Betreuung I - Erzieherinnen schreiben an Kretschmann / Notgruppen werden immer größer / Betroffene fordern Schutz ein Geschlossene Kitas? – „Das ist schlicht und ergreifend falsch“

Von 
Bertram Baehr
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Im Lockdown bleiben Kitas „grundsätzlich“ geschlossen. Aber die Notbetreuung sorgt für immer vollere Gruppen. © dpa

Mannheim. „Die Kitas sind geschlossen“: Wenn Sabine Müller diesen Satz hört, gerät sie regelrecht in Rage. Diese Behauptung sei doch schlicht unwahr, ärgert sich die Frau, die in Wirklichkeit anders heißt – und als Erzieherin in einer Mannheimer Krippe arbeitet. Eine Kollegin aus einer anderen Kita schreibt dem „Mannheimer Morgen“ in gleicher Sache: „Uns stößt zunehmend auf, dass nahezu ausschließlich über ,geschlossene Kitas’ berichtet wird, Das ist schlicht und ergreifend falsch.“

Immer mehr Kinder

Seit dem erneuten Lockdown ab Mitte Dezember 2020 gibt es in Krippen, Kitas und Schulen (hier für erste bis siebte Klassen) wieder eine Notbetreuung.

Anders als im Frühjahr 2020 können im Grunde alle Eltern, die im Job als „unabkömmlich“ gelten, diese Betreuung in Anspruch nehmen.

Im Dezember lag die Nutzung im Durchschnitt bei 22 (städtische Kitas), 18,5 (evangelische Kitas) und 17 Prozent (katholische Kitas).

Aktuell sind die Zahlen gestiegen auf 38 (Stadt), 41,7 (evangelisch) und 30 (katholisch). Bei Krippen liegen sie höher, in katholischen Einrichtungen zum Beispiel bei 45 Prozent. bhr

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Beide haben recht – auch wenn der eingangs zitierte Satz genau so auf der Internetseite des Landes Baden-Württemberg unter den „Regelungen für den Lockdown“ steht. Ein paar Absätze weiter unten heißt es aber auch: „Notbetreuungen werden eingerichtet.“ Und das ist der springende Punkt: Kitas sind „grundsätzlich“ geschlossen, bieten aber eine „Notbetreuung“. Die kann im Grunde von jedem in Anspruch genommen werden, der im Beruf als „unabkömmlich“ gilt. Im Frühjahr 2020 war das noch anders. Das Land ging sehr restriktiv vor – und ließ Betreuung zunächst nur für sogenannte „systemrelevante“ Gruppen zu.

Die neue Regelung führt dazu, dass sich die „Notbetreuung“ inzwischen immer mehr einem Regelbetrieb annähert. Nutzten in den städtischen und kirchlichen Kitas im Dezember noch zwischen 17 und 22 Prozent der Eltern die Möglichkeit, liegen die Zahlen mittlerweile bei 30 bis 42 Prozent – in den Krippen tendenziell sogar noch höher.

Der Mannheimer Stadtelternbeirat (STEB), also die Vertretung für die Nutzer von städtischen Betreuungseinrichtungen, bezeichnet die grundsätzliche Öffnung für Berufstätige als Verbesserung gegenüber dem Frühjahr 2020. So bekomme „jeder, der beruflich auf Betreuung angewiesen ist, die Möglichkeit“, so der STEB am 6. Januar. Aber gerade das stößt beim Kita- und Krippenpersonal auf Kritik. „Wir müssen alle Kinder auffangen und uns der Gefahr aussetzen, die die Eltern vermeiden können. Wir haben täglich Kontakt zu 80 Haushalten“, schrieb beispielsweise Natascha Hammer am Montag in einem Leserbrief.

Land peilt Öffnung am Montag an

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Möglicherweise ist diese Diskussion ohnehin überholt. Denn am Dienstag stellte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) in den Raum, dass Kitas und Grundschulen im Land vom kommenden Montag an schrittweise wieder öffnen könnten. Die endgültige Entscheidung werde er aber erst an diesem Mittwoch treffen. Lediglich wenn sich die neuen, wohl aggressiveren Virusvarianten aus Großbritannien oder Südafrika im Südwesten verbreiteten, gebe es eine neue Lage. Dann müssten Lockerungen wahrscheinlich wieder zurückgenommen werden.

Erzieherin Sabine Müller lehnt eine vollständige Öffnung schon unter den derzeitigen Bedingungen ab. Gemeinsam mit zehn Kolleginnen hat sie deshalb einen Brief an Kretschmann geschrieben, der dem „MM“ vorliegt. Erzieherinnen und Erzieher seien die mit am meisten von Corona-Erkrankungen betroffene Berufsgruppe. Das sei auch nicht verwunderlich, „da kaum ein anderer Arbeitnehmer engeren, körperlichen Kontakt zu anderen Menschen hat als wir. Krippenkinder niesen und husten weder in die Armbeuge, noch können sie sich selbst die Nase putzen. Außerdem benötigen sie noch sehr viel körperliche Zuwendung und müssen selbstverständlich noch gewickelt werden“, schreiben die Erzieherinnen.

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Auch sie hätten „Kinder, Eltern, Großeltern, Partner mit Vorerkrankungen, die es zu schützen gilt“, schreiben die Betroffenen. Aber das scheine „bei der Diskussion über Recht auf Bildung der Kinder nicht wichtig genug zu sein. Uns ist klar, dass dies eine schwierige Zeit für alle ist und die Kinder wieder Normalität brauchen, aber unsere Gesundheit sollte nicht leichtfertig gefährdet werden“, so die Erzieherinnen.

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Die Elternvertretung weiß um dieses Spannungsverhältnis. Der STEB befürworte grundsätzlich eine Öffnung, „allerdings mit weiteren Konzepten und Plänen“ und „mehr kreativen Ideen“. Masken, Schnelltests – vieles sei denkbar. „Auch sollten möglichst schnell wissenschaftliche Zahlen zu den Virusmutationen und insbesondere der Ansteckung und Übertragung von Kindern vorliegen“, hofft der STEB.

Masken für Erzieher gibt es – wenn auch nicht vom Land. Eine Nachfrage bei Stadt und beiden Kirchen ergab, dass FFP2-Masken bei Bedarf kostenlos gestellt werden.

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