Rhein-Neckar-Flugplatz setzt neues Glatteiswarnsystem ein / Flugverkehr wegen Corona um 20 Prozent zurückgegangen Freie Piste auch bei Eis und Schnee

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Peter W. Ragge
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Andreas Münch, Betriebsmeister der Rhein-Neckar Flugplatz GmbH, zeigt die Sensoren des Glatteiswarnsystems und das Messfahrzeug. © Michael Ruffler

Neuostheim. Überall Schneetreiben und Eis – nur in Mannheim nicht. Zwei Geschäftsreiseflugzeuge wollten in dieser Woche morgens eigentlich auf anderen Plätzen in der Region ankommen. Tatsächlich gelandet sind sie dann um 8 Uhr und um 9 Uhr in Neuostheim. Möglich gemacht hat das ein neuartiges Glatteisfrühwarnsystem, das auch bei heftigem Winterwetter auf dem Rhein-Neckar-Flugplatz für eine freie Landebahn sorgt.

Flugplatz Neuostheim

  • Der City Airport, betrieben von der Rhein-Neckar-Flugplatz GmbH, besteht seit 1926 in Neuostheim.
  • Hier stationiert ist die Rhein-Neckar Air, die mit 31-sitzigen Flugzeugen vom Typ Dornier 328 normalerweise täglich nonstop von Mannheim nach Berlin und Hamburg sowie von April bis Oktober zu viermal wöchentlich nach Sylt fliegt.
  • Die Zahl der Flugbewegungen ist von etwa 40 000 in 2019 auf 32 000 in 2020 zurückgegangen, darunter waren 5200 Segelflugzeuge in 2019 und 4700 in 2020.
  • Am Flugplatz gibt es 24 Hangars. Hier stationiert sind 152 Flugzeuge (Vorjahr: 149), darunter 15 Jets (Vorjahr: 16), meist von großen Firmen der Region wie HeidelbergCement, SAP, Südzucker, Bauhaus sowie Maschinen für Cargo-Charterflüge. Seit 1. Juli 1986 ist am Flugplatz der Rettungshubschrauber „Christoph 53“ stationiert.
  • Die Flugplatzfeuerwehr umfasst 16 Einsatzkräfte. Vier müssen bei Linien- und Frachtflugbetrieb da sein. Sie verfügt über zwei Tanklöschfahrzeuge und zwei Kleinfahrzeuge. 
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„Das hilft uns ungemein, wir sind da ganz glücklich“, lobt Andreas Münch, Betriebsmeister und Abteilungsleiter Technik, das System. Es besteht aus vier in die Landebahn integrierten Bodensonden, von denen zwei aktiv und zwei als Ausfallreserve verlegt sind. Sie befinden sich mitten auf der 1100 Meter langen Asphaltpiste und messen die Temperatur, die derzeit auf der Start- und Landebahn herrscht, sowie die Dicke eines Wasserfilms (bei Regen) oder von Schlamm, Schnee und Eis.

Zudem können sie erkennen, wie viel Enteisungsmittel sich noch auf der Fläche befindet und wie lange es noch wirkt. Ergänzt werden die Bodensoden mit atmosphärischen Sensoren sowie einem Gerät, das alle meteorologischen Daten registriert – Niederschlag, Windgeschwindigkeit, Temperatur. Eine Schnittstelle zum Deutschen Wetterdienst (DWD) speist die Daten von 1200 Wetterstationen aus Deutschland ein. „Daraus berechnet uns das System mit einer Simulation genau, wie die Temperatur fällt und wann die Bahn dann vereist – mit genügend Vorlauf, um reagieren zu können“, erklärt Münch.

Das System schickt die Vorwarnung direkt auf die Computer der Flugsicherung im Tower sowie aller zuständigen Mitarbeiter, zudem mit einer speziellen App auf alle Handys. „Damit können sich die Kollegen auch zu Hause rechtzeitig darauf einstellen, wann sie kommen und loslegen müssen“, so Münch.

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Schließlich hat immer ein Teil der neun Mitarbeiter des Betriebsdienstes, die für Winterdienst wie Betankungen, Feuerwehr-Aufgaben und Reparaturen zuständig sind, ab 3 Uhr nachts Bereitschaft. Ab 6 Uhr morgens, so ist die Regel, muss die Start und Landebahn stets betriebsbereit sein – auch bei Winterwetter und Glätte.

„Ein gewaltiger Vorteil“

„Früher hatten wir nur eine Kamera, um die Piste im Auge zu behalten“, macht Reinhard Becker, der Geschäftsführer der Rhein-Neckar-Flugplatz GmbH, den Unterschied deutlich. Heute könnten die Mitarbeiter sich von zu Hause ins Computersystem einloggen oder per Handy alarmiert werden – sie würden in jedem Fall rechtzeitig alarmiert. „Ein gutes Frühwarnsystem und damit ein gewaltiger Vorteil“, sagt Becker. Zudem helfe das 30 000 Euro teure System auch, die Enteisungsmittel genauer zu dosieren, denn die Sensoren zeigen an, welche Menge gebraucht wird.

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Um die Landebahn stets schnee- und eisfrei zu halten, hat die Flugplatz-Mannschaft ein großes Kehrblasgerät. Es verfügt nicht nur über einen sehr breiten Schneeschieber, sondern zudem über eine Bürste und ein Hochdruckgebläse, um die gekehrte Fläche zu trocknen sowie von Restschnee zu reinigen. Hinzu kommt ein Traktor mit Schneepflug sowie ein kleineres Gerät für Fußwege und Fahrbahnen. Salz darf nicht gestreut werden, „wegen der Korrosionsgefahr“, wie Rainer Jakob, der Leiter der Flugplatzfeuerwehr, erläutert. Daher verwenden die Platzwarte Calciumchlorid. Ob die Bahn genutzt werden kann, testen sie mit einem Fahrzeug, an das ein spezieller Reifen montiert ist, der 140 Kilo Belastung – wie bei einem Flugzeug – simuliert. „Er testet den Reibungswiderstand“, erklärt Münch. „Surface Friction Tester“ nennt sich dieser Wagen.

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Auch wenn der Flugverkehr wegen der Corona-Pandemie abgenommen hat – Langeweile hat das Flugplatz-Team nicht. „Der Frachtverkehr hat sogar zugenommen“, beobachtet Jakob. Charter-, Geschäftsreise- und Sportflieger starten unverändert. Weil die Linien der Rhein-Neckar-Air in die Metropolen Hamburg und Berlin aufgrund geringer Nachfrage ausgesetzt sind und Starts auf die Nordseeinsel Sylt erst wieder ab April erfolgen, heben aber weniger Maschinen ab. „Um etwa 20 Prozent“, so schätzt Becker, sei der Verkehr in Neuostheim zurückgegangen. Dagegen nahm am Frankfurter Flughafen der Passagierverkehr um 80 Prozent ab, am Bodensee-Airport Friedrichshafen um 75 Prozent. „Im Vergleich dazu stehen wir noch gut da“, so Becker.

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