übrigens . . .

Die Sünde, die keinen Spaß macht: Neid

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
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… wählte der Philosoph Schopenhauer als Vergleich eine „giftige Kröte“, während sein Kollege Nietzsche vom „Schamteil der menschlichen Seele“ sprach. Die Rede ist von jener Todsünde, die laut Spöttern am wenigsten Spaß macht: der Neid – auch „des Teufels Kreid‘ genannt. Mit gerade mal vier Buchstaben in nur einer Silbe präsentiert sich das Phänomen verbal eher unauffällig. Dafür plustert es sich mit Wort-Kombis auf. Vom Neidhammel über die Neiddebatte bis zum Brotneid. Und wer begehrt, was andere haben, gilt als neidträchtig, ja neidbissig, wie unsere Vorfahren das heute gängige neidisch verstärkten. Ein Blick ins Wörterbuch der Brüder Grimm offenbart: Der kleine Bruder der Missgunst und Vetter der Eifersucht war früher nicht nur mannigfacher, sondern auch drastischer in unserer Alltagssprache vertreten. Bezeichnungen wie Neiderbrut, Neidsack, Neidgalle oder Neidflamme mögen zwar untergegangen sein, aber dafür sorgt eine gänzlich neue Neid-Mutante für epidemische Verbreitung samt Schlagzeilen. Der Impfneid! Wer diesen jungen Zweisilber in die Google-Suchmaschine eingibt, bekommt (Stand: gestriger 3. Mai 10 Uhr) stattliche 123 000 Treffer. Das sind drei Mal so viele wie für den alten Begriff Sozialneid – aber deutlich weniger als für den vom Seelenkundler Freud in den Geschlechterdiskurs eingeführten Penisneid. Bleibt abzuwarten, ob der grassierende Impfneid auf der Vorschlagsliste für das diesjährige (Un-)Wort auftauchen oder gar den Sprung in den Duden schaffen wird. Aber wer weiß, vielleicht zieht sich die infektiöse Neid-Variante zurück, sobald es für alle Corona-Vakzine gibt. 

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