Klimaforst - Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW) weist Greenpeace-Kritik an Pflanz-Versuchen mit neuen Baumarten zurück Förster wollen Risiko streuen

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Thorsten Langscheid
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Im Rheinauer Wald fand der Kiefern-Kahlschlag bereits im Winter 2018/19 statt. Das Forstamt experimentiert jetzt mit Mittelmeer-Baumarten. © Thomas Tröster

Wie werden die Stadtwälder in Zukunft aussehen? Um dieses Frage wird zur Zeit heftig gestritten. Vertreter der Umweltschutzorganisation Greenpeace setzten sich für eine „Waldwende“ ein, bei der möglichst gar nicht mehr in die Bestände eingegriffen werden solle. Baumfällungen, der Verkauf von Holz und die Art und Weise, wie Schonungen angepflanzt wurden, stießen bei den Umweltschützern auf Kritik: „Hier wird alles falsch gemacht, was falsch gemacht werden kann“, hatte Greenpeace-Forstexperte Volker Ziesling (Speyer) bei einem Termin im Mannheimer Süden Anfang Februar geurteilt (wir berichteten).

Mannheimer Stadtwälder

  • Der Mannheimer Stadtwald umfasst genau 1425 Hektar und besteht zu 47 Prozent aus den Laubbaumarten Eiche, Buche, Traubenkirsche und andere sowie zu 43 Prozent aus den Nadelbaumarten Wald- und Schwarzkiefer.
  • Der Wald ist seit 2007 nach Paragraph 33 des baden-württembergischen Waldgesetzes ein Erholungswald, für den eine Konzeption mit Erholungs- und Freizeiteinrichtungen für die Naherholung sowie ruhigeren Bereichen festgelegt wurde.
  • Zudem steht der Stadtwald unter Natur- und Landschaftsschutz: 86 Prozent der Fläche sind Landschaftsschutzgebiet, 12 Prozent Naturschutzgebiet. Hinzu kommen Vogelschutz- (12 Prozent) und EU-Naturschutzgebiete (58 Prozent), sowie Wasserschutzgebiete, Schonwald und Bannwald (21 Hektar).
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Dagegen wendet sich nun der langjährige Forstamtsleiter in Bruchsal, Mannheim und im Rhein-Neckar-Kreis sowie Fachmann für die Kiefernbestände in den Haardtwäldern der Rheinebene, Sebastian Eick (kl. Bild), im Gespräch mit dieser Redaktion. Die Greenpeace-Kritik laufe „völlig ins Leere“, so Eick, der gerade kürzlich in den Ruhestand verabschiedet wurde. Denn die Suche nach neuen, möglicherweise besser an Hitze, Trockenheit und nährstoffarme Böden gewöhnte Baumarten, betreffe überhaupt nur einen „fast verschwindend kleinen Teil des Waldes.“ Die Pflanzversuche seien zudem „durchaus ergebnisoffen“, wie der Forstpraktiker aus Erfahrung sagen kann: „Wir wissen eben noch nicht genau, welche Baumarten oder welchen Mix an Baumarten der Stadtwald künftig herausbildet.“

Klar sei aber, dass es einige „vielversprechende Kandidaten“ gebe, wie zum Beispiel die Zeder. Von den 1425 Hektar Stadtwald in Mannheim werde derzeit auf etwas mehr als zwei Hektar mit solchen „nichtheimischen Baumarten“ experimentiert, auf vier weiteren Hektar werden heimische Arten aufgeforstet. In den Planungen bis 2029 („Forsteinrichtung“) sei vorgesehen, etwa fünf Hektar Wald pro Jahr neu anzupflanzen, rund 50 Hektar bis zum Ende des Jahrzehnts.

„So viel Geld, unseren Stadtwald in kurzer Zeit komplett zum mediterranen Forst umzubauen, haben wir überhaupt nicht“, so Eick. Im gesamten übrigen Stadtwald finde demnach sowieso das statt, was Umweltschützer fordern: „Der Wald verjüngt sich selbst“, erklärt Sebastian Eick. Im Dossenwald geschehe dies dadurch, dass unter den absterbenden Kiefern hauptsächlich die sogenannte spätblühende Traubenkirsche gedeihe. „Unter ökologischen Gesichtspunkten keine erstrebenswerte Entwicklung“, wundert sich Eick auch über Kritik, dass die Traubenkirsche nach wie vor „bekämpft“ werde – also als „invasive Art“, die eigentlich nicht in die Rheinebene gehört, auch gefällt wird.

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Doch nicht in die Rheinebene gehören durchaus auch die Kiefern, die das Bild des heimischen Waldes rund um Mannheim seit Jahrzehnten und Jahrhunderten prägen. Man habe bereits im 18. Jahrhundert damit begonnen, die damals als Weide und Holzvorrat übernutzten und geradezu „ausgeplünderten“ Eichenmischwälder der Region mit Kiefern aufzuforsten.. Die Baumart wurde auch gewählt, um die Holzvorräte wieder aufzuforsten, die als Reparationsleistungen in der Nachkriegszeit an die Alliierten geliefert werden mussten. „Das hat man seinerzeit für den richtigen Weg erachtet“, so Eick.

Heute würde man wohl anders entscheiden, da alleine im letzten Jahrzehnt die Durchschnittstemperaturen so stark angestiegen sind, dass die Kiefer nun auf breiter Front „ausfällt“. Kein Wunder, gehört dieser Baum doch eher nach Nordeuropa. Als Ersatz könnte die deutsche Eiche wieder ins Gespräch kommen. Im benachbarten Hessen, darauf weist Eick hin, werde daher ausschließlich die Aufforstung von Eichenbeständen finanziell gefördert.

Notfallplan des Landes

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In Baden-Württemberg will man sich dagegen „breiter aufstellen“, erklärt Eick. Der Landtag hat für dieses und das kommende Jahr insgesamt 40 Millionen Euro für einen „Notfallplan Wald“ – und damit genau für Pflanzversuche, wie sie in Mannheim und anderen Forstbezirken angelaufen sind – beschlossen. Ob dieses Geld angesichts der Corona-Krise nun noch freigegeben wird, sei unklar. Klar sei aber, dass man mit den Versuchspflanzungen nicht scheitern möchte. Eick: „Wir wollen das Risiko, dass sich eine der gewählten Baumarten am Ende doch nicht eignet, möglichst breit streuen.“

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