Pädagogik - Grundlegendes Umdenken in den vergangenen 50 Jahren / Am Anfang Unverständnis bei konservativen Kollegen Blick auf jedes einzelne Kind

Von 
Bertram Baehr
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Frontalunterricht war früher in Grundschulen allgemein üblich. Heute greifen die Pädagogen darauf nur noch teilweise zurück. Gefragt sind selbstständiges Arbeiten, kleine Gruppen und differenzierter Unterricht, der den Stärken der einzelnen Kinder Rechnung trägt. © dpa, Blüthner

Was bekam die Junglehrerin Cordula Rößler nicht alles zu hören, damals, in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren? „Wenn ich davon gesprochen habe, dass Konflikte zwischen den Schülern aufgearbeitet werden müssen, war da wenig Verständnis“, blickt sie zurück. Und ein früherer Chef habe „überhaupt nicht verstanden, warum ich regelmäßige Konzeptbesprechungen wollte“. Aber seitdem habe sich viel zum Positiven verändert, sagt Cordula Rößler im Gespräch mit dieser Zeitung.

Erlebnisse aus der Grundschulzeit gesucht

  • Die einen erinnern sich noch gerne an ihre Grundschulzeit. Andere würden das Kapitel am liebsten verdrängen. Aber den meisten sind Einzelheiten aus dieser Lebensphase präsent. Was ist Ihre Grundschul-Geschichte? Wie war das damals? Was lief gut, was schlecht? Gab es drakonische Strafen wie Ecke-Stehen oder gar Schläge? Oder schöne, prägende Ereignisse mit besonderen Lehrerpersönlichkeiten?
  • Uns interessieren Ihre Erlebnisse und Erfahrungen – und vielleicht auch das eine oder andere Foto aus dieser Zeit. Beiträge erbitten wir per E-Mail an lokal@mamo.de, Stichwort „Grundschule“ – oder per Post an Mannheimer Morgen Lokalredaktion, Dudenstraße 12-26, 68167 Mannheim. Bitte vermerken Sie auf dem Briefumschlag ebenfalls „Grundschule“.
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Nach 45 Jahren als Pädagogin, Konrektorin und Rektorin der Hans-Christian-Andersen Schule auf der Schönau geht die bisherige Geschäftsführende Leiterin der Mannheimer Grundschulen in den Ruhestand. Von den 100 Jahren Grundschule hat sie also fast die Hälfte aktiv miterlebt – und neben zehn baden-württembergischen Kultusministern auch unzählige Konzepte kommen und gehen sehen. Ihre Bilanz fällt dementsprechend gemischt aus.

In den 1960er Jahren sei es oft um „Selektion“ der Schüler gegangen. Praktisch Begabte sollten in die Haupt- oder Realschule, theoretisch Begabte ins Gymnasium gehen. „Das hat sich ganz stark gewandelt“, betont Rößler. Die Studenten „haben einiges in Bewegung gebracht, was sich dann in den 70er und 80er Jahren bemerkbar machte“ – also in der Zeit, in der die Pädagogin so richtig durchstartete.

So sei zum Beispiel Gruppenarbeit ein Novum und „ein großes Thema schon in meiner Ausbildung“ gewesen. Außerdem „wurde viel mehr Wert gelegt auf Selbstständigkeit und Eigenverantwortung“. Die Kinder hätten zunehmend „die Schule verlassen“, sie seien „rausgegangen in die Natur, den Stadtteil oder in die Betriebe“. In Gesprächsrunden „haben wir viel an Problemtexten gearbeitet, uns um Außenseiter gekümmert und Konfliktlösungsstrategien erarbeitet“ – auch wenn konservative Schulräte das zunächst nicht nachvollziehen konnten.

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Einen grundlegend positiven Wandel sieht Rößler darin, dass die Förderung jedes einzelnen Kindes in seiner Persönlichkeitsentwicklung und mit seinen Talenten pädagogisches Allgemeingut ist. Dennoch fehle es an Ressourcen, um dieses Ziel zu erreichen. „Mehr Zeit, mehr Personal“, beides sei nötig, um auf dem Weg zu mehr Bildungsgerechtigkeit voranzukommen.

Dabei denkt Rößler nicht nur an – viel zu wenig vorhandene – Grundschullehrer, sondern auch an Sozialarbeiter, Sonderpädagogen und Erzieher. Ihr Wunsch sind „multiprofessionelle Teams“, außerdem hält sie in den Klassen eine Doppelbesetzung für geboten. Insbesondere die – im Grunde wünschenswerte – Inklusion könne ohne solche Tandems nicht gut genug umgesetzt werden. Und „manchmal wäre auch eine Dreifachbesetzung gut“.

Ganztagskonzept als Chance

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Ein „absoluter Fortschritt“ ist für die Pädagogin dagegen die Entwicklung hin zu mehr Ganztagsschulen. „Sie bieten ganz große Chancen“ und „Bildung in einem erweiterten Sinn“. Insbesondere in Ganztagsschulen arbeiteten verschiedene Berufsgruppen zusammen, den Erziehungsprozess der Kinder könnten die Lehrer zum Beispiel mit Betreuern teilen. Besser als im normalen Unterricht „können wir die Schüler in kultureller, sprachlicher, sportlicher und naturkundlicher Hinsicht fördern“.

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Deshalb war es für Rößler keine Frage, „ihre“ Schule vor 13 Jahren zu einer der ersten Ganztagseinrichtungen der Stadt zu machen. Gerade für den Stadtteil Schönau mit seiner herausfordernden Sozialstruktur sei das „eine ganz bewusste Entscheidung“ gewesen. Überhaupt habe sie sich immer gewünscht, „da einzuspringen, wo Hilfe besonders stark benötigt wird“ – und sei im nördlichen Mannheimer Stadtteil an genau der richtigen Stelle gewesen.

Beim Ganztag befürwortet die Pädagogin ausdrücklich die verbindliche Form, die alle Schüler während der gesamten vier Jahre einbezieht. Nur sie ermögliche einen rhythmisierten Unterricht mit Entspannungsphasen am Vormittag und Unterrichtszeit am Nachmittag.

Sehr zu schätzen weiß Cordula Rößler nicht nur in diesem Zusammenhang, dass Schule, anders als früher, „Konzepte mitentwickeln kann“ – zum Beispiel bei der Sprachförderung, bei der man gemeinsam mit der Schönauer Stadtteilbibliothek ein Modell entwickelt habe. Dass generell das Know-how der Fachleute gefragt ist, „hat auch das Kollegium beflügelt“.

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Redaktion Reporter in der Lokalredaktion Mannheim. Schwerpunkte: Schulen und Kitas