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Geschichte - Ehemalige Tulla-Realschülerinnen mit Alfred-Hausser-Preis ausgezeichnet / Aufarbeitung der NS-Vergangenheit

An Opfer der Zwangssterilisation erinnert

Von 
Katja Geiler
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Wettbewerbsteilnehmerin Laura Benizri vor einem Schaukasten. © Katja Geiler

Für ihren Dokumentarfilm „Spurensuche“ erhalten fünf ehemalige Schülerinnen der Video-AG der Tulla-Realschule den Alfred-Hausser-Preis. Dieser ist nach dem Antifaschisten Alfred Hausser (1912 bis 2003) benannt und wird alle zwei Jahre verliehen.

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Der 20-minütige Film von Ayten Sayma, Leonie Schuller, Eda Damar, Isabella Rosa Celestino und Laura Benizri befasst sich mit dem Schicksal von Betty Franz (1910 bis 2004), die im Alter von 27 Jahren aufgrund einer zweifelhaften ärztlichen Diagnose von den Nationalsozialisten zwangssterilisiert wurde.

Die Tulla-Realschule übernahm zusammen mit dem Karl-Friedrich-Gymnasium im März 2018 für ein Jahr die Patenschaft für das Mahnmal, das an die Opfer der Zwangssterilisation erinnert. Das Denkmal, geschaffen von Bildhauer Michael Volkmer, gibt es seit 2013, es wechselt jährlich den Standort.

Betty Franz ist die Schwester der Großmutter von Silvia Völker, die an der Realschule als Lehrerin arbeitet. Der Film ist zu sehen auf der Homepage und auf „Tullywood“, dem YouTube-Kanal der Schule. Die Produktion beginnt damit, dass Projektteilnehmerin Laura Benizri anderen Schülern das Mahnmal zeigt und sie nach ihrer Meinung fragt. „Das ist schon ziemlich krass, dass man Leute zwangssterilisiert hat, die krank waren“, antwortet ein Schüler.

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In der nächsten Szene werden die Schülerinnen auf ihrem Weg ins Marchivum gezeigt, begleitet von Daniel Nischwitz, dem Leiter der Video-AG, und Silvia Völker. Im NS-Dokumentationszentrum werden ihnen Bilder von Mannheim aus der Nazizeit präsentiert – und daneben Ausschnitte aus dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von 1933.

Als Erbkrankheit galten unter anderem „Schwachsinn, Schizophrenie, erblicher Veitstanz, schwerer Alkoholismus“. Die Menschen wurden ambulant operiert, manche starben dabei. Betty Franz, die sehr wissbegierig war und gerne las, wurde im mittelfränkischen Uttenhofen geboren und zog 1925 zu ihrem Bruder nach Mannheim-Rheinau.

„Im Jahre 1930 wanderte sie nach New York aus, um dort als Dienstmädchen zu arbeiten. Sie bekam aber Heimweh und wurde depressiv. Wann sie zurückkam, wissen wir nicht genau, allerdings gibt es Belege von 1937 aus der Psychiatrie Würzburg mit der Diagnose Schizophrenie“, so Völker.

Lange Zeit ohne Entschädigung

Die Zwangssterilisation erfolgte schließlich in Mannheim. Betty Franz war ihr Leben lang stigmatisiert, sie heiratete nie. Sie wurde 94 Jahre alt und verbrachte die letzten Jahre in ihrem Heimatort. Silvia Völker sprach mit ihrer Großtante erst an deren 90. Geburtstag über den Eingriff.

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Die Opfer der Zwangssterilisation wurden lange Zeit nicht anerkannt. Erst 1980 erfolgte eine vage Aufarbeitung, denn die Täter wurden nie zur Rechenschaft gezogen. Betty Franz stellte einen Antrag und erhielt bis zu ihrem Tod 100 DM pro Monat Entschädigung. „Im Laufe der Projektarbeit war Betty für die Schülerinnen kein Fall mehr, sie war quasi anwesend“, sagte Silvia Völker.

Freie Autorin Ich arbeite hauptsächlich für die Redaktion Ludwigshafen, bin aber auch zwischendurch in Mannheim unterwegs. Am liebsten schreibe ich über kulturelle Events wie Lesungen, Theaterstücke oder Konzerte. Auch wenn es um Tiere geht, bin ich gerne mit dabei, ich habe einen Hund und einen Hasen. Außerdem bin ich ein großer Sixties-Fan und führe auf Instagram einen Vintage-Blog unter miss_marble_arch.

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