Serie „Fasnacht fällt aus“ (3) - Neckarauer „Pilwe“ sind weiter aktiv / Goldener „Sandhas“ als Zeichen gegen die Krise Coole Party per Video

Von 
Peter W. Ragge
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„Immer wieder neue Ziele setzen“, hat sich Franziska Maylahn vorgenommen – aber so schafft sie es. Sie ist eine der Trainerinnen der „Pilwe“-Garde. Die jungen Tänzerinnen stets neu zu motivieren, obwohl sie derzeit gar nicht auf Auftritte hinarbeiten können, sei zwar „nicht einfach – aber es klappt“, sagt sie. Dabei wäre 2021 für die „Pilwe“ ein ganz besonderes Jahr: Sie würden die Stadtprinzessin stellen – was nun auf 2022 verschoben ist.

„Pilwe“-Training per Video, unten der traurige Corona-Pin der „Pilwe“, rechts daneben der krisenfeste goldene „Sandhas“ mit Brillant. © Vereine
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Mit Tanzmariechen Jasmin Cutrona hat Maylahn Videos aufgenommen, um das gemeinsame Training in der Turnhalle der Schillerschule zu ersetzen. „Wir zeigen die einzelnen Schritte, die nötig sind, und alle studieren sie dann nacheinander ein“, erläutert Maylahn. Im Sommer trainierten die Garden im Vereinsgarten, im Herbst durften sie kurz in die Schulräume, dann kam die erneute Schließung. Derzeit bleibe nur Videokonferenzen, „aber es klappt“, freut sich die Trainerin. Die Treffen ausfallen zu lassen, „das stand nie zur Debatte“, betont sie.

Vereinshaus renoviert

Natürlich sei ein großes Ziel, „dass wir uns alle wieder mal sehen“, so Maylahn. Aber an dem Tag, an dem der 1955 gegründete Neckarauer Verein sonst seine „Pilwe-Nacht“ mit großer Party gefeiert hätte, trafen sich nun alle Aktiven einschließlich der Elferräte virtuell. „Einige der Mädels haben sogar ihre Wohnungen dekoriert, der war echt ganz cool, dieser Abend“, erzählt sie. Dann folgte ein gemeinsames Training vor dem Bildschirm, danach hatten alle Spaß zusammen. „Zumindest bei den Dehnübungen haben wir mitgemacht“, so Rolf Braun, der Vorsitzende und Präsident der „Pilwe“, schmunzelnd.

Der Verein sei zwar „so gut wie im Lockdown“, sagt er, aber je länger er erzählt, merkt man, dass außer dem Gardetraining noch viel mehr passiert. Auf Facebook werden Kampagnenfotos aus den Vorjahren veröffentlicht. „Beim Musikzug probt jeder, soweit möglich, allein zu Hause“, sagt Braun. Den Sommer über haben die „Pilwe“ viel gearbeitet, den Festplatz im Garten des Vereinshauses mit einer neuen Schotterschicht befüllt und verdichtet, Wildwuchs entfernt, ein neues Kühlhaus aufgebaut und überdacht. Im Januar hat Vizepräsident Matthias Böckel allein den Innenbereich des Vereinshauses neu gestrichen. „Wände, Tür- und Fensterrahmen und das Treppenhaus erstrahlen in neuem Glanz“, hebt Braun dankbar hervor. Wirtschaftlich koste der Ausfall der Sommerfeste und der Kampagne den Verein wohl rund 20 000 Euro, fürchtet der Vorsitzende.

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Aber wenigstens gebe es keinen Mitgliederschwund. Und mit einem Tanzmariechen werde man sowohl bei der Feuerio-Fernsehsitzung als auch bei der Internet-Fasnacht vom Rhein-Neckar-Theater dabei sein. Wenn die „Pilwe“ auch auf ein Vereinsheft verzichten und keinen Orden prägen, so haben sie doch für treue Mitglieder und Gönner einen traurigen Pin angefertigt – als spezielle Erinnerung an die „Corona-Kampagne“.

Das haben sich auch die Rheinauer „Sandhase“ gedacht. Als Pin produzierten sie einen goldenen Sandhase-Kopf mit Brillant – als Zeichen des Dankes für die Treue. „Ganz ohne eine Erinnerung an diese Corona-Krisen-Kampagne geht es nicht“, sagt Präsident Holger Kubinski. Die erste Idee, ein „Corona-Virus“ als Pin zu machen, verwarfen die „Sandhase“ aber, um „diesem kleinen, fiesen Virus, das so viel kaputt macht“, nicht zu viel Ehre zu erweisen. „Es mag keine Saalveranstaltungen geben, aber der Sandhas‘ glänzt trotzdem – golden, als Zeichen für das Krisenfeste“, erklärt der oberste „Sandhas“. Auch ein Kampagnenheft haben die Aktiven des 1963 gegründeten Rheinauer Vereins produziert. „Wir sind glücklich und stolz darauf, dass uns dies gelungen ist“, verweist Kubinski dankbar auf die „treuen Werbekunden“.

Senator als Nikolaus

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Zudem habe man zum 11.11. eine kleine Grußbotschaft auf Youtube hochgeladen, „und so ein bisschen den Ausbruch aus dem tristen Alltag versucht“, wie es Kubinski formuliert. Darüber hinaus befinde sich der Verein aber „im Lockdown“, so der Präsident. „Wir haben über alternative Modelle nachgedacht, aber Fasnacht ohne einigermaßen normale Bedingungen erschien uns wenig zielführend“, meint Kubinski.

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Ausflug, Hasenessen und die Beteiligung am Pfingstberger Weihnachtstreff fielen aus, „aber wir waren mit dem Nikolaus – unser Senator Alexander Fleck im Bischofskostüm – zu Besuch im evangelischen und katholischen Kindergarten auf dem Pfingstberg, um wenigstens den Kindern ein Symbol der Hoffnung zu geben“, berichtet Kubinski.

Die wirtschaftlichen Folgen der ausfallenden Kampagne hielten sich „in Grenzen, da wir in den letzten Jahren gut gewirtschaftet haben“. Austritte gebe es nicht („Wir sind wie eine kleine Familie“), weshalb der Verein laut Kubinski „unbeschadet durch diese Krise“ komme. „Wir hoffen, Ende 2021 wieder einigermaßen normal in die fünfte Jahreszeit starten zu können“, so Kubinski.

Redaktion Chefreporter