Betreuung - Bürgermeister Dirk Grunert nimmt „Herzenswünsche“ von Mannheimer Familien entgegen / Stadt bereitet Szenarien zur Nutzung von Freiflächen vor „Endlich wieder mit Freunden treffen“

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Bertram Baehr
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An einer Wäscheleine vor den Reiss-Engelhorn-Museen aufgereiht: bunte Botschaften von Mannheimer Familien an die Politiker in Stadt, Land und Bund. © Bertram Bähr

Das zeitliche Zusammentreffen mag Zufall sein: Aber es passt wunderbar. Am Donnerstagmittag verkündet die Bundesregierung, dass die seit Wochen geschlossenen Spielplätze wieder öffnen sollen – unter strengen Auflagen. Am Nachmittag macht die vor wenigen Tagen gegründete Elterninitiative Mannheim vor dem Rathaus mobil – mit ihrer Aktion „Herzenswünsche“.

Betreuungssituation "Herzenswünsche" gehen an die Politiker

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Familien haben formuliert, was ihnen auf den Nägeln brennt und rund 100 Botschaften auf bunte Herzen gemalt. Sie hängen an der kleinen Grünanlage vor den Reiss-Engelhorn-Museen an einer langen Wäscheleine – regensicher in Plastikhüllen. Eine der Forderungen, die sehr oft auftaucht: die Öffnung von Spielplätzen und Parks.

Fraktionen im Gemeinderat starten Initiativen für Familien

  • Die Situation von Familien mit kleinen Kindern beschäftigte auch die Fraktionen des Gemeinderats in der Sitzung am vergangenen Dienstag.
  • Auf dem Tisch lagen mehrere Anträge, sie wurden allesamt in die jeweils zuständigen Fachausschüsse verwiesen.
  • Mit drei Anträgen nahmen die Grünen Nöte der Betroffenen in den Blick. Sie möchten von der Verwaltung ein Konzept zur Öffnung der Stadtparks und Outdoor-Sportstätten.
  • Außerdem regen sie an, wenig genutzte Straßenstücke in den Stadtteilen und im Zentrum in autofreie Spielstraßen umzuwandeln – insbesondere solche, in denen Familien mit Kindern wohnen.
  • Auch die SPD fordert ein Konzept zur Öffnung der Spielplätze und Parks. Die Stadt solle außerdem die Notbetreuung stunden- oder tageweise anbieten und Ideen zur Kinderbetreuung, insbesondere auch Lösungen im Freien, entwickeln.
  • Daneben möchte die SPD, dass die Verwaltung bei der Landesregierung vorstellig wird mit dem Ziel: Stuttgart soll wie im April auch für Mai und alle weiteren Monate, in denen Krippen, Kitas, Kindertagespflege und Horte geschlossen sind, Gelder zur Entlastung der Eltern bereitstellen.
  • Die AfD nimmt zwar nicht speziell die Kinder in den Blick. Aber auch sie fordert in einem Antrag, sowohl Luisen- als auch Herzogenriedpark unter Auflagen zu öffnen. 

Spielplätze öffnen am 6. Mai

Die Aussage der Bundesregierung dazu sei „absolut notwendig“, sagt Nora Dreier, eine der Organisatorinnen. Aber ihr fehlt der „zeitliche Horizont“. Nina Marzioch sieht das ähnlich, derzeit vermisst sie „eine Perspektive“. Das bezieht sie auch darauf, dass eine Öffnung der Kitas und Krippen nach wie vor unabsehbar ist. In der Tat: Bund und Länder fassen zwar Schritte aus den Corona-Schließungen ins Auge. Aber über Details wolle man erst bei der Schaltkonferenz mit den Ministerpräsidenten am Mittwoch beraten. Und was Spielplätze angeht: Das ist Ländersache. Am Donnerstagabend teilt das Land dann mit: Spielplätze dürfen ab 6. Mai wieder öffnen.

Am Nachmittag ist das noch nicht klar. „Wir denken darüber nach, sobald es die Rechtslage hergibt, die Parks zu öffnen.“Als Mannheims Bildungsbürgermeister das bei der Aktion vor dem Rathaus sagt, jubeln einige Eltern, andere beginnen zu klatschen. „Noch ist es leider nicht soweit“, bremst Grunert die Euphorie. Aber er betont auch mit Blick auf geschlossene Spielplätze: „Wir haben Pläne in der Tasche.“

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Familien sollten im Vorfeld der Aktion Herzen basteln und darauf ihre Wünsche an Politiker formulieren. Den ganzen Tag über sind Betroffene zu den Organisatorinnen in die Innenstadt gekommen. Die Mütter nehmen die bunt bemalten und beschriebenen Herzen entgegen und hängen sie an die Leine. Am Ende überreichen Nora Dreier und Nina Marzioch dem Bürgermeister symbolisch für die vielen kleinen ein großes Herz mit ihren Forderungen.

„Ich will mich endlich wieder mit meinen Freunden treffen. Und nicht nur per online!!“, steht auf einem der kleinen Exemplare. Ida „will wieder auf den Spielplatz“, Carla „ins Schwimmbad gehen“. Henriette (2) vermisst es, in der Spielgruppe „Aramsamsam“ zu singen. Der siebenjährige Louis meint: „Alleine kicken ist voll blöd.“ Und Teo (4) will „in den Kindergarten und mit dem kleinen Noa spielen“.

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Nina Marzioch und Nora Dreier freuen sich über die Resonanz auf die Aktion, den ganzen Tag hätten immer wieder Eltern vorbeigeschaut und Herzen gebracht. „Sie sehen unsere Aktion durchweg positiv“, fasst Nora Dreier zusammen. Viele hätten angesichts der seit Wochen andauernden schwierigen Betreuungssituation einfach nicht die Kraft, selbst aktiv zu werden“, hat Nina Marzioch festgestellt. Umso mehr freuten sie sich über die Initiative.

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Spontan entstanden war sie am 20. April. Bund und Land hatten gerade deutlich gemacht, dass die Kitas noch lang geschlossen bleiben sollten, auch zu Parks und Spielplätzen herrschte Unklarheit. „Nachdem keine Ansage kam, wie es weitergehen soll, beschlossen wir, etwas zu tun“, so Dreier. Wir: Das sind 15 Eltern aus Neckarstadt, Wohlgelegen, Käfertal und Schwetzingerstadt.

Notbetreuung stark nachgefragt

Nina Marzioch sieht in den Corona-Maßnahmen teils heftige Einschnitte in Grundrechte. „Kleine Kinder lernen viel durch sozialen Kontakt mit anderen Kindern. Auch ein noch so engagierter Erwachsener kann das nicht ersetzen“, betont sie. Außerdem verschärften sich „die schon vor Corona existierenden ungleichen Bildungschancen“. Soziale Kontakte und öffentliche Betreuungseinrichtungen, davon ist Marzioch überzeugt, „können Kinder vor häuslicher Gewalt schützen“. Ein wenig Entlastung schaffe die deutlich ausgeweitete Notbetreuung. Man werde mit Anträgen von Eltern „überhäuft“, berichtet Dirk Grunert den Eltern. Er kündigt ab Montag ein Familientelefon an, um besser als bisher helfen zu können: „Wir versuchen alles, was geht.“

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Redaktion Reporter in der Lokalredaktion Mannheim. Schwerpunkte: Schulen und Kitas

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