Coronavirus - Praxen und Klinikum haben entsprechende Vorkehrungen getroffen, um Menschen zu schützen, die auf Blutwäsche angewiesen sind Dialysepatienten besonders gefährdet

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
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Dieser Patient liegt in einem der Einzelzimmer im Klinikum, die auch zur Isolation verwendet werden können. © UMM

Mannheim. „Dialysepatienten kann man nicht einfach nach Hause schicken“, erklärt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Nephrologie, Jan Galle, und weist darauf hin, dass Menschen, die auf Blutwäsche angewiesen sind, in Zeiten von Corona zu den „Hochrisikopatienten“ gehören. Das sehen die Fachmediziner Günter Sandner vom Nierenzentrum in Käfertal und Wolfgang Wiegand von den Zero-Praxen, die auch die Mannheimer Krankenhäuser „Theresien“ und „Diako“ betreuen, nicht anders.

Dialyse

  • Dialyse, auch Blutwäsche oder Ersatzniere genannt, ist ein Verfahren zur Blutentgiftung, wenn das körpereigene Filterorgan in seiner Funktion eingeschränkt ist oder ausfällt.
  • Rund 80 000 Nierenkranke sind in Deutschland regelmäßig auf Blutwäsche angewiesen, meist drei Mal wöchentlich mehrere Stunden.
  • Nicht nur Kliniken halten Dialyseabteilungen vor. Die meisten Plätze bieten ambulante Zentren. Als größter Versorger in der Metropolregion gelten die Zero-Praxen mit 600 Patienten. Das Nierenzentrum in Käfertal betreut 150 Patienten. Insgesamt gibt es in Mannheim etwa ein halbes Dutzend Standorte für Dialyse. 
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„Wir haben einen Krisenstab, der regelmäßig tagt“, berichtet Sandner, der täglich die internationale Datenlage studiert. Er kennt die Publikation einer Dialyseklinik aus Wuhan, wo die Corona-Pandemie ihren Ausgang nahm. Laut der chinesischen Veröffentlichung waren von 230 Blutwäschepatienten 37 mit dem neuen Virus infiziert – mit meist schweren Krankheitsverläufen, davon sechs tödlich – bis jetzt.

Warteraum abgeschafft

Die Mediziner Sandner und Wiegand sind erleichtert, dass es in ihren Zentren bis jetzt keine infizierten Dialysepatienten gibt. Auch Bernhard Krämer, Chef der „V. Med.“ am Universitätsklinikum, erklärt: „Aktuell wird bei uns noch kein chronischer Dialysepatient behandelt, der positiv auf Sars-CoV-2 getestet worden ist.“ Krämer relativiert allerdings, dass bei nierengesunden Menschen als Folge der vom Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit die Funktion des körpereigenen Entgiftungsorgans massiv eingeschränkt werden kann. Zwei Patienten, die in der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) wegen Covid-19 auf der Intensivstation liegen, benötigen deshalb Blutreinigungsverfahren. Angesichts der Corona-Pandemie, so Krämer, „haben wir die Anzahl unserer Dialysegeräte auf Intensivstationen weiter erhöht“.

„Auf alles vorbereitet sein“, sieht auch der niedergelassene Kollege Sandner als Gebot der Stunde. Er berichtet, dass Menschen, die mehrmals wöchentlich an eine „Ersatzniere“ angeschlossen werden müssen, im Durchschnitt um die 70 Jahre (viele auch weit darüber) alt sind und häufig Begleiterkrankungen haben – insbesondere Bluthochdruck, Diabetes und Herzprobleme, die nicht selten zusammenkommen.

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Bei einer „hochempfindlichen Patientengruppe“ gelte es, alles daran zu setzen, das Risiko einer möglichen Virusverbreitung zu minimieren. Und das bedeutet nicht nur, zwischen Behandlungsbetten ausreichend Schutzabstände einzuhalten. Sandner: „Wir überdenken alle Abläufe neu.“ Beispielsweise gibt es in dem Käfertaler Dialysezentrum derzeit keinen Warteraum mehr. „Die Patienten kommen sofort in das ihnen zugeteilte Bett.“ Vor der Pandemie übliche Gemeinschaftsfahrten aus dem Rhein-Neckar-Raum zur Therapie wurden untersagt. Außerdem dürfen Taxifahrer das Behandlungsgebäude nicht mehr betreten. Ausgehängte Listen informieren darüber, wann welche Patienten wieder abgeholt werden können. Solcherart Vorsichtsmaßnahmen haben auch die Zero-Dialysepraxen ergriffen, wie Mediziner Wiegand erläutert.

Ausrüstung fehlt

Und wie sieht die Situation aus, wenn sich Blutwäsche-Patienten mit dem neuen Coronavirus anstecken? „Wir könnten zentral in unserem Zentrum am Diakonissenkrankenhaus an Tagen behandeln, an denen sonst kein normaler Dialysebetrieb stattfindet“, umreißt Wiegand das Corona-Notfallkonzept der Zero-Praxen als größtem Dialyseanbieter in der Rhein-Neckar-Region. Bei Bedarf sei es möglich, solch spezielle Schichten für Patienten anderer Häuser zu erweitern. Im Falle eines Falles, erläutert sein Kollege Sandner vom Käfertaler Dialysezentrum, „steht uns ein von außerhalb erreichbarer Raum als Isolationszimmer zur Verfügung “. Und UMM-Chefarzt Krämer weist darauf hin, dass in der 2015 modernisierten Klinikum-Dialyseabteilung schon seit Jahren Zimmer für infektiöse Patienten bereitgehalten werden. Zusätzlich sei auf der Infektionsabteilung Blutwäsche möglich.

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Die Corona-Krise „hat uns in vielen Bereichen regelrecht überrollt“, sinniert Sandner. Angesichts von tausend Schutzmasken, die noch von der Schweinegrippe übrig waren, habe er anfangs gedacht, „das dürfte wohl reichen“ – eine Fehleinschätzung, wie er schon bald erkannte. „Wir brauchen unbedingt Schutzmaterial!“, bringt Wolfgang Wiegand die für ihn momentan „größte Herausforderung“ auf den Punkt. „Wir haben gerade mal drei FFP3-Masken! Und der normale Mundschutz wie auch Einmal-Kittel reichen nur noch für eine Woche.“

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