Sucht - Hilfseinrichtung für Alkoholabhängige geht im August in Betrieb / Verzögerung wegen Corona-Krise / Trinkerszene hat sich an andere Orte verlagert Arbeiten am „Anker“ fast abgeschlossen

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Christine Maisch
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Der Komplex beherbergt einen Gastraum sowie Bereiche für Einzel- und Gruppengespräche: die neue Anlaufstelle für Trinker in der Akademiestraße im Jungbusch. © Thomas Tröster

Mannheim. Anwohner, die sich über Obdachlose beklagen, die in Parks und auf Spielplätzen ihre Habseligkeiten ausbreiten und Anlaufstellen, die wegen Abstands- und Hygienevorschriften Essen durch eine Fensteröffnung reichen müssen: Beschwerden von Bürgern und das, was Philip Gerber momentan auf dem Weg zu seinem Arbeitsplatz in K 3 beobachtet, bilden die Momentaufnahme einer Großstadt in Zeiten der Corona-Krise. „Die Folgen der Pandemie haben die Bedingungen für Abhängige eindeutig verschärft“, stellt der Geschäftsführer des Drogenvereins fest: „Ich sehe hier leider wieder Menschen in der Szene, die bereits auf dem Weg in ein geregeltes Leben waren.“ Auch die eigentlich für Mai geplante Eröffnung der Anlaufstelle für Trinker kam ins Stocken. Nun sind die Bauarbeiten fast abgeschlossen und im August soll das „Café Anker“ nach vier Jahren Vorlaufzeit in der Akademiestraße seine Pforten öffnen.

Die vierjährige Standortsuche

  • Im August 2020 öffnet das „Café Anker“ in der Akademiestraße im Jungbusch seine Pforten. „Alkoholakzeptierendes Aufenthalts-und Betreuungsangebot für die Trinker- und Drogenszene“ heißt das Projekt. Betreiber sind Caritas und Drogenverein.
  • 2016 hatte der Gemeinderat Geld für den Betrieb einer Einrichtung bewilligt, in der Trinker Alkohol konsumieren und Hilfsangebote bekommen können. Die Suche nach einem geeigneten Standort in der Innenstadt blieb allerdings erfolglos. Deshalb schlug die Verwaltung vor, auf ihrem Grundstück in der Akademiestraße im Jungbusch ein Gebäude zu errichten.
  • Dafür gab es zunächst im Gemeinderat keine Mehrheit. Auch CDU und Mannheimer Liste stimmten damals dagegen, weil ihnen der Standort nicht zentral genug war. Die Stadt erklärte, dass man trotz langer Suche keine Alternative fand. Vergangenes Jahr lenkten die Gemeinderäte ein.
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Ein großer Gastraum mit Thekenbereich und Toiletten, zwei Multifunktionsräume für Beratungsgespräche. „Und, wenn es geht, auch für Gruppenangebote“, sagt Verena Schmidt. Bei aller Freude über die neuen Möglichkeiten für die Betroffenen, muss sich die Caritas-Streetworkerin erstmal einen Moment lang sammeln. Sie kommt gerade von einer Trauerfeier in der Spitalkirche in E 6 – für fünf Alkoholabhängige, die sie betreut hat: „Alle sind in den letzten drei Wochen auf der Straße gestorben.“ Man merkt der erfahrenen Sozialarbeiterin an, dass es ihr schwerfällt, zum Alltagsgeschehen zurückzukehren. Inwieweit diese Ansammlung von traurigen Todesfällen auch auf die Corona-Krise zurückzuführen sind, kann sie schwer abschätzen: „Sie waren nicht infiziert, aber die Situation belastet die Menschen natürlich zusätzlich.“ Es gebe auch Marktforschungsergebnisse, die belegen, dass die Deutschen in den vergangenen Wochen über 20 Prozent mehr Alkohol gekauft haben als vor der Corona-Krise. Bei Mischgetränken seien es sogar über 80 Prozent. Dennoch betrachtet Schmidt die „Anker“-Eröffnung als positives Zeichen: „Es sieht sogar hübsch aus.“ Rund um die neuen Einzelcontainer gebe es ausreichend Freifläche und einen überdachten Bereich. „Gepflastert ist bereits. Ab 1. Juli kommen die Möbel.“ Dann wolle das Team ans Bepflanzen gehen: „Im Idealfall gemeinsam mit unseren Besuchern.“

Auf zwei Jahre befristet

Das Café schließe die Versorgungslücke zwischen der Caritas-Tagesstätte in D 6 für Wohnungslose und dem Kontaktladen des Drogenvereins. Während die Trinker in den beiden bereits bestehenden Einrichtungen keinen Alkohol konsumieren dürfen, ist das im „Café Anker“ erlaubt. Allerdings gilt das nur für mitgebrachten Wein oder Bier. Hochprozentiges ist genauso verboten, wie in den Räumen zu rauchen. Vor Ort können die Besucher Wasser, Kaffee und Limonade zum Selbstkostenpreis kaufen. Außerdem macht die Anlaufstelle Beratungsangebote zu Themen wie Sucht, Schulden oder Wohnungssuche. Sie soll von montags bis samstags geöffnet sein. Für Personal und Betrieb der Einrichtung rechnet die Verwaltung mit rund 350 000 Euro jährlich.

Bis zur „Anker“-Eröffnung gibt es immer noch spezielle Szene-Treffpunkte, wie ein Sprecher der Stadt sagt: „Von unserer Seite sind hierbei jedoch keine auffälligen Veränderungen zu beobachten.“ An der Sparkasse am Paradeplatz wurde ein Café eröffnet, „somit wurde dieser Bereich für die Trinkerszene unattraktiv“. Generell gebe es im Bereich des Paradeplatzes weiterhin Gruppen und Personen, die sich dort aufhalten, um Alkohol zu konsumieren. „Aus dem Bereich der Kunsthalle liegen dem städtischen Ordnungsdienst derzeit keine signifikanten Beschwerden vor“, so der Sprecher weiter. Laut Streetworkerin Schmidt hat sich die Szene zurzeit in den Lameygarten (wir berichteten), auf den Toulon-Platz, den Bahnhof, den Neumarkt, vor die Abendakademie und an „einige Ecken im Jungbusch“ verlagert. Das „Café Anker“-Projekt im Jungbusch ist zunächst auf zwei Jahre befristet. Es soll eine Auswertung der Arbeit geben, erst dann wird über eine Fortsetzung entschieden. Ein Aspekt dürfte dabei sein, wie sich die Lage auf den Innenstadt-Plätzen entwickelt, wie Nachbarn und Einzelhändler sich äußern. Streetworkerin Verena Schmidt ermutigt die Bürger, sich an sie zu wenden, wenn Probleme auftreten – denn sie versteht sich auch als Vermittlerin und Bindeglied zwischen den Anwohnern und den Suchtkranken: „Wir sind ja fast immer gut vor Ort zu erreichen.“

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