Pferdesport - Erster offizieller Renntag des Badischen Rennvereins findet ohne Publikum statt / Neun Rennen mit insgesamt 91 Reitern / Jockeys mit Atemschutz Geister-Galopp beim ersten Renntag in Seckenheim

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Markus Mertens
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Volle sportliche Unterhaltung vor leeren Rängen – diese ungewöhnliche Szenerie bot sich beim Frühjahrs-Renntag auf der Waldrennbahn in Seckenheim. © Markus Mertens

Ein Funken Selbstironie ist bisweilen die beste Waffe gegen Ernüchterung. Wer den Präsidenten des Badischen Rennvereins (BRV), Stephan Buchner, jedenfalls auf seine Gefühle zum ersten offiziellen Geister-Renntag in Seckenheim anspricht, unterhält sich an diesem Tag mit keinem frustrierten Funktionär, sondern bekommt vielmehr ein wissendes Lächeln zur Antwort.

Geister-Renntag

  • Mit neun Geisterrennen und insgesamt 91 Reitern konnte der Badische Rennverein zum Frühjahrs-Renntag mit deutlicher Verspätung in seine aktuelle Saison auf der Waldrennbahn starten.
  • Der geplante Saisonstart im April sowie die Badenia im Mai waren aufgrund der Kontaktverbote sowie geltenden Corona-Maßnahmen behördlich untersagt worden.
  • Auch für den aktuellen Renntag war der Aufenthalt auf dem Gelände „nur aktiv teilnehmende Personen“ vorbehalten – Pferdebesitzer und Zuschauer waren nicht zugelassen. Rennen wurden im Internet kostenfrei per Livestream übertragen.
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Denn es war der 30. Juni 2002, an dem eine ganze Nation der deutschen Elf im Finale der Fußball-Weltmeisterschaft gegen Brasilien die Daumen drückte - und auf der Waldrennbahn heimlich, still und leise ein Renntag über die Bühne ging, von dem zumindest live nur ein harter Kern wirklich Notiz nahm. „Wenn man es so betrachtet, hatten wir unseren ersten Geister-Renntag schon vor 18 Jahren, und das ganz ohne Corona“, wie sich Buchner augenzwinkernd erinnert - nach Wochen erzwungener Abstinenz aber dennoch „höchst erleichtert“ auf einen wieder ermöglichten Rennbetrieb blickt. Bereits in den vergangenen beiden Monaten hatten die Organisatoren durch geltende Corona-Verordnungen neben dem Saisonstart auch die traditionelle Badenia absagen müssen. Um nun den verspäteten Einstieg ins Rennjahr zu gewährleisten, hatte der Badische Rennverein mit der Dachorganisation Deutscher Galopp ein Hygiene- und Sicherheitskonzept erstellt, dem das Kultusministerium schließlich zustimmte - und den Weg zu ungewohnten Rennvergnügen freimachte: Zu einer Szenerie, die sich den Wenigen, die als „aktiv teilnehmende Personen“ an diesem Nachmittag tatsächlich auf das Gelände dürfen, durchaus ungewohnt präsentiert. Wo sich normalerweise bereits am Führring ganze Scharen begeisterter Pferdefreunde bilden, geleiten maskierte Pferdeführer die Protagonisten zum Aufwärmen. Die Atmosphäre gleicht der eines Morricone-Westerns - in voller Erwartung auf den ersten eröffnenden Schuss.

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Auf den lässt Starter Gerhard Mayer dann auch keine Sekunde länger als angekündigt warten. Dass Mayer zwischen Starthelfern und Sanitätern, Stampfern und Stall-Mitarbeitern in diesem Augenblick eine von maximal 100 Personen auf dem Seckenheimer Grün ist, das sonst die Jubelschreie von bis zu 10 000 Anhängern des Pferderennsports vereint, gehört zu einer Zeit, die Richtung Normalität strebt, aber dennoch Sicherheit fordert. Dazu gehört auch, dass die 91 Jockeys der insgesamt neun Rennen - trotz der körperlichen Belastungen - sämtlich mit Atemschutz antreten. „Von den Sandbahnrennen, die im Sommer absolviert werden, kennen viele Reiter diese Schutzsituation bereits“, wie BRV-Präsident Buchner klarstellt - bei absehbar engen Duellen zähle Sicherheit von Tier und Athlet.

Keine 24 Stunden vor Rennbeginn hatte die Tierschutzorganisation PETA den Mannheimer Renntag wiederholt als „reine Wettveranstaltung für Zocker“ kritisiert, bei der „Pferde als Sportgeräte missbraucht und mit Peitschenschlägen zu Leistungen angetrieben werden, denen sie körperlich nicht gewachsen sind.“ All das geschehe, so PETA, einzig „mit dem Ziel, durch die Wetteinnahmen Profit zu erwirtschaften - auf Kosten der Tiere.“ Vorwürfe, die BRV-Präsident Buchner so nicht stehen lassen will: „Ich habe PETA mehrfach dazu eingeladen, einen unserer Renntage zu besuchen, sich alles anzusehen und mit mir ins Gespräch zu kommen - ich habe dazu nie eine Rückmeldung erhalten. Grundsätzlich können wir sagen: Überall, wo Profis am Werk sind, wird selbstverständlich auch Geld verdient, aber nicht zum Leid der Tiere.“ Um vielen das Rennen zumindest nach Hause zu bringen, habe man auf einen kostenfreien Livestream gesetzt, „die Umsätze der Eintrittsgelder gehen uns dennoch verloren“, so Buchner. Zwar habe sich nicht zuletzt bei Rennen in Iffezheim gezeigt, dass auch bei Online-Wetten relativ konstant mit Einsätzen in Höhe von rund etwa 250 000 Euro zu rechnen sei - doch schütten die Wettanbieter nur 20 Prozent davon an den Veranstalter aus. Mit diesen 50 000 Euro erreiche man gerade so die schwarze Null, so Buchner.

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