Nahverkehr - Wegen fehlender Fördermillionen, Corona-Krise und „Wanderungseffekten“ endet der Modellstadt-Versuch vorzeitig Aus für Mannheim als „Green City“ – Bus und Bahn ab Montag wieder teurer

Von 
Thorsten Langscheid
Lesedauer: 
Vorzeitiges Aus für ermäßigte Tickets: Busse und Bahnen (die Aufnahme entstand am Mannheimer Hauptbahnhof) fahren ab Montag in Mannheim und Ludwigshafen wieder zum regulären Tarif. © Thomas Tröster

Die Rhein-Neckar-Verkehrsbetriebe (RNV) stoppen in Mannheim und Ludwigshafen die verbilligten Green-City-Tickets zum Wochenende – und damit neun Monate vor dem ursprünglich geplanten Ablauf des „Modellstadt“-Verkehrsversuchs, der bis einschließlich Dezember 2020 terminiert war. Dies teilte Mannheims Erster Bürgermeister Christian Specht (CDU) zusammen mit Thomas Czech (RNV) und Modellstadt-Koordinator Tim Neugebauer dieser Redaktion mit.

Die Fahrpreise

  • Einzelfahrscheine kosten ab Montag wieder regulär 2,60 (Green City ermäßigt 1,80) für Erwachsene, für Kinder regulär 1,80 (erm. 1,30).
  • Wochenkarten kosten regulär 36,80 (erm. 24,60) bzw. 27,60 (erm. 18,40) für Auszubildende.
  • Monatskarten kosten regulär zwischen 107,40 (erm. 74,70) und 76,60 (erm. 56,00) etwa für Azubis und Senioren (Angaben in Euro). lang
AdUnit urban-intext1

Zur Begründung verwies Specht auf bislang ausgebliebene weitere Zuschüsse aus Berlin, die zur Finanzierung der verbilligten Fahrkarten bis zum Jahresende nötig wären. Hinzu komme der dramatische Fahrgastrückgang durch die geltenden Kontaktverbote und massiven Einschränkungen im öffentlichen Leben. Ab Montag gelten in Mannheim und Ludwigshafen daher wieder die regulären Fahrpreise. Bereits gekaufte, verbilligte Fahrscheine behalten bis 31. Dezember ihre Gültigkeit, so der Erste Bürgermeister.

Verkehrsbetriebe stellen Fahrplan für Berufspendler um

Um zu volle Bahnen und Busse zu vermeiden, stellen die Rhein-Neckar-Verkehrsbetriebe (RNV) ab Montag ihren Fahrplan um. Dies kündigte Sprecher Moritz Feier an: „Wir wollen die Spitzenbelastung im Berufsverkehr besser abfangen“, sagte er dieser Redaktion.

Fahrgäste hatten sich beschwert, dass zeitweise zu viele Menschen in einem Zug unterwegs seien und so die geforderten Sicherheitsabstände zur Eindämmung des Corona-Virus nicht eingehalten werden könnten. Insgesamt sei die Zahl der Fahrgäste in den Bussen und Bahnen der RNV um drei Viertel auf rund 25 Prozent zurückgegangen, seit Schulen, Hochschulen und öffentliche Einrichtungen geschlossen wurden.

Dementsprechend hatten die RNV ihr Angebot reduziert. Feier: „Wir werden ab Montag auf etwa 60 Prozent des Normalbetriebes hochfahren.“ Dabei werde der Berufsverkehr und der Abendbetrieb auf den Bahn-Linien 2, 3, 6 und 7 sowie den Bus-Linien 48 und 58 verbessert.

Die Fahrzeuge werden nach RNV-Angaben zusätzlich gereinigt und desinfiziert. Dennoch sei es nicht möglich, das Infektionsrisiko weiter zu begrenzen. Deswegen appellieren die RNV an ihre Fahrgäste: „Bleiben Sie, wenn irgend möglich, zuhause!“, so der Sprecher. lang

Im Corona-bedingt per Telefonkonferenz geführten Gespräch legten Specht, Czech und Neugebauer aber Wert auf die Feststellung, dass der mit Millionenzuschüssen des Bundes aufgelegte Modellversuch durch das vorzeitige Aus für den um durchschnittlich 30 Prozent unter den Normalpreisen liegenden Green-City-Tarif aber keineswegs als Misserfolg endet. Im Gegenteil: Um gut fünf Prozent oder mehr als zwei Millionen Fahrten war das Passagieraufkommen im ersten Halbjahr nach der Preisreduzierung angestiegen. Wie berichtet, war auch der Jahresmittelwert der Stickoxidbelastung 2019 gesunken – womit das Hauptziel des Modellversuchs, die Verbesserung der Luftqualität, erreicht worden sei.

Fahrgastbefragung abgebrochen

Genauere Erkenntnisse über das Verhalten der Fahrgäste liegen allerdings nicht vor, denn die am 1. März begonnene Evaluierung des Modellstadt-Versuchs – im Wesentlichen eine großangelegte Fahrgastbefragung in Omnibussen und Straßenbahnen – wurde wegen der Corona-Krise abgebrochen. Nur halb so viele Trams und Busse wie im Normalbetrieb sind zur Zeit unterwegs – und diese sind wesentlich schwächer besetzt als sonst. In einzelnen Bereichen – etwa beim Bar-Einkauf von Fahrscheinen, liegt der krisenbedingte Rückgang aktuell sogar bei bis zu 85 Prozent.

AdUnit urban-intext2

Klar ist aber: „Vor allem da, wo wir zusätzlich Verbesserungen im Angebot erreicht haben, gab es einen erfreulichen Passagierzuwachs“, so Specht. Zum Beispiel beim BASF-Werksverkehr in Ludwigshafen, bei den Buslinien 40 und 45 sowie 60 und 65: Hier wurden Angebotszeiten morgens und abends verlängert sowie die Abfahrtszeiten dichter getaktet. Auf der Strecke zwischen der S-Bahn-Station SAP Arena und dem Bahnhof Waldhof wurden 2018 noch rund 7000 Fahrgäste am Tag registriert. Vor der Schließung der Schulen Mitte März waren es gut 9000 Passagiere pro Schultag. Neugebauer: „Das ist ein Plus von rund 25 Prozent.“

Ähnliche Werte zeichneten sich auch für die zusätzliche Buslinie zwischen Popakademie und Hochschule Mannheim ab, die im City-Bereich im Zehn-Minuten-Takt tagsüber fährt. Diese Angebote sollen auch nach der Corona-Krise wenn irgend möglich weiter betrieben werden. Die Finanzierung dieses Angebots sei auf jeden Fall bis zum Ende des Jahres gesichert.

AdUnit urban-intext3

Dass jetzt das schnelle Ende des Green-City-Tarifs kommt, habe neben dem Ausbleiben der Fördermillionen und der Corona-Krise auch inhaltliche Gründe: „Beim Quadrate-Ticket sowie bei Tages- und Wochenkarten verzeichnen wir ein Minus von 28 Prozent, bei den Monatskarten von 16 Prozent“, so Czech. Dies seien „Wanderungseffekte aus nicht geförderten Einzeltickets und im gesamten Verkehrsverbund geltenden Zeitkarten“, die so gerade nicht gewünscht seien: „Wir wollen ja nicht diejenigen erreichen, die den Nahverkehr sowieso schon nutzen, sondern wir wollen Autofahrer zum Umsteigen auf Bus und Bahn bewegen“, erklärt Christian Specht.

Job-Ticket läuft weiter

AdUnit urban-intext4

Weitergeführt werde auf jeden Fall das vergünstigte Job-Ticket, wie Mannheims Erster Bürgermeister ankündigte. Durch die Green-City-Förderung wurden bislang 146 Unternehmen mit 2400 Mitarbeitern als neue Kunden gewonnen. „Fürs Job-Ticket haben wir noch Geld im Topf“, wie Specht wissen ließ. Dies gilt auch für die digitalen Handy-Tickets. Ebenfalls bis Jahresende gültig bleiben bereits gekaufte verbilligte Jahreskarten, bereits für den kommenden Monat erworbene Zeitkarten bleiben ebenso gültig.

Info: Mehr Infos: www.rnv-online.de und www.modellstadt.de

Stickoxid: Werte gehen zurück

Weniger Autos auf den Straßen – das bedeutet auch sinkende Stickoxid-Belastung. Die Luftmessstation am Friedrichsring registriert seit Ende der vergangenen Woche im Schnitt zurückgehende Werte. Seit Freitag, 20. März, wurden nur noch zwei sogenannte Stundenmittelwerte von mehr als 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft registriert (Stand 27. März) – eine Grenze, die als Jahresmittelwert nicht überschritten werden soll. 2019 Jahr betrug dieser Jahresmittelwert in Mannheim noch 42 Mikrogramm.

Wetter spielt eine Rolle

Unter anderem mit Hilfe des Modellstadt-Verkehrsversuchs sollten Autofahrer zum Umsteigen auf den öffentlichen Nahverkehr bewegt und damit zur Senkung der Luftbelastung beigetragen werden. Nicht ganz ohne Erfolg: Der langfristig ohnehin langsam zurückgehende Stickoxid-Jahresmittelwert sank von 47 Mikrogramm (2018) auf genannten 42 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Im Jahr davor war dieser Wert gegen den allgemeinen Trend angestiegen. Zur Erklärung vermuteten Stadtverwaltung und zuständige Landesanstalt für Umwelt (LUBW) damals, dass Wettereinflüsse eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben könnten.

Die Daten der Messstation am Friedrichsring zeigen nun: In den Wochen vor Beginn der harten Ausgangsbeschränkungen lagen noch deutlich mehr Ein-Stunden-Mittelwerte über dieser 40-Mikrogramm-Grenze. Tatjana Erkert, Sprecherin der LUBW, will allerdings nicht so weit gehen, aus den Messergebnissen schon einen „Corona-Effekt“ herauszulesen. „Natürlich verursachen weniger Fahrzeuge auch weniger Abgase“, sagt sie dieser Redaktion auf Anfrage.

Allerdings seien diese Reduzierungen allenfalls im langfristigen Verlauf der Daten abzulesen. Am Kurvenverlauf einzelner Tage sei dies deshalb schwer abzulesen. Erkert: „Die Meteorologie spielt bei den gemessenen Immissionen eine erhebliche Rolle“, sagt sie. So würden beispielsweise starke Winde die Konzentration von Schadstoffen verteilen. lang

Info: Aktuelle Stickoxidwerte aus Mannheim: bit.ly/2y81we5