Diskriminierung - Nach Vorfällen in den USA erhält das Mannheimer Antidiskriminierungsbüro mehr Anfragen als üblich „Alltagsrassismus ist normal“

Von 
Lea Seethaler
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Das Beratungsteam um Tina Koch (Mitte): Gülderen Basikara, Astrid Melz, Tina Koch, Lejla Noeske-Habibovic und Raoul Adjete (v.l.). © Christoph Bluethner

Als Tina Koch vom Antidiskriminierungsbüro Mannheim ans Telefon geht, ist gerade Sprechstunde: „Können Sie es nach 12 noch einmal probieren? Es ist gerade die Zeit, in der Leute anrufen“, sagt sie. In der Telefonleitung sind Mannheimer, die Diskriminierungen melden möchten. Und das sind viele, berichtet Koch später. Genauer: Viel mehr als sonst.

Infos und Kontakt

  • Fünf Beraterinnen zeigen Möglichkeiten gegen Ausgrenzung auf, von Vermittlungsgesprächen über Beschwerdebriefe bis hin zu Klagen. Es gibt acht Beratungsstellen im Südwesten.
  • Häufigste Anfragen erreichen die Berater zu Diskriminierungen wegen zugeschriebener ethnischer Herkunft und Rassismus. Meist sind es mehrere Merkmale, weshalb die Menschen diskriminiert werden, zum Beispiel zusätzlich Geschlecht oder Religion. In Einzelfällen gebe es auch Meldungen, wonach die Polizei Angriffe auf schwarze Menschen nicht ernst genug nehme. Zu Beginn der Corona-Krise wurden zudem Asiaten verstärkt in Deutschland angefeindet, berichtet Beratungsstellenleiterin Tina Koch.
  • Telefonische Sprechstunden für Betroffene unter 0621/43 68 90 56 (Dienstag 11 - 12 Uhr, Donnerstag 18 - 19 Uhr, Freitag 9 - 10 Uhr). Anonymes Formular unter www.bit.ly/3fa9SSC 
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Denn der Tod von George Floyd, die Demos – auch in Mannheim – und aufgekeimte mediale Rassismus-Debatten: Sie hätten etwas bewegt, besonders bei Betroffenen, sagt Koch. „Diese Medienpräsenz legt bei vielen gerade einen Schalter um, jetzt trauen sie sich, sich zu melden.“ Den „letzten Stups“ hätten die Ereignisse Betroffenen gegeben.

Auch an diesem Tag haben sich wieder viele Mannheimer überwunden: „Die Anfragen auf allen Kanälen sind gestiegen“, sagt Koch, die das Büro leitet. Im Netz über ein anonymes Formular, per Mail oder am Telefon. Die Menschen am Telefon schilderten, wo es passiere: Auf der Straße, bei der Arbeit, in der Schule, im Club. Erzählten genauer, was passiert: Angriffe, Kündigungen, Beleidigungen oder Zutrittsverweigerungen. Wenn die 45-Jährige spricht, hört man heraus: Diskriminierung ist überall. „Alltagsrassismus ist so normal geworden, dass die betroffenen Menschen ihn nicht mehr als Diskriminierung empfinden“, sagt Koch über die Anrufer. „Im Beratungsgespräch kommen dann ganz viele Vorfälle auf den Tisch“, erzählt die Leiterin des Büros. „Sie denken bis dahin, dass es normal ist“, sagt Koch. Doch im Gespräch – und nun auch durch die mediale Präsenz der Vorfälle – werde ihnen das Gegenteil bewusst.

Wunden reißen auf

Diskriminierende Vorfälle zu melden, sei es wegen Geschlecht, Hautfarbe, Behinderung, Krankheit, äußerlichen Merkmalen oder Alter, sei für die Betroffenen oft mit inneren Hürden verbunden, so Koch. Oftmals wüssten sie erst gar nicht, an wen sich wenden sollten. Oder wem sie sich anvertrauen könnten. Zudem würden durch das Schildern der Vorfälle Wunden aufgerissen. Viele seien sich gar nicht bewusst, dass es ein Gleichstellungsgesetz gibt, betont Koch mit Nachdruck. Daher ist sie für ein solches Gesetz auch auf Landesebene, wie das, das es in Berlin gibt. „Da könnte man viel mehr machen, auch was Diskriminierung an Schulen angeht“, sagt sie.

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„Alles, was wir machen, geschieht in Absprache mit den Ratsuchenden,“ erklärt die Beratungsstellenleiterin weiter. Manchen reiche es, sich zu melden. Manchen sei auch die Erfassung wichtig, für die Statistik. „Gemeldet wissen wollen“ nennt Koch das. Einige wiederum möchten einfach sprechen. Oder, dass ihr Problem anerkannt – und ihnen beigepflichtet wird: „Dass auch andere, also wir als Büro, sagen, ja, das ist eine Diskriminierung“, beschreibt Koch. Dann folgen Vermittlungsgespräche, Beschwerdebriefe – bis hin zu Klagen.

Und wenn man Zeuge wird, und jemand im Alltag, beispielsweise in der Straßenbahn diskriminiert wird, empfiehlt Koch, auf jeden Fall ein Gefühl für die Person zu entwickeln und in Absprache mit ihr, sei es über Blickkontakt oder ein „Brauchen Sie Hilfe?“ einzuschreiten. So vermeide man übergriffiges Verhalten und Bevormundung.

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Warum Koch ihren Beruf gewählt hat? „Gerechtigkeitsgefühl“, kommt ihr über die Lippen. Die Demonstration am Schloss sei wichtig gewesen, um das „Thema zu setzen“, sagt sie. Es sei wichtig, Solidarität zu zeigen – und wenn dabei die aktuelle Verordnung eingehalten werde, könne dies „nicht oft genug geschehen“. Christian Ratz, Mitinitiator und Sprecher der Rhein-Neckar-Regionalgruppe des Bündnisses „Aufstehen gegen Rassismus“, sagt unterdessen, die von Ausgrenzung Betroffenen müssten in der Debatte „gehört und verstanden“ – und sichtbar gemacht werden. Sie müssen sich äußern können, und nicht „Politiker in Talkshows“, wie man es aktuell sehe. Chana Dischereit vom baden-württembergischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma beschreibt derweil, dass man sich mit den Demonstranten am Schloss solidarisiere, da man auch Parallelen zum strukturellen Antiziganismus in Deutschland sehe.

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Redaktion Redakteurin und Online-Koordinatorin der Mannheimer Lokalredaktion