Stadtgeschichte - Vor 200 Jahren stirbt der Student Karl Ludwig Sand auf dem Blutgerüst Eine Hinrichtung als Spektakel fürs Volk

Von 
Peter W. Ragge
Lesedauer: 
Die Hinrichtung auf den Glaciswiesen. Zu sehen als kolorierter Kupferstich aus dem Verlag Campe und Eisen, Nürnberg 1820. © Kupferstich Johann Michael Voltz zugeschrieben/REM/Jean Christen

Er hält die Hände zum Gebet gefaltet, und gleich der erste Hieb des Heidelberger Scharfrichters Wittmann ist tödlich: „Gott, Du hast mich zu Gnaden angenommen“ soll der letzte Seufzer des Studenten Karl Ludwig Sand gewesen sein, als er vor 200 Jahren – am 20. Mai 1820 – auf den Glaciswiesen beim heutigen Standort des Wasserturms hingerichtet wird. Sand ist der Mörder des Autors und Diplomaten August von Kotzebue – eine Tat mit weitreichenden politischen Folgen.

AdUnit urban-intext1

„Sands Himmelfahrtswiese“ tauft der Volksmund den Bereich des heutigen Friedrichsplatzes, östlich vom Heidelberger Tor und weit außerhalb der Bebauung gelegen. Schon zu kurfürstlicher Zeit ist es Hinrichtungsstätte. Erst ab 1886 wird hier der Wasserturm gebaut.

1820 regiert der Großherzog Ludwig I. von Baden, und die Witwe des vorherigen Regenten, Stéphanie de Beauharnais, nutzt das ehemalige kurfürstliche Schloss als Witwensitz. Als die Hinrichtung ansteht, verlässt sie aber bewusst Mannheim, und auch viele angesehene Familien sollen deshalb abgereist sein, wie damalige Chroniken schildern. Aber dennoch ist die Hinrichtung „ein Massenereignis für die Bevölkerung“, so Liselotte Homering, langjährige Leiterin der Theatersammlung der Reiss-Engelhorn-Museen, die 2019 anlässlich des Jahrestags der Mordtat von Karl Ludwig Sand eine kleine Ausstellung gestaltet hat.

Immerhin befindet sich ein Taschendolch von Sand mit dreikantiger Klinge und Holzgriff, sorgsam in genähter Lederscheide steckend, in den Beständen des Museums. Es ist ein Exponat aus der Sammlung des Mannheimer Altertumsvereins. „Nach mündlicher Überlieferung“, so Homering, soll Sand damit Kotzebue am 23. März 1819 in dessen Wohnung in A 2,5 vor den Augen seiner Familie erstochen haben.

„Eine grausige Tat“

AdUnit urban-intext2

Burschenschaftler Sand sieht in dem erfolgreichen Theaterdichter und russischen Staatsrat einen Anhänger des Fürstenstaates und Feind der damals neu aufkommenden nationalstaatlich-freiheitlichen Ideen. „Extrem nationalistische, exaltierte Schwärmerei, wie sie damals unter den Studenten deutscher Universitäten weit verbreitet war“ nennt der langjährige Stadthistoriker Hans-Joachim Hirsch in der Mannheim-Chronik des Marchivum als Mordmotiv. „Eine grausige Tat, die eine ganze Generation in ihren Bann zog“, so Hirsch. Schon beim Wartburgfest 1817, wo Studenten die Gründung eines deutschen Nationalstaates sowie Freiheits- und Grundrechte fordern, werden Kotzebues Schriften daher verbrannt.

Es gibt also Sympathisanten für den Attentäter in der Bevölkerung – weshalb bei der Hinrichtung „ein starkes Militäraufgebot“, so Homering, in Mannheim präsent ist und auch das eigens gezimmerte Blutgerüst auf den Glaciswiesen umstellt. 2000 kurfürstliche Soldaten schirmen die Richtstätte ab.

AdUnit urban-intext3

Karl Ludwig Sand, der nach dem Attentat auch einen Dolch gegen sich selbst gerichtet hat, wird vom Mannheimer Arzt Josef Anton Beyerle zunächst gesund gepflegt. Dann kommt er ins Zuchthaus in Q 6. Dort eröffnet man ihm am 17. Mai, nachdem das Oberhofgericht unter Vorsitz von Karl Freiherr von Drais – Vater des späteren Erfinders der Laufmaschine – das Todesurteil fällt und der Großherzog es bestätigt, die bevorstehende Hinrichtung.

AdUnit urban-intext4

Seine Mithäftlinge weinen, als ihn der Oberzuchtmeister um 5 Uhr abführt und in eine Kutsche bringt. Auf dem Weg zum Hinrichtungsort – mit Dragonereskorte und dem Stadtdirektor sowie einigen Räten in einer zweiten Kutsche – säumen viele Mannheimer die Straßen. „Beinahe nicht ein Auge“ der Passanten sei trocken geblieben beim Anblick des Delinquenten, so die 1820 erschienene „Neue Nationalchronik“, die auch das „Schluchzen vieler innig ergriffenen Zuschauer“ festhält.

„Viele Schaulustige standen herum“, weiß Homering. Hirsch schildert gar einen „Kult abgöttischer Verehrung“ nach Vollzug des Todesurteils. „Da hat sofort ein Reliquienkult begonnen“, bezieht sich Homering auf zeitgenössische Darstellungen, wie die Zuschauer versuchen, an vom Henker abgeschnittene Haare zu kommen, blutige Holzsplitter vom Richtgerüst herausbrechen oder ihre Taschentücher in Sands Blut tauchen.

Beigesetzt wird der Attentäter auf dem lutherischen Friedhof (heute Quadrate P 7/Q 7), später umgebettet auf den neuen Hauptfriedhof. Dort gibt es noch heute sein Grabmal mit Gedenkstein – unweit der Grabstätte des Dichters, den er umgebracht hat. Es ist „der erste politische Terrorakt, der erste politische Mord der Neuzeit auf deutschem Boden“, ordnet Homering die Tat ein, „das falsche Mittel zur Durchsetzung der zunächst guten Ideen von Freiheit und Demokratie“.

Freiheiten eingeschränkt

Sand erreicht nämlich das Gegenteil: Die 35 Fürsten des Deutschen Bundes nehmen das Attentat zum Vorwand für eine einzigartige Repressionswelle. Sie fassen im August 1819 die „Karlsbader Beschlüsse“ zur „Bekämpfung revolutionärer Umtriebe“ mit drastischer Kontrolle der Universitäten, Zensur der Presse sowie Einschränkung vieler Freiheitsrechte der Bürger. Das hat erst wieder mit der deutschen Revolution 1848/49 ein Ende.

Redaktion Chefreporter