Pandemie - Wetter zieht Mannheimerinnen und Mannheimer nach draußen / Generelle Missachtung der Maßnahmen nicht zu beobachten Corona: Wie pandemiemüde sind die Mannheimer?

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Joana Rettig
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Die Aufnahme zeigt die Sportanlage im Unteren Luisenpark am Sonntagnachmittag. Viele Menschen tummeln sich dicht an dicht ohne Maske. © Siegfried Herrmann

Mannheim. Kann es sein, dass ein einziges Erlebnis während der Recherche schon alles über die Situation aussagt? Beim Überqueren der Straße am Alten Meßplatz ruft es aus einem Neunsitzer heraus: „Ey! Warum trägst du eine Maske?“ Die Männer im Wagen, es sind etwa fünf, tragen alle keinen Mundschutz. Sind es die Mannheimerinnen und Mannheimer langsam leid? Lässt das Frühlingswetter die Menschen pandemiemüde werden? Mit dieser Ausgangsthese haben wir uns einmal umgeschaut.

Frühlingswetter Auch draußen wird es eng in Mannheim

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14.35 Uhr. 18 Grad. Die Sonne strahlt über die Hafenpromenade am Jungbusch. Ja – es sind einige Menschen da, vornehmlich junge Menschen. Mit Radlerflaschen in der Hand sitzen sie auf dem Holzsteg, genießen die frische Luft. Zwischen den Gruppen wird Abstand gewahrt. Maske? Kaum eine in Sicht.

14.49 Uhr. Die Neckarwiese auf Höhe der Alten Feuerwache ist nahezu leer. Am Alter tummeln sich ein paar Menschen, spielen Tischtennis. Der Blick fällt auf den Alten Meßplatz. Skater, Familien, Jugendliche – wieder kleine Grüppchen, wieder kaum Masken, aber der Abstand stimmt zumindest in den meisten Fällen. These Null lässt sich bisher nicht wirklich bestätigen.

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Großes Aufkommen am Spielplatz

Was bedeutet Pandemiemüdigkeit? Die Weltgesundheitsorganisation definiert sie als geringe Risikowahrnehmung, geringe Bereitschaft, sich zu informieren und weniger Schutzverhalten. Die Einstellung der Bürgerinnen und Bürger ändert sich mit der Zeit – das zeigt eine Studie der Uni Erfurt. Sie erforscht das Thema seit Oktober 2020, und veröffentlicht die Ergebnisse durchgehend. Gemessen an der Zustimmung oder Ablehnung sechs verschiedener Aussagen zur Pandemie – etwa: „Ich habe es satt, mich einzuschränken, um die Covid-19-Risikogruppe zu schützen“ – lässt sich im Vergleich zu 2020 eine Zunahme feststellen. Ende Dezember lag der Anteil der Befragten noch bei 19,1 Prozent. Ende Januar waren es schon 26,8. Mitte Februar ist der Anteil leicht gesunken (26,2). Eine Pandemiemüdigkeit führt auch zu Reaktionen wie das Weglassen der Maske oder das Nichteinhalten der Abstandsregeln.

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15.13 Uhr. Herzogenriedpark. Noch scheint es ruhig zu sein. Am Eingang steht ein Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma. Mit jedem Menschen, der das Tor passiert, klickt es in seiner Hand. Er zählt die Besucher. Im Park gelten strenge Regeln. Feste Öffnungszeiten von 10 bis 17 Uhr, kein Aufenthalt darüber hinaus. An jedem der drei möglichen Parkzugänge steht laut einem Sprecher der Stadt eine Person, die diesen überwacht. Maximale Besucherzahl von 1500 Menschen gleichzeitig. Nach Erreichen dieser Grenze wird der Park geschlossen, „keine erneute Öffnung für den Tag“, schreibt der Sprecher. Auf Grünflächen der Stadt gibt es zwar keine generelle Maskenpflicht, allerdings müssen Begleitpersonen ab 14 Jahren auf Spielplätzen Mund und Nase bedecken.

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Auf den Wiesen des Herzogenriedparks ist nicht viel los. Doch der Schein trügt. Das Bild, die Geräuschkulisse ändern sich mit jedem Schritt in Richtung Spielplatz. Hunderte Menschen. Familien mit Kindern. Große Gruppen haben sich Stühle zusammengestellt. Masken – nur selten zu sehen. Darauf angesprochen, dass Schilder auf die Maskenpflicht hinweisen, schnellt die Hand der Mutter Melina in die Jackentasche und zieht einen Mundschutz heraus. „Das grenzt total ein“, sagt sie, „wir sind Zuhause schon genug eingesperrt, hier sind wir doch draußen“. Ihre Freundin Nicole ergänzt: „Außerdem hat mein Kind Angst vor mir, wenn ich eine Maske trage.“

„Verantwortungslos“ findet das Familie Henn. Annette und Patrick Henn sind mit ihren beiden Kindern ebenfalls auf dem Spielplatz, schaufeln Sand, tragen Maske. „Wenn wieder was passiert, wenn die Zahlen wieder steigen, ist das Gejammer groß“, sagt Patrick Henn. Glauben sie, dass Mannheimer pandemiemüde sind? „Sicher ein wenig“, erklärt Annette Henn. „Allerdings war es letztes Jahr im Frühling doch nicht anders mit den Masken.“ Sie glaubt, auf Spielplätzen werde oft die Relevanz der Maßnahmen vergessen.

27 neue Corona-Fälle

Momentan zieht es die Menschen wegen der Temperaturen nach draußen – hat das Ordnungsamt seine Kontrollfrequenz erhöht? „Die Stadt Mannheim überwacht die Einhaltung der Corona-Regeln seit Beginn der Pandemie intensiv mit dem eigenen Ordnungsdienst – so sind auch jetzt bei gutem Wetter alle verfügbaren Kräfte im Vier-Schichten-Betrieb im Einsatz“, heißt es aus der Verwaltung. Am Alten Meßplatz ist gegen 15.30 eine Polizeistreife unterwegs und spricht mit den Menschen.

Dem Gesundheitsamt wurden am Dienstag 27 weitere Corona-Fälle gemeldet. Die Sieben-Tage-Inzidenz liegt damit bei 52,8. Die Zahl steigt wieder – doch eine generelle Müdigkeit, eine generelle Missachtung der Corona-Maßnahmen – die ist zumindest an diesem Dienstag nicht zu sehen.

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