Bildung - Die Abendakademie schätzt, dass es rund 30 000 Analphabeten in Mannheim gibt / Hilfe von Vereinen, Institutionen oder Familie nötig Abendakademie: 30 000 Analphabeten in Mannheim

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Eva Baumgartner
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Die meisten Analphabeten gehören zur funktionalen Gruppe. Sie können Buchstaben erkennen, aber verstehen oft den Sinn eines längeren Textes nicht. © dpa

übersechsmillionenerwachsene-indeutschlandkönnennicht-richtiglesenoderschreiben. Nein, das ist keine Ansammlung von Druckfehlern. Vielmehr haben mehr als 6,2 Millionen Menschen in Deutschland Probleme mit der alltäglichen Schriftsprache. Wie viele es in Mannheim sind, das können Helga Hufnagel und Susanne Rechner vom Grundbildungs-Team der Abendakademie nicht genau sagen. Zu groß ist die Dunkelziffer, weil sich viele Menschen scheuen, über ihr Problem zu sprechen. „Wir vermuten aber, dass es 30 000 Personen sein könnten, vielleicht sogar mehr“, so Hufnagel.

Gründe für Defizite sind vielfältig

  • Als Analphabetismus bezeichnet man individuelle Defizite im Lesen oder Schreiben bis hin zu völligem Unvermögen. Die Gründe sind unterschiedlich: Sie können kulturell, psychisch oder auch bildungsbedingt sein.
  • Man unterscheidet verschiedene Gruppen. Die größte sind die funktionalen Analphabeten, die zwar Buchstaben erkennen und einige Wörter schreiben können, aber den Sinn eines längeren Textes meist nicht verstehen. Primäre Analphabeten haben das Lesen und Schreiben nie gelernt. Sekundäre Analphabeten haben das Erlernte wieder verlernt. Semi-Analphabeten können lesen, aber nicht schreiben. Von rund 6,2 Millionen Analphabeten in Deutschland sind 63 Prozent erwerbstätig, 13 Prozent arbeitslos, Hausfrauen und -männer sind 8 Prozent, Rentner 5,6 Prozent.
  • Die Abendakademie bietet seit Jahren viele Kurse im Bereich Grundbildung und Alphabetisierung an und betreibt das vom Land geförderte Grundbildungszentrum seit Juni 2019. Zwei Jahre lang gibt es dafür jeweils 50 000 Euro Zuschuss. Ziel ist, die Öffentlichkeit für das Thema zu sensibilisieren und Kursleiter auszubilden.
  • In Baden-Württemberg gibt es derzeit neun Grundbildungszentren. Neben Mannheim kamen im Sommer 2019 sieben weitere Städte hinzu: die VHS Heidelberg, Pforzheim, Freiburg, Offenburg, Freudenstadt, Ulm und Lörrach. Zuvor bestand bereits ein Zentrum in Konstanz.
  • Die Abendakademie will auch mit Aktionen vor Ort – etwa einem mobilen Lerncafé – niederschwellige Lernangebote bereithalten. Mit dem Lastenfahrrad „Alpha-Mobil“ sollen Mitarbeiter auf Messen und Märkten unterwegs sein, um Betroffene anzusprechen und sie zu einer Kursteilnahme zu motivieren. Bestehende Vernetzungen zu kommunalen Grundbildungspartnern sollen vorangebracht werden.
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„Das klingt viel, und wir haben vergleichsweise wenig Teilnehmer in unseren Kursen, aber oft ist eben der Leidensdruck nicht da“, weiß Hufnagel. Vielmehr hätten Betroffene eine fast perfekte Fassade aufgebaut: Da liegt der Gipsarm zuhause und wird zu bestimmten Terminen angelegt, um dem Schriftverkehr aus dem Weg zu gehen. Oder regelmäßig die Brille vergessen. Manche bestellen im Restaurant immer zuletzt - und einfach „das Gleiche“. Andere lernen blitzschnell auswendig, wieder andere spannen die Familie mit ein und lassen den Ehepartner sogar berufliche Mails schreiben. Probleme, diese Fassade zu erhalten, bekommen die Betroffenen erst, wenn ihr Unterstützungssystem kränkelt: „Wenn der Job in Gefahr ist, die Kinder eingeschult werden. Das kann den Ausschlag geben, es nochmal zu probieren. Es ist keine Schande, als Erwachsener Bildung nachzuholen“, stellt Hufnagel klar.

Verschiedene Kurse an der Abendakademie

Wie Susanne Rechner ist Helga Hufnagel Ansprechpartner für Analphabeten und deren Vertrauenspersonen. Zu ihrer Arbeit gehört die Beratung, auf Wunsch auch anonym. Die Kurse, die in der Abendakademie angeboten werden, reichen vom Erlernen der Buchstaben bis zum sicheren Lesen und Schreiben. Ergänzende Themen im Bereich der Grundbildung runden das Programm ab. Nicht nur für Betroffene, auch für Betriebe oder Ämter will das Grundbildungszentrum Kontaktperson sein. Will sie darüber informieren, wie sie Analphabeten erkennen und ihnen helfen können.

Neben Rechtschreibung, Lesen oder Grammatik gibt es auch Kurse, die einen Besuch des Landtags oder der Stadtbibliothek anbieten. Auch der Umgang mit Geld oder Tipps für eine erfolgreiche Wohnungssuche stehen im Semesterprogramm. Verschiedene Angebote unterstützen auch Dozenten bei der Alphabetisierungsarbeit. Viele Kurse sind kostenlos.

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„Dadurch, dass wir seit Juni 2019 Grundbildungszentrum sind, haben wir gemerkt, dass wir anders wahrgenommen werden“, sagt Helga Hufnagel. Die Abendakademie habe nun viel mehr Möglichkeiten, auch außerhalb des Hauses tätig zu werden. Niederschwellige Angebote seien dadurch möglich: „Das kann gesundheitliche oder politische Grundbildung sein“, so Hufnagel. Bislang habe man viele dieser Dinge in das eigene Lerncafé integriert, doch jetzt könnten Kurse daraus entstehen. Auch Hilfe bei der Wohnungssuche gehöre zum Angebot. Das Personal sei aufgestockt worden: „Unsere Kursleiterzahl hat sich als Grundbildungszentrum verdreifacht“, sagt Hufnagel.

Anonyme Beratung

Werbung für Rechtschreibung und Lesen zu machen, das sei verständlicherweise schwierig: „Aber es hilft uns trotzdem, wenn es viele wissen, die meisten Menschen erreichen wir über Mund-zu-Mund-Propaganda“, sagt Susanne Rechner. Familienangehörige oder Betriebe wollten oft helfen. „Aber ich bin immer vorsichtig, wenn jemand für eine andere Person anruft. Aber wir bieten ja auch eine anonyme Beratung an“, so Hufnagel. In die Kurse können Interessierte jederzeit einsteigen, sagt Hufnagel. „Ein telefonischer Kontakt wäre gut, dann können wir gemeinsam schauen, welcher Kurs zu der jeweiligen Person passt“, sagt Rechner.

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Neben Mannheim gibt es baden-württembergische Grundbildungszentren übrigens auch in Heidelberg, Pforzheim, Lörrach, Konstanz, Freudenstadt, Freiburg, Ulm und Offenburg. Die Mannheimer sind dankbar, dass sie seit dem vergangenen Jahr endlich am Zug sind: „Wir haben im Land eine hohe Arbeitslosenquote. Zudem viele Alleinerziehende und Migranten. Der Bedarf ist da“, sagt Hufnagel. Das Team im Grundbildungszentrum setzt dabei übrigens auch auf Unternehmen, in denen verschiedene Angebote stattfinden könnten.

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Redaktion Eva Baumgartner gehört zur Lokalredaktion Mannheim und kümmert sich vor allem um den Bereich Mannheim-Nord.