Forscher der Universitätsmedizin Mannheim an Studie über neue Erkenntnisse bei Multipler Sklerose und deren Entzündungsherde beteiligt Darmbakterien und Immunzellen beeinflussen sich

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
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Lange Zeit galt der Darm als Igittigitt-Organ mit der unappetitlichen Aufgabe, Speisebrei zu verdauen. Inzwischen entpuppen sich die Windungen unterhalb der Gürtellinie als „Bauchhirn“ mit der Funktion einer Schaltzentrale. Dazu passt, dass ein internationales Forscherteam, an dem auch Neurologen der Universitätsmedizin Mannheim (UMM) beteiligt sind, eine Achse zwischen Darmflora und Mutiple-Sklerose-Entzündungsherden im zentralen Nervensystem entdeckt haben.

Die Darmflora hat Einfluss auf Multiple Sklerose. © dpa
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„Wenn wir dieses komplexe Zusammenspiel verstehen, ergeben sich neue Möglichkeiten für Behandlungsstrategien“, zeigt sich der UMM-Oberarzt und Neurowissenschaftler Luca Schirmer im Gespräch mit dem „MM“ zuversichtlich. Vor dem Aufbau seiner Mannheimer Arbeitsgruppe hat er im kalifornischen San Francisco mit dem Ziel geforscht, Licht ins Dunkel jener Fehlsteuerungen im körpereigenen Immunsystem zu bringen, die bei der chronisch entzündlichen MS-Erkrankung eine zentrale Rolle spielen. Zu dem Team an der US-Westküste gehörte damals auch die Neurologin Anne-Katrin Pröbstel, die inzwischen am Universitätsspital Basel das länderübergreifende Multiple-Sklerose-Projekt leitet.

Die Gruppe mit deutschen, amerikanischen, kanadischen und schwedischen Wissenschaftlern stellte sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln die Frage: Was tun, wenn die Körperpolizei fälschlicherweise das Nervensystem attackiert? Dass die Zusammensetzung der Darmflora Einfluss auf MS hat, ist schon einige Zeit bekannt. Allerdings gibt Rätsel auf, auf welche Weise sich Darmbakterien und Immunzellen gegenseitig beeinflussen.

Neue Aspekte offenbart die unlängst im Fachjournal „Science Immunology“ publizierte Studie: Bestimmte B-Zellen, so fanden die Forscher heraus, schlagen eine Art Brücke zwischen der Darmflora und inflammatorischen Herden im zentralen Nervensystem, wo sie entzündungshemmend wirken. Im Mittelpunkt stehen sogenannte IgA-B-Zellen, die für die Darmgesundheit enorm wichtig sind. Welcher Mechanismus diese Zellen als Helfer gegen Multiple Sklerose mobilisiert, soll intensiv untersucht werden. Denkbar ist beispielsweise, die Darmflora von MS-Betroffenen derart zu verändern, dass sich gezielt solcherart „Anti-Entzündungszellen“ ins Nervensystem aufmachen.

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„Die Krankheit mit den tausend Gesichtern“ und mannigfachen Verlaufsformen gilt bis heute als unheilbar – weshalb Forscher mit Hochdruck an effektiveren Therapiekonzepten arbeiten. Zu prominenten Betroffenen gehört die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Über ihre 1995 diagnostizierte und elf Jahre geheim gehaltene MS-Erkrankung spricht sie inzwischen offen. Weit mehr Frauen als Männer sind betroffen – warum, ist bis heute ebenfalls ungeklärt.

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