Interview - Schülersprecher Oskar Weiß über psychische Gesundheit, Wechselunterricht und besondere Fähigkeiten des Abiturjahrgangs 2021 Fernlernunterricht als neues Schulmodell

Von 
Stefanie Ball
Lesedauer: 
Eine Mischung aus Distanzlernen und Präsenzunterricht wäre für Oskar Weiß eine Überlegung. © dpa

Mannheim. Oskar Weiß geht in die zwölfte Klasse des Feudenheim Gymnasiums und ist Mitglied im Schulbeirat der Stadt. Er fordert, einen Corona-Bildungsfonds für benachteiligte Schülerinnen und Schüler aufzulegen, und schlägt vor, das psychische Wohlergehen zum Thema im Lehrplan zu machen.

Oskar Weiß

  • Oskar Weiß (18) geht in die zwölfte Klasse des Feudenheim Gymnasiums, er hat zwei jüngere Schwestern und ist als freier Musikproduzent und DJ unterwegs.
  • Er ist außerdem Mitglied im Schulbeirat, dem Gremium, das die Interessen der Schulen in Mannheim vertritt.
  • Nach dem Abitur will Weiß studieren, allerdings wird er wohl erst eine Pause einlegen in der Hoffnung, dass die Pandemie Anfang nächsten Jahres vorüber ist. sba
AdUnit urban-intext1

Herr Weiß, Sie stehen kurz vor ihrem Schulabschluss. Fürchten Sie, dass das Abitur 2021 schlechter ausfallen könnte, einfach weil zuletzt viel an „normaler“ Schule ausgefallen ist?

Oskar Weiß: Das ist eine der Hauptsorgen in den Abschlussklassen. Viele wissen aber auch, dass es nichts bringt, das immer wieder hervorzuheben, sondern dass wir das Beste daraus machen müssen, dass wir für unsere eigene Zukunft jetzt noch einmal richtig ranklotzen müssen. Nur so schaffen wir das. Wir haben vielleicht nicht dieselbe Vorbereitung gehabt wie andere Jahrgänge, wir haben aber gezeigt, dass wir widerstandsfähig sind und trotz dieser besonderen Bedingungen Leistung bringen können.

Können das denn alle Schülerinnen und Schüler – allein ranklotzen?

AdUnit urban-intext2

Weiß: Das schaffen sicherlich nicht alle. Vor allem für die unteren Jahrgänge ist das eine riesige Herausforderung, mehrere Stunden am Tag am Computer zu sitzen, an Online-Konferenzen teilzunehmen und sich den Unterrichtsstoff selbst zu erarbeiten.

Was ist mit denen, die hier nicht mitkommen?

AdUnit urban-intext3

Weiß: Wir haben Wirtschaftshilfen in Milliardenhöhe aufgenommen. Warum können die Länder oder der Bund nicht auch Gelder bereitstellen, um einen Bildungsfonds aufzubauen, der speziell Kinder und Jugendliche, die im Lockdown zurückgeblieben sind, mit Nachhilfeunterricht und Förderprogrammen unterstützt? Die Pandemie ist ja nicht vorbei, nur weil die Inzidenzen sinken. Die Folgen der Krise kommen erst.

AdUnit urban-intext4

In Deutschland haben es Kinder aus einkommensschwachen Haushalten ungleich schwerer, einen hohen Schulabschluss zu erlangen, als Kinder aus der Bildungsschicht. Das war schon vor Corona so. Wie sehr hat sich die Bildungskluft vertieft?

Weiß: Schulen in Brennpunktvierteln erreichen teils 20 bis 30 Prozent ihrer Schüler nicht. Das ist ein großes Problem. Doch auch an Gymnasien gibt es solche Fälle, Eltern, die sagen: „Ach, der Online-Unterricht ist nicht so wichtig, pass bitte lieber auf deinen kleinen Bruder auf“. Das sind Geschichten, die geben einem zu denken.

Wie ist die Stimmung unter Schülern?

Weiß: Es macht sich insgesamt eine etwas deprimierende Stimmung breit. Wir hatten vor kurzem eine Online-Diskussion unter Schülern, und da waren Leute, die gesagt haben, hey, das ist momentan echt viel und wir haben noch Probleme neben der Schule, innerhalb der Familie, vielleicht ist jemand an Corona erkrankt oder es gibt andere Schwierigkeiten, und man kommt nicht wirklich raus aus dem Haus, das lastet auf einem.

Sollte das mehr zum Thema werden – die Frage: Wie geht es den Kindern und Jugendlichen eigentlich?

Weiß: Das wäre ein Punkt, den man angehen könnte, die Schüler einmal zu fragen, wie viel Spaß sie am Lernen haben. Ob sie eine Eins in Mathe schreiben, ist ja oft ein bisschen nebensächlich. Man müsste den Lehrplan einer Entschlackungskur unterziehen, manche Dinge streichen und eventuell das Thema der Schülergesundheit integrieren.

Ab dieser Woche starten die Grundschulen und die Abschlussjahrgänge wieder mit dem Präsenzunterricht. Funktioniert Schule ohne Präsenz und Lehrer nicht?

Weiß: Ja und Nein. Wir brauchen jemanden, der uns den Stoff erklärt und Fragen beantwortet. Aber es ist auch nicht verkehrt, sich selbst Dinge zu erarbeiten. Insofern wäre es eine Überlegung, dass Schule in Zukunft aus einer Mischung aus Präsenzunterricht und Distanzlernen besteht. So wie das auch in Estland, Neuseeland und Kanada der Fall ist.

Mehr zum Thema

Schule Gesamtelternbeirat organisiert Erfahrungsaustausch: Frust und Unsicherheit bei Eltern

Veröffentlicht
Von
Stefanie Ball
Mehr erfahren

Lokales Mannheimer Schüler Oskar Weiß: "Hinter digitalem Unterricht steckt wenig pädagogisches Konzept"

Veröffentlicht
Laufzeit
Mehr erfahren

Podcast "Leben in Zeiten von Corona" Mannheimer Abiturient Oskar Weiß über den Abschluss während der Pandemie

Veröffentlicht
Von
Stefanie Ball
Mehr erfahren

Corona Fragen und Antworten zur Impfung

Veröffentlicht
Von
Stefanie Ball
Mehr erfahren

Bildung Schüler und Schülerinnen in der Corona-Pandemie - bloß im Kopf gesund bleiben

Veröffentlicht
Von
Stefanie Ball
Mehr erfahren

Schulstart Online-Unterricht: Mannheimer Schüler, Eltern und Lehrer beklagen "Chaos"

Veröffentlicht
Von
Bertram Baehr
Mehr erfahren

Schule in Zeiten von Corona Eltern vermissen bei Schulen Flexibilität

Veröffentlicht
Von
Stefanie Ball
Mehr erfahren

Das Wichtigste auf einen Blick Die aktuelle Corona-Lage im Liveblog

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Karte und Grafiken Coronavirus: Fallzahlen aus Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg und Rhein-Neckar

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Service Täglicher Themen-Newsletter "Coronavirus"

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Freie Autorenschaft

Thema : Coronavirus

  • Pandemie Gärtnereien, Gartenmärkte und Blumenläden dürfen ab 1. März öffnen

    Baden-Württemberg will ab nächsten Monat einige Geschäfte wieder öffnen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann kann sich auch vorstellen, dass sich wieder zwei Haushalte privat treffen dürfen.

    Mehr erfahren
  • Baden-Württemberg Erzieher und Lehrerinnen können sich ab sofort impfen lassen

    Es sollte für Kita-Beschäftigte und Lehrer eine frohe Botschaft sein: Baden-Württemberg macht für sie eine Impfung gegen das Coronavirus ab sofort möglich - früher als gedacht. Doch dann ruckelt es am Anfang - mal wieder.

    Mehr erfahren
  • Corona-Maßnahmen im Überblick Die neuen Bund-Länder-Beschlüsse vom 10. Februar

    Bund und Länder sehen in deutlich gesunkenen Ansteckungsraten viel erreicht im Kampf gegen Corona - aber noch keinen Anlass für Entwarnung. Denn neue Mutanten breiten sich aus. Die neuen Beschlüsse im Detail.

    Mehr erfahren

Thema : Podcast: Leben in Zeiten von Corona

  • Podcast "Leben in Zeiten von Corona" Mannheimer Abiturient Oskar Weiß über den Abschluss während der Pandemie

    Oskar Weiß steht kurz vor dem Abitur. Doch wegen Corona ist der Weg zum Abschluss derzeit nicht ganz so leicht: Viele Fächer konnen nicht so intensiv behandelt werden, berichet Weiß im Podcast.

    Mehr erfahren
  • Podcast "Leben in Zeiten von Corona" Sport als elementarer Bestandteil des Lebens

    Wann geht es los? Auch Amateursportler bräuchten eine Öffnungsperspektive, sagt der Vizepräsident des Deutschen Olympischen Sportbundes, Andreas Silbersack im Podcast.

    Mehr erfahren
  • Podcast "Leben in Zeiten von Corona" Mediziner warnt vor zu früher Öffnung während Corona-Pandemie

    Noch immer werden knapp 5000 schwerkranke Covid-19-Patienten in Krankenhäusern behandelt. Aber die Zahlen gehen langsam zurück. Warum Medizin-Professor Marx trotzdem skeptisch ist, erklärt er im Podcast.

    Mehr erfahren