Gesellschaft - Kurden in Mannheim fühlen sich als Terroristen beschuldigt / Wird in der Moschee für Krieg gebetet? „Haben Angst um die Familien“

Von 
Markus Mertens
Lesedauer: 
Die Flagge von Rojava – ein autonomes kurdisches Gebiet in Syrien – prägt das Bild der Demonstration am Mittwoch. © Ruffler

Mannheim. Kerim Kurt war kaum 18 Jahre alt, als er 1985 aus seiner Heimatstadt Midyat im Süden der Türkei floh. Der gläubige Jeside hatte die Repressalien der türkischen Regierung damals nicht mehr ausgehalten, kam nach Deutschland und engagiert sich heute im kurdischen Kulturverein Mannheim-Ludwigshafen. Wer Kurt fragt, wie er die Lage zwischen Kurden und Türken in Mannheim einschätzt, bekommt Sätze wie diesen zu hören: „Wir haben uns hier und vor Ort für einen Dialog gemeinsam mit neutralen Personen immer ausgesprochen, dafür aber nur Provokationen geerntet. Wir fühlen uns als Terroristen beschuldigt und haben Angst um unsere Familien in der Türkei und den Nachbarstaaten, die nun allein dastehen.“

Genaue Zahl offen

  • Mannheims Stadtverwaltung unterscheidet in ihrer Einwohnerstatistik bewusst nicht nach Ethnien.
  • Erfasst sind 27 920 Türken, die zum 31. Dezember 2018 in der Quadratestadt leben.
  • Man kann aber davon ausgehen, dass mehrere Tausend von ihnen zur kurdischen Minderheit gehören.
AdUnit urban-intext1

Wenn türkische Militärtruppen im syrischen Nordosten mit ihrer „Operation Friedensquelle“ kurdische Autonomiegebiete attackieren, spiegelt das einen Konflikt wider, der auch in Mannheim seit Jahrzehnten ausgetragen wird. Immer wieder werden bei Demonstrationen Parolen geschrien, die der jeweils anderen Seite Diktatur oder Terrorismus vorwerfen. Und oft folgten Worten auch Taten (siehe Bericht unten). Bei den jüngsten Demonstrationen in der Innenstadt bilanzierte die Polizei auf Nachfrage eine „verhältnismäßig ruhige Lage“. Am Mittwoch führte der Protestzug vom Nationaltheater über den Friedrichs- und Kaiserring bis zum Hauptbahnhof. Straßen wurden gesperrt. Angaben der Polizei zufolge kam es zu keinen Zwischenfällen.

Mannheim Kurden-Demo vom NTM zum Hauptbahnhof

Veröffentlicht
Bilder in Galerie
9
Mehr erfahren

Als Recep Tayyip Erdogan zuerst Premierminister und dann Präsident der Türkei geworden sei, so Kerim Kurt, habe es in der kurdischen Gemeinschaft zunächst große Hoffnungen gegeben, dass sich die Situation beruhige. „Erdogan hatte erklärt, dass er eine Lösung mit den Kurden finden will, doch das war nur ein Lippenbekenntnis – und das kostet nun Menschenleben.“

Hoffnung weicht Ernüchterung

In der türkischen Stadt Nusaybin nahe der syrischen Grenze, aus der Kurts Frau stammt, habe es vergangene Woche acht Tote und 36 Schwerverletzte gegeben. „Die Opfer sind beim Einkaufen niedergeschossen worden. Und die ganze Weltgemeinschaft ist schuld daran, dass hier Menschen abgeschlachtet wurden, weil das nicht verhindert wurde“, sagt Kurt. „Wenn man Erdogan weiter freie Hand lässt, wird er sich das Osmanische Reich unter türkischer Flagge zurückholen.“

AdUnit urban-intext2

Auch die Linken-Bundestagsabgeordnete Gökay Akbulut ist in großer Sorge um das Miteinander in der Mannheimer Gesellschaft: „Das Problem ist, dass aus der Demokratie-Frage eine Terror-Frage geworden ist, die in der Türkei, aber auch lokal von Propaganda überschattet wird. Dass mir zu Ohren getragen wird, wie eindringlich in Mannheimer Ditib-Moscheen für den Krieg gebetet wird, finde ich alarmierend.“ Akbulut hat selbst einen kurdischen Hintergrund und ist mit dem Konflikt aufgewachsen. Heute steht sie als Aktivistin auf Feindeslisten des türkischen Geheimdienstes.

Der stellvertretende Vorsitzende der Ditib-Gemeinde, Mikail Kibar, schreibt hingegen auf Anfrage, aus seiner Sicht gebe es einen guten Dialog. Zur Gemeinschaft gehörten kurdischstämmige und türkischstämmige Menschen. „Den offenen, ehrlichen Austausch fördern wir.“ Auf die Frage, ob er Mitglieder der kurdischen Ethik für Terroristen hält, schreibt er: „Die Klassifizierung von Terror erfolgt durch Gerichte und den jeweiligen Gesetzgeber. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen erarbeitete 2004 eine völkerrechtlich verbindliche Definition.“

2015er Erklärung gilt weiter

AdUnit urban-intext3

Cem Yalcinkaya, der stellvertretende Vorsitzende des Mannheimer Migrationsbeirats, sagt, bei Konflikten, die von außen an eine Stadtgesellschaft herangetragen werden, habe man nur „begrenzten Einfluss“ – zumal man nicht nur Türken und Kurden, sondern „viele Mosaiksteine der Türkeistämmigen in Mannheim“ betrachten müsse. „Aber letztlich muss es uns darum gehen, nicht nur übereinander, sondern miteinander zu reden und somit nicht nur Toleranz, sondern Akzeptanz zu erreichen“, so Yalcinkaya.

AdUnit urban-intext4

Unvermindert gelte die „Gemeinsame Erklärung der türkischen und kurdischen Vereine zu einem friedlichen Umgang in Mannheim“ aus dem Jahr 2015 weiter, sagt ein Stadtsprecher dem „MM“. Sie ist nach Ausschreitungen bei einem kurdischen Kulturfest auf dem Maimarkt im Jahr 2012 entstanden. Man sei mit Vertretern beider Seiten im Gespräch, um „Konflikte und Meinungsverschiedenheiten im Gespräch zu lösen“, heißt es. (mit jor)

Mehr zum Thema

Kommentar Auf dem Pulverfass

Veröffentlicht
Von
Peter W. Ragge
Mehr erfahren

Rückblick Gewalt begleitet Demonstrationen

Veröffentlicht
Von
Peter W. Ragge
Mehr erfahren

Mannheim Kurden-Demo vom NTM zum Hauptbahnhof

Veröffentlicht
Bilder in Galerie
9
Mehr erfahren

Freie Autorenschaft