Seckenheim - Aus der Not eine Tugend gemacht: Weil die Sportstätten der TSG derzeit nicht genutzt werden dürfen, wird an gleich vier Orten renoviert Warten auf den Neustart

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Stephanie Kuntermann
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„Uns gehen langsam die Ideen aus“, hat Andreas Hänssler noch am Telefon im Gespräch mit dieser Redaktion gesagt. Doch beim Termin vor Ort, als der TSG-Vorsitzende und seine Mitstreiter Regina Kasper und Florian Mannheim einen Rundgang durch die verschiedenen Sportstätten unternehmen, kann man das kaum glauben. Der Verein hat nämlich aus der Not eine Tugend gemacht und sich während der Corona-bedingten Schließungen alle möglichen großen und kleinen Reparaturen vorgenommen, für die im laufenden Sportbetrieb sonst selten Gelegenheit ist.

Der Verein leistet Abbrucharbeiten in den Sanitäranlagen des Kaiserhofs. © Stephanie Kuntermann
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Die Tour startet im Seckenheimer Schloss, wo die Besucher ein Duft nach dem Öl empfängt, das in den Boden des Festsaals eingelassen wurde. Die Sonne scheint durch die hohen Bogenfenster; auf der Bühne steht ein Gerüst, auf dessen oberster Stufe die FSJler Jonas Iwanovic und Leon Alvares sitzen und die alt ehrwürdigen Samtvorhänge vom Staub vieler Jahre reinigen. Während der Sauger leise schnurrt, erklärt Hänssler: „Als nächstes wird eine stromsparende LED-Beleuchtung eingebaut.“ Viel los in der Halle – nur die Turngeräte stehen nutzlos herum.

Die TSG Seckenheim

Der Verein hat 2600 Mitglieder, davon sind 1500 unter 16 Jahren.

Gegründet wurde die TSG 2005 aus dem Zusammenschluss des Turnvereins 1898 und des Turnerbunds Jahn 1899.

Der Verein hat acht festangestellte Mitarbeiter, 140 Trainer und Übungsleiter, außerdem FSJler.

Es gibt 15 Abteilungen von Behindertensport bis Wandern; zur Kindersportschule gehören auch Schwimmkurse, angefangen beim Babyschwimmen. 400 Kinder besuchen Kurse der Schwimmschule.

Die TSG ist Eigentümerin der TSG-Turnhalle, die übrigen Stätten sind gemietet oder gepachtet. An 18 verschiedenen Orten wird Sport getrieben, nicht nur in Seckenheim, sondern auch im Mannheimer Stadtteil Rheinau oder an Bildungseinrichtungen wie der Duden-Schule.

Eine Forderung des Vereins ist die nach einer zentralen Sportstätte; favorisierter Platz ist die Fläche beim Schützenhaus, aber auch das Konversionsgelände STEM ist im Gespräch.

Zum Angebot der Kindersportschule gehören Sportcamps über Ostern und Pfingsten. Sie sind wegen der Corona-Pandemie abgesagt oder sollen auf die Herbstferien verschoben werden. stk

Kein Kurs, kein Geld

Denn frühestens ab dem 3. Mai könne es wieder losgehen mit dem Sportbetrieb, sagt Vize-Vorsitzende Kasper. Rechnungen laufen aber weiter, Mieten und Pacht müssen bezahlt werden; die festangestellten Mitarbeiter schaffen derzeit auf den Baustellen – so muss der Verein niemanden entlassen. „Wir versuchen, uns so gut wie möglich für die Nach-Corona-Zeit aufzustellen“, erklärt Mannheim. Der Vereins-Geschäftsführer nennt die Sanierungen zwar eine finanzielle Herausforderung, gibt aber zu bedenken: „Wir könnten niemandem erklären, warum wir das später machen und dann erneut schließen müssten.“

Ein weiteres Problem ist, dass keine neuen Mitglieder dazu kommen, etwa als Neuanmeldungen fürs Babyschwimmen. Nachdem der Verein in den vergangenen drei Jahren Zuwächse verzeichnete, stagnieren die Zahlen nun. „Wenigstens haben wir keine Austritte“, sagt Kasper.

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Ein Problem haben alle Honorarkräfte des Vereins, hat Hänssler schon am Telefon erklärt: „Wenn Kurse abgesagt werden, verdienen sie nichts: Kein Kurs, kein Geld.“ Weggebrochen sind auch die Kleinkindergruppen. „Wir würden da gerne mehr machen und sind mit der Stadt Mannheim in Gesprächen“, so der Geschäftsführer.

Nächste Station ist der alte Tanzsaal im Kaiserhof. Der Raum bekommt einen großen Schrank mit verspiegelten Türen, neue Fenster, die den alten Jugendstil-Modellen nachempfunden sind, sollen die Glasbausteine ersetzen, so Hänssler: „Das ist energetisch sinnvoll.“ Nebenan werden die alten Sanitärräume samt Sauna abgerissen: Unter einer Schutzmaske steckt Schwimmlehrer Armin Habeth, der hier den Hammer schwingt. In Eigenleistung erbringt der Verein hier 200 Arbeitsstunden, dazu kommen Fördermittel vom Badischen Sportbund für die neuen Toiletten, Umkleiden und Duschen. Im Sportstudio stehen ungenutzte Geräte: „Hier könnten auch mit Abstandsregeln drei, vier Leute trainieren“, sagt Hänssler. Aber: Sie dürfen nicht. Leer ist auch die nächste Station, die vereinseigene Halle: Hier wurden die Holzdecken im Flur und die Wände in den Umkleiden neu gestrichen, die Bäder mit dem Dampfstrahler gereinigt und sämtliche Sportgeräte ausgeräumt, abgewaschen und desinfiziert. In der Halle drehte Gerhard Raule mit verschiedenen Übungsleitern die Videos, die als Online-Modelle zumindest teilweise die Sportstunden ersetzen sollen.

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Und weiter geht es zum Waldsportplatz: Hier räumen Helfer gerade alte Kloschüsseln in einen Anhänger: Die Toiletten werden saniert und gründlich gereinigt, während die Waldhütte eine neue Küchenzeile bekommen soll – eine Spende von Hänssler. Das Außengelände liegt derweil verwaist unter dem blauen Frühlingshimmel; auch hier soll investiert werden. 20 000 bis 30 000 Euro düfte eine neue Aschenbahn kosten, weiß Hänssler. Kasper berichtet, dass die Übungsleiterinnen zum Unkrautjäten an der benachbarten Tartanbahn kommen; und für den Bolzplatz stehen neue Tore bereit.

„Unsere Kinder dürfen nicht raus“

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Doch nutzen darf das alles niemand. „Warum nicht, während das ein paar Kilometer weiter klappt“, moniert der Vorsitzende die Ungleichbehandlung gegenüber dem Nachbar-Bundesland Rheinland-Pfalz, wo die Menschen mittlerweile wieder Sport an der frischen Luft treiben können.

„Hier geht nichts. Unsere Kinder dürfen nicht raus“, schüttelt er den Kopf. Nicht nur das: Oster- und Pfingstcamps, die sonst traditionell auf der Anlage stattfinden, wurden abgesagt. „Seit 30 Jahren kümmere ich mich um das Feriencamp im Ökodorf Losheim“, sagt Kasper. Doch ob es 2020 wie geplant stattfinden kann, weiß sie auch nicht, genauso wenig, ob die KiSS-Feriencamps angeboten werden können.

Info: Fotostrecke auf morgenweb.de/seckenheim