Geburtstag - Gerda Lambrecht vollendet ein Jahrhundert / Von Kunst und Musik geprägt Bratsche-Spiel als Lebenselixier

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
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Ihren 100. Geburtstag wollte Gerda Lambrecht am 20. Januar eigentlich mit der gesamten Familie, zu der drei Enkel und fünf Urenkel gehören, außerdem mit vielen Freunden und Musikern feiern. „Am liebsten hätte ich 100 Leute eingeladen.“ Ihre Pläne sind Corona zum Opfer gefallen – aber Sohn und Schwiegertochter reisen aus der Schweiz an.

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Wenn die alte Dame mit dem wachen Geist auf ein komplettes Jahrhundert zurückblickt, sprudelt es nur so aus ihr heraus. Romanschreiberin Rosamunde Pilcher hätte glatt von ihrer bewegten Biografie abschreiben können, merkt sie launig an. Kindheit und Jugend verbrachte die Wahl-Mannheimerin auf der Ludwigshafener Parkinsel – „dort ist mein Elternhaus 1943 von Bomben zerstört worden“.

Der Krieg griff auch in ihr Leben ein. Eigentlich wollte die musisch begabte junge Frau Pianistin werden und begann mit diesem Ziel in Mannheim ein Musikstudium. Als das Hochschulgebäude nach einem Luftangriff nicht mehr zur Verfügung stand, zog sie zu Freunden nach Heidelberg, weil es dort wie auch in Neckargemünd noch Unterricht gab. Doch dann kam alles ganz anders: Kriegsverpflichtet stand die 23-Jährige in der der Heidelberger Schnellpresse an einem Ölautomaten. Dass sie im März 1945 zum Roten Kreuz kam und einen kriegsblinden Soldaten betreute, der Kirchenmusik studierte, bahnte ihr den Weg zum Gefangenenlazarett. Und dort wurde ein US-Offizier auf ihr fließendes Englisch aufmerksam, das sie als Gastschülerin in Manchester gelernt hatte. Ihren Sprachkenntnissen verdankt Gerda Lambrecht jene Zeit, die sie als „die spannendste meines Lebens“ bezeichnet. Als sogenannte „Monument-Woman“ oblag ihr, gemeinsam mit der US-Armee herauszufinden, ob beschlagnahmte Kunstobjekte einst legal oder unseriös erworben worden sind. „Loot oder not loot, Raubkunst oder nicht“ – die Klärung dieser Frage war mit aufregenden Recherchen und Reisen verbunden. Vor vier Jahren hat sie darüber ein Büchlein geschrieben: „Auf einmal bei den Amerikanern!“ Bis zur Geburt ihres Sohnes, der später als Zahnmediziner und Oralchirurg in Basel Uni-Karriere machen sollte, arbeitete Gerda Lambrecht in Heidelberg bei der US-Armee – zuletzt (1950) als Personalmanagerin der Clubs und Casinos. Den Traum, Pianistin zu werden, musste sie zwar aufgeben, aber dafür spielte sie bis zum letztjährigen Sommer, und damit fast sieben Jahrzehnte, im Mannheimer Händel-Orchester Bratsche – „das war eigentlich im Studium nur mein zweites Instrument“.

Leidenschaftliche Lehrerin

Als spät berufene Grundschullehrerin mit nachträglicher Ausbildung unterrichtete sie 25 Jahre an der Almenhofschule – „meine große Leidenschaft“. Leidenschaftlich engagierte sie sich auch im Vorfeld der neuen Kunsthalle für den Erhalt des alten Mitzlaff-Baus. Bekanntlich ist die von ihr mitgegründete Bürgerinitiative samt Petition gescheitert – „ich habe aber meinen Einsatz nie bereut“.

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Und was wünscht sich die seit dem Tod ihres zweiten Mannes allein lebende Lindenhöferin? „Dass ich weiterhin klar im Kopf und selbstständig in meiner Wohnung leben kann!“

Freie Autorin