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Wo sonst der Duft gebrannter Mandeln sich mit dem von Bratwurst vermischt, man das laute, begeisterte Jauchzen des Publikums der Fahrgeschäfte, die Ansagen und Musik hört, ist im Moment nur Leere. „Traurig“, blickt Patrick Müller auf den verwaisten Platz. Seit 2007 ist er Projektleiter der Mess. „Man arbeitet ein Jahr daran, aber der Abschluss fehlt“, bedauert er.

Verträge geschlossen

Schon seit sechs Monaten hat er auch bereits 80 Prozent der Verträge für die Herbstmess abgeschlossen. Nur wenige Unterschriften fehlen, die wären jetzt während der Maimess vollzogen worden. Doch nach der Absage des Oktoberfests und des Cannstatter Wasens wachsen die Zweifel, ob die Herbstmess in Mannheim stattfinden kann und darf.

Zunächst gilt das Verbot von Großveranstaltungen nur bis 31. August – „mindestens“, wie es ausdrücklich heißt. „Wir sind nicht vergleichbar mit dem Oktoberfest, wir haben kein Festzelt“, betont Christine Igel, Geschäftsführerin der Event und Promotion GmbH, die für Messen und Märkte verantwortlich ist.

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„Wir hoffen, dass wir unter bestimmten Auflagen doch veranstalten können“, sagt sie, „aber müssen auf konkrete Vorgaben der Behörden warten“, bittet sie um Verständnis. Derzeit versucht sie, mit ihrem Mitarbeiter Patrick Müller Ideen zu entwickeln, wie die Mess auch in Corona-Zeiten machbar wäre – etwa mit speziellen Wegeführungen. „Man kann ja überlegen, in ein Fahrgeschäft weniger Leute zu setzen“, so Igel. „Aber die Frage wird sein, ob sich das dann noch rentiert“, räumt sie ein. Vermutlich bis Ende Juni werde es noch offenbleiben, ob und wie die sonst stets am letzten September-Samstag beginnende Herbstmess stattfindet. „Die Ungewissheit bleibt“, so Igel.

Stephan Schuster, der Vorsitzende des Mannheimer Schaustellerverbandes, fände es auch „viel zu früh, jetzt schon abzusagen“. Er rate seinen Mitgliedern, „Ruhe zu bewahren“. Zur Mannheimer Mess kämen im Vergleich zu den Volksfesten in München und Stuttgart keine Touristen. Er hofft daher, dass im Herbst doch irgendwie gefeiert werden darf. „Wir könnten auch loslegen, wenn man uns das erst 14 Tage vorher sagt, wir sind das gewöhnt“, so Schuster. Für viele Schausteller sei es existenzgefährdend, dass sie nach der Winterpause nun viele weitere Monate hinweg zum Nichtstun verdammt würden. Den leeren Messplatz empfinde er „eigenartig, beklemmend“, so Schuster: Auch die staatliche Soforthilfe bringe nicht viel, da sie im Juni ende – doch noch lange unklar sei, wie es weitergehe: „Die Ungewissheit ist schlimm“, so Schuster. Schließlich wollten Schausteller „am Liebsten ihr Geld selbst verdienen und nix vom Staat haben“, sagt er.

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Das bekräftigt Jasmin Lux. Sie ist froh, wenn die Stadt sich wegen der Herbstmess „lange bedeckt hält und eine Absage noch hinauszögert, denn vielleicht geht ja doch etwas“. Alles andere käme einem Berufsverbot gleich, klagt sie. Schon jetzt sei die Situation „wirtschaftlich katastrophal für mich, aber auch für die vielen Aushilfen, die rechnen ja mit dem Geld und gucken in die Röhre“. Zudem seien die Absagen „emotional schwierig, denn wir sind ja alle mit Überzeugung Schausteller und rund um die Uhr fest mit dem Geschäft verbandelt, da bricht auch das ganze soziale Leben, Familie und Freunde weg, alles“, so Jasmin Lux.

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„Man muss einfach aufpassen, dass jetzt nicht ein ganzer Berufsstand kaputt geht, der Freude und Leben in die Städte bringt“, warnt Schausteller Markus Rick, bekannt vom Märchenwald. Die Idee der FDP, die Weihnachtsmärkte zu verlängern, könne er sich „einmalig vorstellen, aber nicht dauerhaft“. Stärker helfen würde, wenn die Stadt den Schaustellern bei Infrastrukturkosten entgegenkäme oder Standmieten verbillige. „Wir wollen arbeiten. Man muss einfach eine Möglichkeit finden, dass wir Geld verdienen, sonst können wir nicht überleben“, fasst Stephan Schuster zusammen.

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