Kulturpolitik - Der Umzug von Xavier Naidoos Konzert von Ladenburg in die SAP Arena spaltet auch die Kommunalpolitik AfD: „Echter Sohn Mannheims“

Von 
Jörg-Peter Klotz und Stefan Proetel
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Xavier Naidoo bei seinem bisher letzten Konzert am 11. Dezember 2019 in der SAP Arena. © Manfred Rinderspacher

Mannheim. Die Ladenburger Kommunalpolitik ist das Problem los, in Mannheim geht es wohl erst los: Das Open Air Xavier Naidoos im August auf der Festwiese der Römerstadt musste aufgrund der – von ihm übrigens angezweifelten Corona-Pandemie – ins nächste Jahr verschoben werden. Da sich kein adäquater Sommertermin finden ließ, soll es nun am 9. Oktober 2021 in der SAP Arena über die Bühne gehen (wir berichteten).

Hopp: Stets ein gern gesehener Gast

  • Auf Anfrage dieser Zeitung verwies SAP-Arena-Chef Daniel Hopp auf die langjährige Verbundenheit seines Hauses mit dem Sänger: „Xavier Naidoo ist seit Eröffnung der SAP Arena fester Bestandteil unseres Veranstaltungskalenders, war stets ein gern gesehener Gast.“
  • In den vergangenen 15 Jahren habe er die Arena als Solokünstler, als Mitglied der Söhne Mannheims oder im Rahmen von Charity-Formaten 14-mal gefüllt – meist bis auf den letzten Platz. Hopp: „Es obliegt nicht uns als Veranstaltungsstätte, über Äußerungen des Künstlers zu urteilen. Gerade in der aktuellen wirtschaftlich verheerenden Situation, in der es auch darum geht, die Arbeitsplätze unserer Mitarbeiter zu erhalten, ist es unsere Aufgabe und Pflicht, eine hohe Auslastung der SAP Arena sicherzustellen.“
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Dort hat Naidoo schon viele triumphale Heimspiele erlebt. Nun erhob sich als Reaktion auf diese Nachricht sofort die längst übliche virtuelle Schlammschlacht zwischen Gegnern und Befürwortern. Und die „entsetzten“ Mannheimer Grünen übernahmen noch am Mittwochabend das Protestbanner ihrer Ladenburger Parteifreunde. Die hatten den Naidoo-Auftritt verhindern wollen – umso energischer, je mehr die Video-Botschaften des Mannheimers nach seinem Rauswurf bei der RTL-Castingshow „DSDS“ Mitte März eskalierten.

Die Mannheimer AfD nannte das Ansinnen der Grünen am Donnerstag auf ihrer Homepage „Widerwärtige Boykott-Hetze“. Ihr Vertreter Bernd Siegholt wirft sich für den Sänger in die Bresche: „Xavier Naidoo ist ein Kind aller Länder und ein waschechter Sohn Mannheims.“ Als prominenter Künstler mit begnadeter Stimme habe er stets seine rührende Anhänglichkeit zu Mannheim bestätigt. Den Fall Naidoo betrachte die AfD-Fraktion als „Prüfstein für unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung, insbesondere in puncto Meinungsfreiheit“.

Meinungsfreiheit hohes Gut

Achim Weizel (Mannheimer Liste) warnt vor den Folgen von Verbotsversuchen: „Die im Grundgesetz verankerte Meinungs– und künstlerische Freiheit gebietet uns, über ein Verbot der Veranstaltung nicht nachzudenken.“ Wie schnell vermeintliche Einschränkungen der persönlichen Freiheiten Irritationen hervorriefen, lasse sich gut an den Demonstrationen der „Corona-Schutzmaßnahmen-Gegner“ erkennen. Nichtsdestotrotz bedauere er die politische und künstlerische Entwicklung des Künstlers.

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„Das ist eine Entscheidung der SAP Arena – wir können uns in deren Geschäftspolitik nicht einmischen“, sagt Claudius Kranz (CDU). Seine Partei finde es sehr bedauerlich, was man rund um Naidoo in den vergangenen Wochen gehört habe. „Wir sind nicht glücklich, dass das Konzert nach Mannheim verlegt wird, aber solange sich jemand im Rahmen der Kunstfreiheit bewegt, kann man es ihm nicht untersagen.“

Für FDP-Stadträtin Birgit Reinemund ist Naidoo „gerade dabei, seine künstlerische Karriere selbst zu zerlegen durch seine abstrusen Verschwörungstheorien und Videos, die wir inhaltlich klar ablehnen“. Rechtlich könne ein Auftritt in der privat bewirtschafteten SAP Arena nicht beanstandet werden. „Den Ruf nach politisch motivierten Auftritts- und Berufsverboten lehnen wir ab.“

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Für die SPD sagt Capitol-Chef Thorsten Riehle: „Die neue Dimension der Corona-Leugnung und der Befeuerung von Verschwörungstheorien bedauern wir sehr, passt aber leider ins Bild. Wir sind verwundert darüber, dass Naidoo mit der SAP Arena eine so prominente Plattform bekommen soll.“ Auch Riehle betont, dass das Konzert nicht verboten werden könne, weil die freiheitliche Grundordnung die Meinungsfreiheit gewährleiste – dies sei ein weiterer Beweis dafür, dass die Demokratie diese Freiheiten auch in Corona-Zeiten für jeden garantiere, der sich im Rahmen des Grundgesetzes bewege. Aber: „Wir unterstützen Widerstand gegen das Konzert ausdrücklich, denn es geht auch darum, die Werte der Demokratie zu verteidigen und unsere Gesellschaft vor denen zu schützen, die Spaltung zum Ziel haben.“

Feind der Demokratie

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Thomas Trüper (Li.Par.Tie) fordert die Betreiber der SAP Arena auf, „Konzerte mit Xavier Naidoo, der rechte, wissenschaftsfeindliche, teilweise antisemitische und rassistische Verschwörungstheorien verbreitet, auszuschließen. Naidoo darf in Mannheim kein Forum für seinen gefährlichen Unsinn erhalten.“ Schlimm genug sei, dass sich seine Bekanntheit rufschädigend auf die Stadt auswirke. Die Mannheimer Jusos starteten eine Petition, in der die SAP Arena dazu aufgefordert wird, das Konzert abzusagen. Die Grünen erneuerten ihre Kritik an den Hallenbetreibern mit dem Slogan „Keine SAP-Bühne für Feinde der Demokratie! “

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