Anekdoten über ein ganz besonderes Verhältnis

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Die deutsch-französische Freundschaft ist quicklebendig – die große Beteiligung an unserer Leseraktion legt diese Erkenntnis jedenfalls sehr nahe. Der „MM“ und das Institut Français (IF) Mannheim hatten Sie aufgefordert, uns anlässlich des Deutsch-Französischen Tages am 22. Januar Ihre Anekdoten einzuschicken – kleine Geschichten, die das besondere Verhältnis zwischen beiden Ländern und den Menschen diesseits und jenseits der Grenze beleuchten. Sie haben uns und dem IF so viele wunderbare Geschichten – lustige, skurrile, rührende – geschickt, dass wir bei weitem nicht alle auf dieser Sonderseite abdrucken können. Wir haben uns deshalb entschlossen, die hier noch nicht berücksichtigten in der nächsten Zeit in loser Folge im Lokalteil des „MM“ zu veröffentlichen. Zusätzlich sind die Anekdoten in den sozialen Kanälen des Institut Français Mannheim zu lesen: www.if-mannheim.eu

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Stefan Willenbücher, Mannheim


Vor einiger Zeit waren wir in Südfrankreich mit Freunden in Urlaub und hatten ein schönes Ferienhaus gemietet. Es hatte einen Garten und eine tolle Terrasse, das Meer war nicht weit weg und es war tagsüber ein wunderschöner Urlaub. Nur als die Dämmerung kam, fielen die Stechmücken über uns her. Wir beschlossen also, die Vermieter zu fragen, ob es eine Möglichkeit gäbe, zumindest an den Schlafzimmerfenstern Fliegengitter anzubringen.

Wir beherrschten alle unser Schulfranzösisch, wobei ich derjenige mit den schlechtesten Noten war. Dies sollte sich auch in der Praxis bestätigen. Eine von uns hatte sogar Französisch-Leistungskurs im Abitur und legte sich schon die grammatikalisch korrekte Formulierung zurecht, wie man die Problematik den Vermietern am besten vermitteln konnte. In der Erwartung, dass das Andere besser vermitteln werden, beschäftigte ich mich nicht weiter mit dem Thema.

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Als jedoch die Vermieter kamen und uns fragten, wie uns das Haus gefällt, schauten mich alle erwartungsvoll an – in der Hoffnung, dass ich die Frage beantworte. Vermutlich lag das daran, dass meine Aussprache nicht schlecht war und ich mit meinem Herumgefuchtel und vielen Füllwörtern fast wie ein Franzose wirkte. Ich sammelte also meinen kompletten Wortschatz und sagte, dass uns das Haus sehr gut gefällt, der Wein klasse ist (wir waren ja in Bandol), die Strände schön und noch einiges mehr. Dann kam ich aber zum Schluss zum Punkt „…mais il y a beaucoup de moustache voler à la maison“ („. . .aber es gibt viele Schnurrbärte, die im Haus umherfliegen“) und „il est ne pas possible de dormir par ce que les moustaches!“ („Wegen dieser Schnurrbärte ist Schlafen nicht möglich“). Und dann die eigentliche Frage: „Est ce que it est possible de installé quelque chose contre les moustaches à la fenêtre?“ („Ist es möglich, an den Fenstern etwas gegen die Schnurrbärte zu installieren?“). Die Vermieter blickten irritiert und das Gelächter war groß, als mich meine Freunde auf den Fehler aufmerksam machten: Mosquitos heißen auf Französisch moustiques.

Alexa Gwinner, Mannheim

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Vor etwa 60 Jahren nahm meine Familie regelmäßig im Sommer ein junges Mädchen aus unserer Partnerstadt Toulon auf. Wir feierten, machten Ausflüge in die Umgebung und hatten viel Spaß. Manchmal gab es jedoch Missverständnisse mit den Gastgebern, die darauf beruhten, dass Ausdrücke im Deutschen auf unsere Gäste verletzend oder unverständlich wirkten. Zwei Beispiele: Ein französisches Mädchen stand weinend am Bus, weil ihr Gastgeber zu ihr gesagt hatte: „Du siehst salopp (gekleidet) aus!“ Das französische salope heißt auf Deutsch Hure. . .

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Einem anderen Mädchen erklärte ich stolz, ich besäße ein feines Chiffon-Kleid, worauf es mich entgeistert ansah – denn Chiffon heißt übersetzt Lumpen.

Peter Hilger, Ladenburg

Von Zeit zu Zeit besuchte ein Schäfer (r.) das Restaurant meines Schwagers in Valbonne zwischen Grasse und Cannes. Die Leute nannten ihn Marquis de Balsan, seinen richtigen Namen kannte keiner, aber da er ein Jugendfreund von Pepé, dem Vater (l.) meines Schwagers, war, lud er uns ein, ihn zu besuchen. Pepé und ich fuhren mit meinem 2 CV in die Berge über Cipière und Greoliere zu der Schlossruine des richtigen Marquis de Balzan, die dem Schäfer als Schafstall diente; daher der Name. Wir wurden in ein kleines Haus gebeten, in dem der Marquis mit seiner Frau lebte. Es gab nur ein Fensterchen, zwei Teller, zwei Tassen, ein Glas, eine Gabel und das Taschenmesser von Marquis. Das Menü bestand aus einem Laib Brot, einem großen Käse und einer Flasche Rotwein. Alles wurde herumgereicht und jeder von uns vieren nahm sich, was er brauchte. Fürstlich, der Empfang beim Herrn Marquis des Balsan.

Karl Klemm, Lampertheim

Es war im Juli 1969, ich hatte gerade meinen Wehrdienst beendet und befand mich per Anhalter auf dem Weg nach Süden. In einem kleinen Dorf in den französischen Alpen ging es per Anhalter nicht weiter, also stand ich auf dem Bahnsteig des Bahnhofs, um notgedrungen ein Stück mit dem Zug weiterzufahren, als ein Marinesoldat in Uniform hinzukam. Er dürfte so alt wie ich gewesen sein. Wir sahen uns beide mit Erstaunen und Neugierde an. Ich fragte mich, was ein Matrose hier im Gebirge wohl mache und er überlegte anscheinend, ob ich mit meinem Bundeswehrrucksack, -jacke usw. vielleicht ein Deserteur sei. Wir boten uns Zigaretten an, fragten nach dem Woher, Wohin, und ich erzählte ihm in meinem holprigen Schulfranzösisch, dass meine Bundeswehrzeit gerade vorüber war und ich auf dem Weg nach Süden, zum Meer und weiter sei. Er erzählte, dass er noch gute sechs Monate bei der Marine dienen müsse und gerade auf Urlaub auf dem Weg nach Hause sei. Da kam auch schon sein Zug. Er bedauerte, gehen zu müssen, nahm seine Matrosenmütze vom Kopf, zog den roten Bommel vom Mützendach ab und drückte mir diesen in die Hand mit den Worten „Nous sommes tous camarades“ („Wir alle sind Kameraden“). Ich knotete derweil mein verschwitztes olivgrünes Dreiecktuch vom Hals und gab es ihm. Dann hauten wir uns kräftig gegenseitig auf die Schultern: „Plus jamais la guerre – vive l’amitié franco-allemende“ („Nie wieder Krieg – es lebe die französisch-deutsche Freundschaft“). Er nahm seinen Seesack auf, stieg in den Zug, ein letztes „Bon voyage, bonne chance“ („Gute Reise, viel Glück“), und er war weg. Ich stand noch eine Weile auf dem Bahnsteig, bis auch mein Zug kam.

Seinen Namen habe ich längst vergessen, aber der rote Bommel hat einen Ehrenplatz in meinem Arbeitszimmer.

Christel Chowanetz-Dillmann, Hockenheim

Mein Großvater Adolf Höfer war Unteroffizier bei den 114ern im Ersten Weltkrieg und mit seinem Trupp in einem kleinen französischen Kloster einquartiert. Eines späten Abends war die Mutter Oberin gekommen und hatte ihn händeringend gebeten, noch in derselben Nacht das Kloster zu verlassen und sich in den umliegenden Wäldern zu verbergen. Sie wisse, dass ihr Kloster am frühen Morgen angegriffen würde und sie dauerten die vielen jungen Männer. Mein Opa glaubte zuerst an einen Hinterhalt, doch die Nonne bettelte so inständig, sagte, sie selbst dürften wegen ihres Gelübdes den Ort nicht verlassen und gab ihm als Zeichen ihrer Ehrlichkeit ihr eigenes Gebetsbüchlein als Unterpfand mit. Opa und seine Soldaten verließen in der Nacht heimlich das Kloster. Als er der Oberin ihr Büchlein am nächsten Abend zurückbringen wollte, war alles dem Erdboden gleichgemacht. Er hat im nächsten Brief nach Hause geschrieben, sollte sein Kind, das demnächst, im Dezember 1914, geboren werde, ein Mädchen sein, müsse es den Namen Annette Melanie, den Namen der Nonne erhalten. Daraus wurde im normalen Ladenburger Sprachgebrauch dann Anita. Das Büchlein samt seiner Geschichte blieb in der Familie erhalten. Im vergangenen Herbst habe ich es ins Archiv der evangelischen Kirche in Speyer gegeben. Da schon ich nicht mehr Ort und genaues Datum wusste, sollte es aus Pietät nicht irgendwann auf dem Flohmarkt oder in der Papiertonne landen.

Alexander Stöckl, Mannheim

Auf der Suche nach einer Unterkunft in meinem Auslandssemester in Frankreich stieß ich 1998 auf eine Frauen-WG. Keinesfalls wollte man(frau) das vierte Zimmer an einen Studenten vermieten. Männer – so Anick, der die Wohnung unweit des Hafens von Nizza gehörte – seien Machos und packten im Haushalt nicht mit an. Ich konnte die WG letztlich doch davon überzeugen, es mal mit einem „deutschen Mann“ zu versuchen. Was soll ich sagen? Es war für die Mitbewohnerinnen keine Fehlentscheidung und Alexandres neu eingeführter Putzplan („c’est génial!“) galt noch lange nach meiner Abreise als Maßstab für den gemeinsamen Haushalt. Bis heute steht die ehemalige deutsch-französische WG noch in Kontakt.

Vera Pauli, Biblis


Als Realschülerin Ende der 60-er Jahre hatte ich eine Brieffreundschaft zu einer gleichaltrigen Schülerin aus dem nördlichen Elsaß (Saverne). Im Sommer 1970 lernten wir uns dann endlich persönlich kennen, und sie kam für zwei Wochen mit dem Zug zu mir in den Norden Deutschlands, wo ich früher wohnte. Wir unternahmen schöne Ausflüge nach Hamburg, Lübeck, Ratzeburg und an die Ostsee. Wir waren uns gleich sympathisch, so dass ich sie im darauffolgenden Sommer in Frankreich besuchte. Ich war damals 17, und es war meine erste größere Reise, die ich von Hamburg nach Straßburg ganz allein antrat.

Leider brach irgendwann danach unser Kontakt ab, aber ich habe immer mal wieder an meine Freundin gedacht und hätte gern gewusst, wie es ihr geht. Inzwischen war ich Anfang der 80-er Jahre nach Mannheim gezogen. Von dort reiste ich einige Male wieder ins Elsaß, ohne zu wissen, ob sie noch in ihrem Dorf wohnte.

2008, also nach 37 Jahren unseres letzten Kontaktes, kam mir die Idee, einen Brief an die älteste Schwester meiner Freundin in ihrem damaligen Heimatort, ein kleines Dorf, zu schreiben. Denn die Schwester war damals schon verheiratet und ich hoffte, dass sie dort noch unter ihrem Namen wohnte.

Nach etwa zwei Wochen erhielt ich tatsächlich eine Nachricht meiner „alten“ Brieffreundin, die inzwischen einen Deutschen geheiratet hatte und im südlichen Elsaß bei Colmar wohnte. Das war eine Freude nach so langer Zeit, und wir haben uns seitdem schon einige Male gegenseitig besucht und halten auch regelmäßigen Kontakt, was ich sehr schön finde.

Das beiliegende Foto zeigt meine Freundin (links) und mich (rechts) anlässlich des 60. Geburtstages meiner Freundin 2013.