Haus für Trinker dringend gesucht

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Timo Schmidhuber
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Klagen über Alkoholkonsum auf dem Paradeplatz (unser Bild) hatten die Diskussion um eine Hilfseinrichtung vor zwei Jahren in Gang gebracht. © Tröster

Über die Sinnhaftigkeit einer Aufenthalts- und Hilfseinrichtung für Trinker besteht bei den Gemeinderatsfraktionen offenbar kein Zweifel. Die Frage ist nur, wo sie sein soll. Nach den jüngsten Beschwerden über Alkoholkonsum an der Kunsthalle und auf dem Neumarkt (Neckarstadt-West) ist die politische Debatte um das Thema jetzt wieder neu entfacht. Auch bei einer Umfrage im „Morgenweb“ ist mit 73 Prozent eine deutliche Mehrheit der Ansicht, dass Mannheim eine Aufenthalts- und Hilfseinrichtung für Trinker brauche. Mehr als 230 Stimmen wurden dabei bis gestern abgegeben.

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Die Stadtverwaltung hatte eine solche Einrichtung eigentlich in der Innenstadt schaffen wollen - fand dort aber keine geeignete Immobilie. Sie wollte deshalb ein Gebäude auf ihrem Gelände an der Akademiestraße im Jungbusch errichten - dieser Standort bekam im Juni im Gemeinderat allerdings keine Mehrheit. Unter anderem CDU und Mannheimer Liste (ML) stimmten dagegen. Das Argument: Das Grundstück sei zu abgelegen.

CDU-Fraktionschef Claudius Kranz ist der Ansicht, die Stadt müsse weiter nach einem zentralen Standort suchen. Das sagte er am Dienstag bei einem Ortstermin seiner Partei auf dem Paradeplatz. Dort tauschten sich Kranz und Erster Bürgermeister Christian Specht mit Vertretern des Ortsverbands Innenstadt über die Sicherheit auf dem Platz aus. Es ging um die dort geplante Videoüberwachung genauso wie um Klagen von Anwohnern über herumliegenden Müll und davon angezogenen Ratten. Ein weiteres Thema: Trinker, die sich dort aufhalten.

Bei der Suche nach einer Immobilie für die Hilfseinrichtung müsse die Stadt unter Umständen auch von ihrer „Wunschgröße“ weg, findet Kranz. Und gegebenenfalls auch mal in einem freien Ladenlokal ein solches Angebot auch mal in kleinerem Umfang ausprobieren. Ein abgelegener Standort wie die Akademiestraße ist dem CDU-Fraktionschef zufolge nur möglich, wenn man an den bisherigen Treffpunkten der Trinker Alkoholverbote aussprechen könne. „Sonst gehen die da nicht hin.“ Die Hürden für ein solches Verbot seien aber sehr hoch - selbst der Paradeplatz erfüllt sie nicht. Seine Fraktion, so Kranz, wolle sich bei der Landesregierung dafür einsetzen, dass man ein solches Verbot leichter verhängen könne.

Thema im Ausschuss

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Die zuletzt zunehmende Bildung von Trinkertreffs zeigt nach Ansicht der SPD-Fraktion, wie wichtig eine zentrale Anlaufstelle für diese Personen sei. Das schreibt der sicherheitspolitische Sprecher Boris Weirauch in einer Pressemitteilung. Er fordert eine erneute Diskussion über das Thema im Gemeinderat und appelliert, über den Standort Akademiestraße noch einmal nachzudenken. „Diese Menschen brauchen dringend Unterstützung und mehr soziale und medizinische Betreuung mit einer festen Anlaufstelle“, betont Weirauch. Die SPD plädiert aber gleichzeitig auch für stärkere Kontrollen. Gerade erst habe der Gemeinderat den Konsum von Alkohol an Haltestellen verboten, so Weirauch. „Jetzt muss der kommunale Ordnungsdienst dafür sorgen, dass das Verbot durchgesetzt wird.“

Die Grünen werben nach wie vor für die Akademiestraße. Nach zweieinhalbjähriger Suche gebe es keinen anderen Standort, sagte Fraktionschef Dirk Grunert auf Anfrage. Und der sei auch nicht schlecht. Die Fachleute von Caritas und Drogenverein, die die Einrichtung betreiben sollen, hätten sich für die Akademiestraße ausgesprochen. „Aber wir würden auch mitgehen, wenn es Alternativen gibt.“

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Die sieht die ML. Sie spricht sich für das frühere Kundencenter der Rhein-Neckar-Verkehrsgesellschaft in K 1 an der Breiten Straße aus, das in der Vergangenheit auch schon im Gespräch gewesen sei, so Stadtrat Roland Weiß. Für seine Fraktion ist es wichtig, dass die Einrichtung an einem Platz sei, der von den Betroffenen auch aufgesucht werde. „Dann kann man was erreichen.“

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Auch im Rathaus ist das Thema noch nicht erledigt. In Sachen Standort gebe es derzeit „interne Prüfungen“, heißt es aus dem Dezernat von Bürgermeisterin Ulrike Freundlieb (SPD). In der Sitzung des Gesundheitsausschusses am 25. Oktober soll es einen Sachstandsbericht geben.

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Redaktion Redakteur in der Mannheim-Redaktion