Kunsthalle - Fassade muss komplett demontiert und geprüft werden / Regressansprüche unklar Die grauen Platten wackeln

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Peter W. Ragge
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Nur ein Provisorium: Ein Netz ist am Haupteingang der Kunsthalle über die grauen Faserzementplatten gespannt – denn die drohen herabzufallen. © Thomas Tröster

Mannheim. „Extrem ärgerlich“, klagt Kunsthallen-Direktor Johan Holten über das, was er jetzt erfahren hat: Alle Faserzementplatten, die den 2017 fertiggestellten Neubau verkleiden, müssen noch einmal abmontiert und geprüft werden. Ein Gutachten hat ergeben, dass die Halterungen der Fassade nicht sicher sind.

Der Neubau

  • Bauherr des Neubaus der Kunsthalle war die privatrechtliche Stiftung Kunsthalle. Sie hatte Planung und Bauleitung, wickelte alle Ausschreibungen und Aufträge ab.
  • Das Investitionsbudget umfasste insgesamt 68,3 Millionen Euro. Es wurde von der Stiftung Kunsthalle getragen. Davon brachte das Ehepaar Hector 50 Millionen Euro auf. Die Stadt zahlte zehn Millionen Euro, den Rest weitere Stifter.
  • Der Neubau selbst blieb, so war bisher immer die Aussage, im Budget. Die Stiftung Kunsthalle zahlte daher auch 2,2 Millionen Euro für die Inneneinrichtung, die zunächst allein Sache der Stadt gewesen wäre.
  • Beim Festakt zur Fertigstellung des Baus im Dezember 2017 mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat Manfred Fuchs für die Stiftung den Neubau als Geschenk an die Stadt übergeben.
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Ende Februar hatte sich durch Sturmschäden an der Rückseite des Neubaus, an einer für das Publikum nicht zugänglichen Stelle, eine der grauen Eternitplatten gelöst und fiel herunter (wir berichteten). Daraus schloss die Kunsthalle, dass es zu, wie es hieß, „möglichen Beschädigungen“ an den Halterungen der Fassadenelemente gekommen sei. Zur Sicherheit wurde der Haupteingang zunächst mit Gittern versperrt, dann ein Netz gespannt und der Haupteingang wieder geöffnet. „Er kann ohne Probleme genutzt werden“, versichert Johan Holten.

Er hat einen Gutachter – ein Fassadenspezialist aus Rheinstetten – beauftragt, die gesamten Wände genau zu untersuchen. Bereits im März vermutete er, dass nicht nur einzelne Halterungen der Fassadenelemente Schwachstellen aufweisen. „Durch die Corona-Pandemie war es nicht leicht, das Gutachten fertig zu bekommen“, so Holten – doch jetzt liegt es vor. „Es gibt nicht nur ein punktuelles, sondern ein flächendeckendes Problem mit der gesamten Fassade“, fasst Holten das Ergebnis zusammen. Zumindest „größere Teile“ seien betroffen. Genau könne man das aber erst wissen, wenn man jede einzelne Platte abhänge, prüfe und wieder sicher montiere. „Demontage und Remontage“, nennt Holten das.

Nicht betroffen von den Sturmschäden ist das aufwendige Metallgewebe, das die Fassade im Abstand von 1,10 Metern komplett umhüllt und anfangs in der Bürgerschaft sehr umstritten war. Das filigrane Netz aus bronzenen Drähten und Rohren, auch „Mesh“ genannt, ist an der Dachkante und einer Bodenverankerung festgezurrt. „Das hält super, darum geht es nicht“, so Holten.

Mehrere Millionen Euro

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Betroffen ist die Konstruktion darunter. Die Wände aus Beton sind zunächst mit einer Dämmschicht versehen. Aus dieser ragen Schienen zur Befestigung der Eternitplatten heraus. Jeder dieser über tausend Platten ist zwei Quadratmeter groß und etwa 50 Kilogramm schwer. Jede Platte verfügt an der Rückseite über zwölf Häkchen in vier Reihen. An ihnen werden die Platten an den vier Schienen eingehängt, dann oben mit Schrauben festgezogen.

„Das muss man alles ziemlich exakt, mit Wasserwaage, machen, dann ist es normalerweise kein Problem“, erläutert der Mannheimer Statiker Felix Späh, den der „MM“ als Experte dazu befragt. „Es sind da Toleranzen zugelassen“, betont Späh. Allerdings hätten sich an der Kunsthalle einige Platten durch die Witterung stärker gewölbt als erwartet. Dadurch habe sich „zu starkes Ausnutzen der erlaubten Toleranzen“, vermutet Späh, so ausgewirkt, dass Häkchen aus den Schienen springen und daher sich die Platten lösen.

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„Das ist insgesamt ein zugelassenes System“, betont Späh. Schäden an Eternitplatten-Wänden seien „auch anderswo schon vorgekommen. „Ich glaube auch nicht, dass man die ganze Fassade ’runtermachen muss“, unterstreicht der Statiker, „aber man muss alles genau prüfen und neu ausrichten“.

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Holten zitiert das Gutachten, wonach „einzelne Fassadenkomponenten vom durch DIN 18202 definierten Standard abweichen“. Die nun entstehenden Kosten sind unklar – vermutet werden es grob um die zwei Millionen Euro, denn es muss ein Gerüst gestellt werden.

Firma zahlungsunfähig

Wer die Kosten trägt, ist unklar. „Da gibt es Klärungsbedarf“, sagt Holten nur – das sei Sache der Juristen. Erst müsse man feststellen, welche am Bau beteiligten Gewerke die Verantwortung für die einzelnen Abweichungen zu tragen haben, so Holten. Geliefert hat die Platten die Firma Eternit, die Montage oblag einem Dach- und Fassadenbauunternehmen aus dem Landkreis Mayen-Koblenz in Rheinland-Pfalz, das aber seit Anfang 2019 zahlungsunfähig und geschlossen ist. Erst wenn geklärt sei, wer Haftung und Zahlung übernehme, können laut Holten die Arbeiten beginnen. Damit sei „nicht vor Jahresende zu rechnen“, sagt er.

Ingenieur Hanno Diehl, der als Bauvorstand der Stiftung Kunsthalle die Fertigstellung steuerte und überwachte, konnte sich die Probleme „nicht erklären“, wie er auf Anfrage sagte: „Ich kenne das Gutachten aber noch nicht und war da nicht mehr involviert.“

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