Erinnerungsarbeit - Géraldine Schwarz spricht im Schloss über ihr Buch „Die Gedächtnislosen“ Entdeckung im Haus der Mannheimer Großeltern

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
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Geburtstort Straßburg, der Vater ein in Mannheim aufgewachsener Deutscher, die Mutter Französin: Géraldine Schwarz sieht sich als Kind der Versöhnung und als Europäerin. Eine zufällige Entdeckung lässt sie nicht mehr los: Im Haus ihrer Großeltern – es hat während des Krieges in der Neckarstädter Chamissostraße Bombenangriffe überstanden – findet sie Unterlagen zur Arisierung eines jüdischen Unternehmens. Die Suche nach verdrängten wie geschönten Erinnerungen „sind für mich zur Obsession geworden“, sagt die Journalistin. Ihr Buch „Die Gedächtnislosen“, das jetzt in deutscher Übersetzung vorliegt, stellt sie am Freitagabend (12.) im Schloss vor.

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Eigentlich sei der Opa „ein kleiner Fisch“ gewesen. Aber Mitläufer und Profiteure wie er, sagt Schwarz, „haben das Verbrechersystem der Nazis unterstützt, ja möglich gemacht“. Von ihrem Vater weiß sie, dass in der Familie allenfalls der Satz fiel, dass die „Mineralölgesellschaft Schwarz & Co“ früher Juden gehört hat.

Autorin und Vortrag

  • Géraldine Schwarz (Jahrgang 1974) war viele Jahre Deutschland-Korrespondentin der „Agence France Presse“. Heute publiziert die Wahl-Berlinerin in internationalen Medien.
  • Ihr Buch „Die Gedächtnislosen – Erinnerungen einer Europäerin“ (Secession Verlag) ist nach der Ersterscheinung in Frankreich (Herbst 2017) in sieben Sprachen herausgekommen. Christian Ruzicska übersetzte ins Deutsche.
  • Die Autorin, die Mannheim von Familienbesuchen kennt, stellt ihr Buch am Freitag, 12. Oktober, 19 Uhr, im Schloss (Fuchs Petrolub Festsaal) vor. Eintritt acht, (ermäßigt) sechs Euro.
  • Die Begegnung hat das Institut Français mit der Universität, dem Romanischen Seminar und der Stadtbibliothek organisiert. (wam)

Von Vergangenheit eingeholt

Im Keller aufbewahrte Unterlagen offenbaren: Großvater Karl Schwarz, Mitglied der NSDAP, gab eine ordentlich bezahlte Stellung bei der damaligen Ölfirma Nitag auf, um sich selbstständig zu machen – mit einer kleinen Gesellschaft für Mineralölprodukte in der Helmholtzstraße, die zwei jüdische Brüder der Unternehmerfamilie Löbmann verkaufen mussten. Die Arisierung erfolgte im August 1938 – „für deutsche Juden das Jahr des endgültigen Absturzes in die Hölle“, schreibt Schwarz.

Sie fand heraus, dass der geschäftstüchtige Schwarz und sein Kompagnon zwar auf günstige Kaufbedingungen aus waren, aber nicht zu den „unerbittlichen Aasgeiern“ jener Zeit gehörten. Der Opa sei vermutlich überzeugt gewesen, „völlig legitim“ zu handeln. Im Januar 1948 sollte „die Vergangenheit, die meine Großeltern für immer unter den Ruinen des Dritten Reiches verschüttet glaubten“, in einem Brief aus Chicago auftauchen. Über eine Anwältin forderte Julius Löbmann – er hatte als einziger der Eigentümerfamilie Auschwitz überlebt und war in die USA ausgewandert – auf der Grundlage eines neuen Gesetzes 11 000 (Reichs-)Mark Wiedergutmachung.

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Der Nachkriegsbriefwechsel zeigt: Karl Schwarz reagierte wie viele andere, die jüdische Betriebe übernommen hatten. „Sie verwiesen auf ihr eigenes Unglück, ihren miserablen Gesundheitszustand“, präsentierten sich als Opfer des verlorenen Krieges, so die Buchautorin. Dazu zitiert sie aus Korrespondenzen des Großvaters. In einem seiner Briefe schrieb Schwarz an Löbmann, der alles, auch Frau und Sohn, verloren hatte: „Dass es Ihnen so schrecklich ergangen ist, muss ich heute büßen, obwohl dies ja eine große Ungerechtigkeit ist – da man mich ja schließlich nicht für die von mir verabscheuten Dinge verantwortlich machen kann.“ An anderer Stelle empörte er sich: „Anscheinend wollen Sie Ihre Rache haben…“

Letztlich ließ sich Julius Löbmann auf 8000 Mark Wiedergutmachung ein, wofür Schwarz eine Hypothek aufnehmen musste. „Jahrelang jammerte mein Großvater“, so die Enkelin, „als wären es die Juden gewesen, die für seinen Kummer verantwortlich waren, und nicht die zerstörerische Politik Adolf Hitlers“.

Mythen und Lügen

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Géraldine Schwarz hat nicht nur die Geschichte ihres väterlichen Opas, sondern auch jene des mütterlichen Großvaters, ein Gendarm, ausgeleuchtet. Deutsche wie französische Familienspuren bettet sie entlang von drei Generationen in die große Geschichte ein. „Ich muss meinen Weg im Dickicht der Vergangenheit finden“, sagt sie und betont, diffuse Demokratie-Skepsis und zunehmender Erfolg von Rechtspopulismus seien die eigentliche Motivation für ihr Buch gewesen.

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Die in Berlin lebende Französin plädiert für das Ausmerzen jener Mythen und Lügen, die sich ins kollektive Gedächtnis geschlichen haben. Solcherart „Erinnerungsarbeit“ hält sie im Kampf gegen dumpfe Polit-Parolen für „unverzichtbar“. In ihrem Buch-Vorwort schreibt sie: „Ich will verstehen, was war, um zu wissen, was ist.“ Es gelte, Europas Wurzeln zu stärken, die Gedächtnislose zu kappen versuchen. (Bild: Verlag)

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