Ehrungen - Volker Keller für seine Arbeit zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde und der Opfer des Holocaust ausgezeichnet Die Stimme des Gewissens

Von 
Peter W. Ragge
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Urkunde und Anstecknadel schickt ihm das Berliner Abgeordnetenhaus per Post, gratuliert wurde ihm aus dem leeren Plenarsaal per Video. Zunächst virtuell erhielt der Mannheimer Lehrer Volker Keller anlässlich des Holocaust-Gedenktages für seine Forschungen zur Geschichte der jüdischen Gemeinde einen „Obermayer-Award“. Die in Massachusetts ansässige Stiftung ehrt damit jährlich Personen oder Gruppen, die sich in der jüdischen Erinnerungsarbeit engagieren und Rechtsextremismus bekämpfen.

Seine Recherche lieferte die Grundlage für die Nennung der Namen: Volker Keller vor dem Kubus zum Gedenken an die jüdischen Opfer im Nationalsozialismus auf den Planken in P 2. © Thomas Tröster
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Ein „Lebenswerk“ werde damit gewürdigt, hob Patrick Siegele, Mitglied der Jury und Direktor des Anne Frank Zentrums Berlin, hervor. Er nannte Volker Kellers Arbeit „ein Beispiel, bei dem man auf wunderbare Art und Weise sehen kann, was das Engagement eines Einzelnen bedeuten und bringen kann“. Besonders dankte Siegele, dass Keller seine Arbeit „immer gemeinsam mit Jugendlichen gemacht“ habe: „Das war ihm ein Herzensanliegen“, so das Jurymitglied. So sei es „gelungen, über Jahre den Opfern einen Namen zu geben“. Daraus entstanden 2300 Biografien von Opfern, deren Namen nun auf dem 2003 auf den Planken aufgestellten Glaskubus eingeritzt sind. So sei durch Keller „eines der wichtigsten, beeindruckendsten Mahnmale für Opfer der Schoa entstanden“, meinte Siegele.

Preisträger und Preis

Volker Keller, 1954 in Mannheim geboren, ist Lehrer und war 2009 bis zur Pensionierung 2017 Rektor der Mozartschule. Er ist 2. Vorsitzender des Vereins Stadtbild und Autor zahlreicher Bücher zur Stadtgeschichte, zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde oder des Jüdischen Friedhofs (Waldkirch-Verlag).

Die mit je 1000 Euro dotierten Obermayer Awards wurden jetzt an vier Bürger und zwei Vereine vergeben. Sie waren 2000 von Arthur S. Obermayer (1931-2016), einem amerikanischen Unternehmer und Philanthropen, und seiner Frau, Judith H. Obermayer, gestiftet worden. Seine Großeltern stammten väterlicher- wie mütterlicherseits aus Süddeutschland.

Die Preisverleihung in Berlin wird durch das Berliner Abgeordnetenhaus finanziell und organisatorisch unterstützt. Co-Sponsor ist das Leo Baeck Institut (New York). pwr

Spurensuche mit Schülern

Zwar sei er nicht Urheber des Denkmals, stellt Keller bescheiden klar. Initiiert haben den von Bildhauer Jochen Kitzbihler geschaffenen Glaskubus Hinterbliebene der Mannheimer Holocaust-Opfer. „Aber die Recherche, die ich in den frühen 1990ern mit Jugendlichen begann und die dann das Stadtarchiv fortsetzte, lieferte die Grundlage für die Nennung aller Namen in diesem würdigen Mahnmal“, so Keller.

„Spurensuche“ nannte sich das Projekt, in dem er mit Schülern und Studenten Archive und Dokumente nach Hinweisen auf die aus Mannheim deportierten Juden durchforstete, Kontakt zu Überlebenden und Nachkommen aufnahm. Dokumentiert wurden die Ergebnisse der Arbeit 1995 in dem Gedenkbuch „Auf einmal da waren sie weg“.

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„Es schien am Anfang unmöglich, war eine unglaubliche Arbeit“, erinnert sich Keller. Im Zuge seiner Recherchen stieß Keller auch auf Belege für sogenannte „Judenhäuser“ in Mannheim, in denen die jüdische Bevölkerung während der NS-Zeit zwangseinquartiert wurde oder Zuflucht fand, etwa in der Großen Merzelstraße 7. Keller initiierte eine Erinnerungsstele auf dem Bismarckplatz, nahm Kontakt zu ehemaligen Bewohnern auf und trug ihre Erfahrungen zusammen. Dazu zählten auch Mitglieder der Familie Barnea (geb. Heilbronner) aus Israel. Nir Barnea, ein heute in Seattle lebender Nachkomme, gratulierte Volker Keller nun auch per Videoübertragung zu der Auszeichnung. Keller sei „die Stimme des Gewissens“. Durch ihn werde die „Gesellschaft daran erinnert, was geschehen ist und dass es niemals wiederholt werden darf“, mahnte er.

„Die Opfer sollen nicht für alle Zeiten einfach vergessen werden und verschwunden bleiben“, beschreibt Keller seine Motivation. Er sei generell ein „Fan von Geschichte“, habe sich schon in der Kindheit und als Student für das Judentum interessiert. „Ich war immer fasziniert von jüdischer Hochkultur, in der die Erinnerung an Personen und Ereignisse wichtig genommen wird“, so Keller: „Erinnern ist denken, ist menschliches Leben, nur so können wir aus der Geschichte lernen“, so der Pädagoge.

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Gerade Mannheims Geschichte sei eng verbunden mit der ihrer jüdischen Einwohner, die ihre Entwicklung zur Industrie- und Handelsmetropole maßgeblich gefördert sowie das kulturelle Leben der Stadt bereichert hätten. Der Erinnerung an die Verfolgung der Juden müsse man sich auch deshalb weiter stellen, um der Gefahr populistischer Bewegungen früh vorzubeugen. „Man darf nicht glauben, für alle Zeiten abgesichert zu sein“, so Keller. „Die Gegenwart speist sich aus der Vergangenheit“, sagt auch Rita Althausen, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mannheim, in ihren Glückwünschen für Keller: „Wir haben nur eine Zukunft, wenn wir uns damit auch damit auseinandersetzen“, so Althausen. Keller erhielt daher bereits die Ehrenmedaille der Gemeinde.

Redaktion Chefreporter