Betreuung I - Eltern frustriert über fehlende Perspektive zur Kita-Öffnung / Notgruppen werden ausgebaut / Diskussion um Spielplätze „Es herrscht Hoffnungslosigkeit“

Von 
Bertram Baehr
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Wie hier in Sandhofen am Karl-Schweizer-Park sind die Spielplätze seit 18. März geschlossen. Dass es vorerst dabei bleibt, treibt viele Eltern um. © Angelika Engler

Die vergangenen fünf Wochen ohne Kinderbetreuung: Sie seien „hart, aber zu verkraften“ gewesen, meint Alice van Scoter. „Aber jetzt herrscht eine Stimmung der Hoffnungslosigkeit in Familien“, schreibt die Rheinauerin in einer Stellungnahme für den Stadtelternbeirat (STEB), die Vertretung von Eltern städtischer Betreuungseinrichtungen. Es gebe „keine realistische Perspektive, welche man den Kindern in Aussicht stellen kann, wann sie ihre Freunde wieder sehen können“, beklagt die Mutter aus Mannheim.

Angebot für „systemrelevante“ Gruppen

  • Seit Schließung der Kitas, Krippen und Schulen am 17. März bieten Stadt und viele Freie Träger eine Notbetreuung für Kinder, deren Eltern in „systemrelevanten“ Bereichen arbeiten.
  • Das Angebot nutzten bei den 53 städtischen Kitas und Krippen in der ersten Woche 130 Kinder. In den drei folgenden Wochen stiegen die Zahlen von 158 auf 238 an.
  • Die evangelische Kirche in Mannheim betreute in 34 der insgesamt 47 Kitas insgesamt 126 Kinder, darunter auch 20 Krippenkinder.
  • Die katholische Kirche teilte mit, dass sie in 29 der 41 Kitas aktuell 65 Kinder in 40 Notgruppen betreut.
  • Hinzu kommen weitere Angebote verschiedener kleiner Freier Träger.
  • Da alle Kitas geöffnet seien, so die Stadt, setze man, aufgeteilt nach unterschiedlichen Dienstplänen, alle pädagogischen Fachkräfte ein – von Urlaub, Krankheit oder Zugehörigkeit zu einer Risikogruppe abgesehen.
  • Bei den Kirchen arbeiten pädagogische Fachkräfte, die nicht in der Notbetreuung eingesetzt sind, im Homeoffice. Sie erarbeiten unter anderem analoge oder Online-Materialien und halten den Kontakt mit Familien, die nicht betreut werden.
  • Kurzarbeit gibt es weder bei der Stadt noch bei den Kirchen.
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Das Gefühl der Hoffnungslosigkeit – es kam unter vielen Betroffenen stark auf, nachdem Bund und Land vor wenigen Tagen den Normalbetrieb in Kinderbetreuungseinrichtungen in weite Ferne geschoben hatten. Daran, so der Tenor, sei vor den Sommerferien gar nicht mehr zu denken.

Die Freunde vermisst

Sie finde es „schwierig, dass man nur über Schulen spricht und so tut, als wäre es kein Problem, wenn die Kitas zu bleiben“, schreibt eine Mutter aus Neckarau. Anscheinend habe „kaum jemand auf dem Schirm, dass Kindergartenkinder auch ein soziales Leben haben“. Sie seien „unglücklich ohne andere Kinder“, fügt STEB-Sprecherin Luisa Walter hinzu, und nennt als Beispiel ihren fünfjährigen Sohn. Er sei „vollkommen isoliert von seinen Freunden und allen anderen Kindern, weil ein Treffen eine Aufsichtsperson erforderlich machen würde und damit drei Personen im Freien wären, was verboten ist. Er hat schon oft geweint, weil er seine Freunde vermisst.“ Lakonisch bemerkt sie: „Hauptsache, die Erwachsenen können wieder shoppen gehen.“

Inzwischen hat Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) die Vorgaben aus Berlin relativiert: „Eine pauschale Aussage, die Kitas bleiben bis zum Sommer zu, führt bei vielen Familien zu noch mehr Stress und kann nicht die einzige Antwort sein.“ Dieser Ansicht ist auch Lena Kamrad, stellvertretende Vorsitzende der SPD-Stadtratsfraktion und selbst vierfache Mutter. Sie erwartet „klare Aussagen von der Landesregierung zur Möglichkeit einer schrittweisen und behutsamen Öffnung der Kindergärten und Einrichtungen der Kindertagespflege“.

Grunert erwartet viele Nachfragen

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Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) hatte am vergangenen Donnerstag zwar betont: „Wir werden ganz viele nicht betreuen können.“ Zugleich kündigte sie aber auch eine starke Ausdehnung der Notbetreuung an – und ergänzte das inzwischen mit Details. Ab dem 27. April sollen nicht nur Kinder von systemrelevanten Eltern betreut werden – sondern auch solche mit einem „präsenzpflichtigen Arbeitsplatz“. Nach Ansicht von Mannheims Bildungsbürgermeister Dirk Grunert (Grüne) kämen durch die Änderung „sehr viele“ zusätzliche Kinder für eine Notbetreuung in Betracht.

Das Ganze hat aber aus seiner Sicht einen Haken. Das Kultusministerium macht nämlich in seiner Corona-Verordnung gleich wieder Einschränkungen. Sofern die Betreuungskapazitäten nicht ausreichten oder die Hygienebestimmungen nicht eingehalten werden könnten, liege es im Ermessen des Trägers, Kinder abzuweisen. Mit anderen Worten: Falls zu viele Eltern eine Betreuung wünschen, müsse die Stadt ihnen erklären, warum das nicht geht. Grunert findet das problematisch und hätte sich „im Vorfeld eine engere Abstimmung gewünscht“. Er rechnet mit vielen zusätzlichen Nachfragen wegen der Notbetreuung, schließlich spüre man deutlich „einen starken Druck aus Richtung der Familien“.

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Viele Eltern wünschen sich mehr Gelegenheiten für das Spielen draußen. „Gäbe es nicht die Möglichkeit, Spielplätze zumindest für Kleingruppen zu öffnen?“, fragt sich Alice van Scoter. „Oder den Kontakt zu einer ausgewählten Familie im Freien?“ Dirk Grunert hat darauf keine Antwort. Es handle sich um Vorgaben des Landes, „die wir nicht in der Stadt festlegen“. Und es gebe aus Stuttgart auch keinen „Fingerzeig“, wie es weitergehen könnte.

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Unterdessen überlegt sich die Stadt, wie sie mit den Kita-Gebühren verfährt. Die Beiträge für April hatten Stadt und Freie Träger den Eltern erlassen. Für den Mai werde gerade geklärt, wie es weitergehen soll.

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Redaktion Reporter in der Lokalredaktion Mannheim. Schwerpunkte: Schulen und Kitas

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