Erfolgsgalopp - Vor 150 Jahren geht es beim ersten Badenia-Jagdrennen um 1200 Gulden / Europas höchste Preisgelder locken die Reitelite Als Grafen und Rittmeister hoch zu Ross dominieren

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
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Am 7. Mai 1901 wurde die Mannheimer Postkarte mit „Gruß vom Rennplatz“ abgestempelt. © Stadtarchiv

Die Strecke über 5000 Meter mit 26 Sprüngen bewältigt Graf Ferdinand Metternich auf The Nip in knapp 13 Minuten: Mit großem Vorsprung gewinnt der pferdebegeisterte Adlige die erste Badenia – und damit 1200 Gulden und einen Ehrenpreis des Großherzogs. 150 Jahre ist das her. Eigentlich sollte das legendäre Mannheimer Hindernisrennen, das einst mit der europaweit höchsten Dotierung die Elite im Sattel anzog, am 3. Mai bei einem Badenia-Renntag gewürdigt werden. Doch der ist wegen Corona abgesagt.

Ersatzwettbewerbe ohne Publikum, aber vor Kameras

Der im Dezember 1868 gegründete Badische Rennverein etabliert 1870 die Badenia, die inzwischen als Großes Heinrich-Vetter-Badenia-Jagdrennen ausgetragen wird.

Als der Traditionswettbewerb von 1957 bis 1972 nach Haßloch auswandern muss, nennt der Mannheimer Reiterverein die wichtigste Springprüfung beim Maimarkt-Turnier „Badenia“, was bis heute gilt.

Für den wegen Corona gestrichenen Badenia-Renntag (eigentlich am Sonntag, 3. Mai, geplant) gibt es möglicherweise zeitnah Ersatzwettbewerbe – allerdings ohne Publikum, sondern nur vor Kameras zwecks Übertragung. Ein Jubiläums-Jagdrennen findet keinesfalls statt. Der Badische Rennverein Mannheim-Seckenheim hofft auf Nachholtermine im Herbst. wam

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Wer historische Lagepläne der einstigen Turfbahn studiert, staunt nicht schlecht: Bis auf 7000 Meter hat sich die Rennstrecke in den ersten Jahrzehnten zwischen Luisenpark, Neuostheim sowie Feudenheimer Gemarkung ausgedehnt und dabei die heutige Moll-, Otto-Beck- und Kolpingstraße gequert. Allerdings wird der östliche Bogen wegen des Damms der neuen Riedbahn wieder abgeflacht.

Die Badenia-Erfolgsgeschichte beginnt holprig. Nur einmal gelaufen, und schon muss die Steeplechase, wie damals Hindernisrennen heißen, 1871 wegen des Deutsch-Französischen Kriegs ausfallen. Anders als heute dominieren Grafen, Freiherrn, Leutnants und Rittmeister hoch zu Ross. Und fast immer bekleiden sie militärische Ränge. Jockeys in Hockhaltung sind noch unbekannt. Der gängige Begriff „Herrenreiterei“ kündet davon, dass Frauen bei Pferderennen die Rolle der gut behüteten Gattin zugedacht ist – im wahrsten Sinne des Wortes. Ein Chronist schreibt: „Die Zuschauertribünen waren größtenteils von reichem Damenflor besetzt, der in geschmackvollster Toilette aller Augen auf sich zog.“ Womit insbesondere „Kopfputz“ gemeint ist.

Als sich die Badenia zu einem internationalen Magnet für die Steepler-Elite entwickelt, muss der Galoppsport Konkurrenz nicht fürchten. Fußballvereine entstehen erst Ende der 1880er Jahre. Der spätere Volkssport wird als „Englische Krankheit“ mit „Fußlümmelei“ verspottet. Es sind Pferdewettbewerbe, die Massenpublikum anziehen. Zum ersten Doppel-Renntag strömen 1869 mehr als 10 000 Schaulustige auf die Neuwiesen am Neckardamm – darunter herzogliche Hoheiten und Fürstinnen.

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Die Badenia profitiert nicht nur vom allseits gelobten Turfareal – auch von ihren Preisgeldern. Bereits 1899 gibt es 10 000 Mark zu gewinnen, anlässlich des 300. Stadt-Geburtstages anno 1907 sind satte 45 600 Mark ausgelobt, davon 30 000 für den Sieger. Als Magdeburg 1911 ebenfalls eine hochkarätige Steeplechase, den Kronprinzenpreis, ausschreibt, tobt hinter den Kulissen ein finanzielles Kopf-an-Kopf-Rennen. Letztlich trumpft der Badische Rennverein auf. Es ist die goldene Ära des Galoppsports, als im Mai 1914 der Badenia-Sieger 50 000 Mark bekommt und weitere 24 000 Mark an Platzierte ausgeschüttet werden. Leutnant von Herder, der mit Tropic in einem starken Feld gewinnt, dürfte genauso wenig wie die anderen Starter aus fünf Ländern geahnt haben, dass einen Monat später in Sarajewo ein mörderisches Attentat den Ersten Weltkrieg auslösen wird.

16 Mal im pfälzischen Exil

Danach tut sich die Badenia schwer, an alte Glanzzeiten anzuknüpfen – weil sie eine Wirtschaftskrise im Würgegriff hält und obendrein viele springtalentierte Nobelpferde in den Schlachtfeldern geblieben sind. Zehn Jahre (von 1923 bis 1933) pausiert der Hinderniswettbewerb. 1940 ist erneut Schluss, und das bis 1957. Weil es dann auf den einst ruhmreichen Rennwiesen (heute Luisenpark und Reiterverein) keine Turfanlage mehr gibt, wird die Badenia 16 Mal im pfälzischen Haßloch ausgetragen. Als sie nach 34 Jahren zurückkehrt und 1973 auf der ausgebauten Seckenheimer Waldrennbahn begeistert, gibt es eine Überraschung: Ein gerade mal 15-Jähriger, Christian Sprengel, stürmt vorneweg auf Lateen ins Ziel.

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Dass ein Virus die Badenia ausbremst, ist in ihrer 150-jährigen Geschichte neu. Aber das wird der traditionsreiche Hinderniswettbewerb überleben, wie so vieles. Und wenn Corona wieder die Zügel aus der Hand gibt, soll es im Herbst ein Jubiläumsrennen geben. Das hofft Vereinspräsident Stephan Buchner.

Freie Autorin