Protestanten und Katholiken feiern nacheinander erstmals wieder Präsenz-Gottesdienste in St. Pius in Neuostheim „Wie schön, dass wir wieder beieinander sind“

Von 
Martin Tangl
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Die evangelische Pfarrerin Nina Roller (großes Bild l.) gibt ihrer Gemeinde den Segen im Pfarrsaal von St. Pius in Neuostheim. Eine Stunde später entlässt ihr katholischer Kollege Oliver Wintzek (kleines Bild r.) die Gläubigen mit dem Segen Gottes in den Sonntag. © Martin Tangl

Mannheim. Glockengeläut vom Turm von St. Pius in Neuostheim ruft die Protestanten gestern um 10 Uhr zum ersten Präsenz-Gottesdienst nach dem Corona-Lockdown Mitte Dezember. Zehn Besucher finden sich unter strengen Hygiene-Bedingungen im Pfarrsaal des Ökumenischen Zentrums ein, für 40 haben die Organisatoren Platz geschaffen. Eine Stunde später wird an gleicher Stelle die katholische Messe eingeläutet, auch hier sind es knapp zehn Männer und Frauen, die in der Gemeinschaft Gott näher sein wollen. „Wir gehen regelmäßig in die Kirche und haben das schon sehr vermisst“, spricht ein älteres Ehepaar aus, was fast alle Gläubige an diesem Vormittag fühlen.

Ökumenisches Zentrum

  • Die Evangelische Thomasgemeinde und die Katholische Kirchengemeinde Mannheim Johannes XXIII. sowie das ostkirchliche Zentrum „Kyrill und Methodius“ nutzen künftig die Kirche St. Pius in Neuostheim gemeinsam als ökumenisches Zentrum. Dazu wird die Kirche derzeit bis zum Frühjahr 2022 umgebaut.
  • Während der Umbauphase wird der Pfarrsaal für Gottesdienste genutzt – während der Corona-Pandemie unter Einhaltung der Hygienevorschriften.
  • Im Dezember 2009 machte doppelter Wasserschaden die evangelische Thomaskirche dauerhaft unbenutzbar. Seit 2010 wird deshalb die katholische Pfarrkirche St. Pius von beiden großen christlichen Konfessionen gemeinsam genutzt. tan

Strenge Hygieneregeln

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Maskenpflicht, Abstandsgebot mindestens zwei Meter, Hände-Desinfektion und die Registrierung von Name und Adresse gehören zum Pflichtprogramm in der Pandemie. Und wer nicht zum selben Haushalt gehört, darf nicht zusammensitzen. „Wir nehmen die Vorsichtsmaßnahmen sehr ernst“, betont Gerlinde Kammer, die Vorsitzende der Kirchenältesten der Thomasgemeinde. Ihr katholischer Kollege Bernhard Hübner sorgt mit seinem Team ebenfalls für die Einhaltung der strengen Hygiene-Regeln, nur so lasse sich ein Präsenz-Gottesdienst abhalten. „Es ist aber ganz entschieden wichtig, dass wir wieder Gottesdienste feiern“, ergänzt der Vorsitzende des Pfarrgemeinderates der Seelsorgeeinheit Johannes XXIII. Die Heilige Messe wird aber auch im Internet übertragen.

Wegen des Schneefalls in der Nacht, glatter Straßen – und doch etwas Sorge vor Ansteckung kommen nicht allzu viele Menschen live in den Pfarrsaal. „Und wenn es nur zwei, drei Leute wären“, betont die evangelische Pfarrerin Nina Roller die Bedeutung dieses Gottesdienstes und berichtet im Gespräch mit dieser Redaktion: „Wir haben lange im Ältestenkreis diskutiert und keine leichte Entscheidung getroffen. Aber die seelsorgerische Funktion eines Gottesdienstes wirkt schwer. Hier können wir bei Gott Kraft tanken, mit Leib und Seele, nicht nur mit Hirn und Gefühl. Wir brauchen einen Raum, in dem man Religion leben kann.“

In ihrer Predigt geht Nina Roller dann auf die Corona-Pandemie ein: „So vieles fehlt, was das Leben zum Fest macht“, erinnert sie an die Hochzeit zu Kanaan, bei der Jesus Wasser in Wein verwandelt. „Er sorgt dafür, dass da ist, was man braucht, um den Alltag zu etwas Besonderem zu machen“, so die Pfarrerin. Gott sei eine Quelle, die nie versiegt – eben auch nicht in Corona-Zeiten. Alexander Klinkhardt am Klavier hat den musikalischen Part, „und die Gemeinde singt innerlich mit“, so die Aufforderung der Pfarrerin.

Langsame Öffnung wichtig

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Der katholische Priester Oliver Wintzek hat sich für die Heilige Messe ein anderes Thema ausgesucht. Auch er ist froh, dass er wieder vor seiner Gemeinde stehen darf: „Es war schon bitter, dass zu Weihnachten die Gottesdienste ausgefallen sind, aber vernünftig.“ Zur Begrüßung sagt er: „Wie schön, dass wir wieder beieinander sind!“ Seine Predigt handelt von der Begegnung Jesu mit Johannes, dem Täufer, über Güte und unendliche göttliche Vergebungsbereitschaft. „Wer bei Jesus bleibt, in dem wohnt Gott“, lautet seine Botschaft an diesem Sonntag, untermalt durch Klavier-Klänge von Organist Harald Böhme sowie Gesang von Bernhard und Annette Hübner.

Die Gläubigen gehen beseelt nach Hause. „Das war eine wohltuende Unterbrechung der Lockdown-Zeit und hat uns sehr gutgetan“, sagen Patrick Herrle und Michaela Schmittberg. Die junge Familie mit Tochter Greta auf dem Schoß und Sohn Konrad in Kinderwagen betont: „Der Gottesdienst fehlt uns schon sehr.“ Wolfgang Köhn und seine Frau sind ebenfalls froh und haben sich „Anregungen geholt, für Gedanken, die man sich in der Corona-Krise macht. Und dafür war das alles sehr gut gestaltet“.

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„Gerade ältere Menschen haben Sehnsucht, endlich mal unter Leute zu kommen, jemand anderes zu sehen“, erklärt Organisatorin Jutta Lindner. Deshalb sei die langsame Öffnung für Präsenz-Gottesdienste für viele so wichtig.

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