Gesellschaft Frost und Corona setzen Obdachlosen schwer zu

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Mannheim. Obdachlose leiden unter dem strengsten Winter seit langem – und unter den Folgen der Corona-Pandemie. Unser Autor war 30 Jahre ohne festen Wohnsitz. Heute fordert er mehr Hilfen, auch von der Stadt Mannheim. Gastbeitrag von Richard Brox

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Der Winter von 2020 auf 2021 in Deutschland wird uns noch lange beschäftigen. Er ist hart und streng. Härter und strenger als die vielen Jahre und Jahrzehnte davor.

Vom Obdachlosen zum Bestsellerautor und Literaturpreisträger

Richard Brox wurde 1964 in Mannheim geboren und wuchs im Stadtteil Schönau auf. Als Kind galt er als schwer erziehbar und besuchte nur knapp vier Jahre die Schule.

Nach Aufenthalten in Kinder- und Jugendheimen wurde er 1986 durch eine Zwangsräumung wohnungslos. Nach einer Entziehungskur von seiner damaligen langjährigen Drogenerkrankung wurde Brox 1990 endgültig obdachlos und lebte fortan etwa 30 Jahre als Obdachloser ohne festen Wohnsitz im gesamten deutschsprachigen Raum.

Als Autodidakt lernte er durch das Lesen von Fach- und Sachbüchern das Schreiben und entdeckte seine Gabe, Texte zu verfassen. 2004 entschloss er sich, einen Blog online zu stellen, in dem er sein Wissen über Wohnungslosenhilfe für Obdachlose zugänglich machte. Das war bis dato einmalig. Hierfür wurde er drei Mal in Folge für den Deutschen Engagementpreis und einmal für den „taz Panter Preis“ nominiert.

2008 lernte Richard Brox den Kölner Journalisten und Schriftsteller Günter Wallraff kennen, den er 2009 als Protagonist in seiner ZDF-Reportage „Unter Null – Obdachlos durch den Winter“ begleitete. Daraus entstanden eine Freundschaft und die Idee, sein Leben in Buchform aufzuschreiben.

2017 erschien seine Biografie als Taschenbuch beim Rowohlt-Verlag, wurde zum Bestseller und das meistverkaufte Sachbuch 2018 im Bereich deutschsprachige Biografien. 2020 bekam Brox in Taiwan den renommierten Preis „Open Book Award 2020“ (bestes fremdsprachiges Sachbuch) verliehen.

Seit 2020 ist er Mitglied in den Vereinen „Mannheim sagt Ja“ und in der Selbstvertretung Wohnungsloser Menschen.

Heute wohnt Brox hauptsächlich in Köln. Dort widmet er sich seinen Ehrenämtern und dem Schreiben.

Brox beschreibt sich selbst als Einzelgänger. Er sei kein Familienmensch und resilient. Seine Freude gilt dem SV Waldhof. red

Ein Winter, der uns noch lange in Erinnerung bleibt. Denn zu Kälte, Frost, Schnee und Eis kommt die Corona-Pandemie hinzu, mit den uns allen hinlänglich bekannten negativen Begleiterscheinungen. Mensch und Tier leiden unter den aktuellen Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, insbesondere die Alten, die Kranken und Menschen mit Behinderungen.

Doch das meiste Leid in diesen Tagen tragen die Obdachlosen. Menschen in sozial sehr schwierigen und prekären Lebenslagen, von denen sich schätzungsweise 40 bis 60 Menschen ohne ein Dach über dem Kopf in Mannheim aufhalten und ein paar Hundert im gesamten Rhein-Neckar-Raum. Menschen, die bei Wind und Wetter permanent draußen sind und dort irgendwo im Freien ungeschützt Platte machen, und als mittellose Pendler ohne Obdach auf der Suche nach einer geschützten Bleibe umherziehen.

Von Nöten gepeinigt

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Menschen unterschiedlicher Herkunft. Darunter viele Osteuropäer und Geflüchtete, die ebenfalls unsere Hilfe, Schutz und Sicherheit brauchen und verdienen.

Menschen, die von Sorgen und Nöten geprägt und gepeinigt sind und die von dieser Art zu leben gerade jetzt in dieser Jahreszeit ausgelaugt und geschädigt sind. Neben Alkohol- und Drogenerkrankungen sind es vielfach die psychischen Erkrankungen oder Schicksalsschläge wie Scheidung oder Tod einer geliebten Person, die sie in die Obdachlosigkeit getrieben haben. Heimatlos zu sein und draußen zu leben ohne ein Dach über dem Kopf, ohne eigene Wände um sich herum, bedeutet schon immer ein Leben ohne Schutz, Recht und Würde. Es gibt hier keine Wärme von außen, die trocknet und gesund hält. Oft fehlt auch die Wärme von innen.

„Nicht erreichbar“

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Aber in der Pandemie werden Wohnsitzlose durch die Gesetzesänderungen besonders scharf getroffen: Sie müssen ohne die bislang möglichen Orte des Rückzugs auskommen, ohne regelmäßige Versorgung mit Lebensmitteln, Getränken, Bekleidung, ohne finanzielle Zuwendungen wie Bettelgeld oder das Sammeln von Leergut. Den Ärmsten der Armen fehlen die Tagesaufenthalte zum Aufwärmen, Wärmestuben mit Duschen und Waschmaschinen zum Wäsche waschen. Auch die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln durch die Tafel ist nicht mehr regelmäßig gewährleistet.

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Die Stadt Mannheim musste zum Beispiel wegen der dringend gebotenen Covid-19-Maßnahmen die Aufnahmekapazitäten in der für gewohnt sehr guten Notübernachtung in der Bonadiesstraße reduzieren. Das hatte zur Folge, dass die Zahl der Obdachlosen in der Quadratestadt sich erhöhte. Viele Obdachlose meiden allerdings Unterkünfte, haben sie doch Angst davor, in Notschlafstellen von anderen Bewohnern belästigt, bestohlen oder bedroht zu werden. Des weiteren sind Anlauf- und Beratungsstellen für Wohnsitzlose, so im Amtsdeutsch, teilweise zu oder nur vermindert erreichbar. Das Jobcenter am Nationaltheater oder das Sozialamt an der Kurpfalzbrücke sind wie viele andere Behörden im Homeoffice und nicht mehr unmittelbar persönlich erreichbar. In Essensausgabestellen sieht es ähnlich aus: Die einen sind geschlossen oder nur eingeschränkt geöffnet, die anderen überfüllt und deshalb „nicht erreichbar“.

In der Innenstadt von Mannheim fehlen die Fußgänger, die hin und wieder den Obdachlosen ein paar Euros gaben. Auch die geregelte Auszahlung von Tagessätzen ist nicht mehr reibungslos machbar. Keine Tagessätze zu bekommen bedeutet aber kein Hartz IV und keine Krankenversicherung. Ein Leben ohne Almosen, ohne Tagessatz – wie viel Würde und soziale Teilhabe ist dann noch möglich?

Nicht nur für Obdachlose ist es der vielleicht schlimmste Winter der Nachkriegsgeschichte, und der Winter ist noch lange nicht vorbei. Dabei wäre Abhilfe möglich: zum Beispiel durch die Öffnung von leerstehenden Hotels, Pensionen und Gästehäusern in direkter Zusammenarbeit mit der solide funktionierenden Facheinrichtung der Wohnungslosenhilfe in der Holzstraße.

In den bereits vorhandenen Wohnheimen der Stadt und in den Beherbergungsbetrieben könnten die Obdachlose dann sozial und medizinisch betreut und begleitet werden. Eine Vorstufe zu Resozialisierung, Reintegration, Rehabilitation und gleichfalls auch ein lohnender Versuch der Sesshaftmachung. Mit Sicherheit aber die beste Lösung zur Gefahrenabwehr, damit niemand draußen bei Nacht und Kälte dem Erfrierungstod zum Opfer fällt.

Erfreuliches Umdenken erreicht

Gäbe es die Corona-Pandemie nicht, hätte und hat meine Heimatstadt durchaus bessere Angebote für Hilfesuchende, als es noch zu meiner Zeit war. Als ich 1986 obdachlos wurde, hat sich die Stadt gegenüber Hilfebedürftigen, wie ich einer wurde, eher wie ein tiefschwarzer Rabe in der finsteren Nacht verhalten. Da haben heute die Obdachlosen und ihre Unterstützer durch ständige Aufklärung und praktische Arbeit zumindest teilweise ein erfreuliches Umdenken erreicht.

Menschen, die in Armut leben, haben es verdient, mit Anstand und Würde behandelt zu werden. Ihnen darf die Hoffnung nicht genommen werden! Obwohl es mittlerweile also in Ansätzen wertvolle Hilfe für die Not der Ärmsten der Armen gibt, fehlen doch noch der Wille und die Einigkeit zur flächendeckenden Unterstützung. Sowohl für Obdachlose als auch für mittellose Geflüchtete. Würden alle Verantwortlichen in Amt und Würden an einem Strang ziehen, wäre dieser Ausnahmewinter für Obdachlose zu ertragen, ohne dass sie zukünftig Angst haben müssten, frühzeitig zu sterben.

30 Jahre habe ich deutschlandweit ohne festen Wohnsitz gelebt. Spuren, die sich tief in mir eingruben, meine Lebensweise veränderten und mich zu einem Eremit und Vagabunden machten. Heute hier, morgen dort.

Aber immerhin: Aus einem Heimkind wurde ein Wandersmann. Aus einem Bettler wurde ein Autor, sogar ein Bestsellerautor und jetzt auch noch ein Literaturpreisträger, wenn auch im fernen Taiwan.

Der Ärmste von allen

Was ich erfahren und erlebt habe, schrieb ich in meiner Biografie nieder. Alles ohne einen Schulabschluss, ohne Berufsausbildung und ohne eine Familie, die mich hätte stützen können. Heute resilient zu sein, für Menschen da zu sein, denen es schlechter geht als mir – damit möchte ich zurückgeben, was mir auch durch die Hilfe anderer gelungen ist.

Wer kein Dach mehr über dem Leben hat, hat alles verloren und ist fürwahr der Ärmste von allen.

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