Hemshof - Bäckermeister Jochen Brendel kauft wegen Lockdown übrig gebliebene Lagerbestände des „Maffenbeier“ / „Eine tolle Geste“ Überschüssiges Bier wird zu Brot

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Julian Eistetter
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Corona-Helfer im Hemshof: Bäckermeister Jochen Brendel kauft dem „Maffenbeier“ überschüssiges Bier ab und verwertet es zu Brot. © Christoph Blüthner

Ludwigshafen. Im Hemshof, Ludwigshafens wohl kultigstem Stadtteil, kommt die Corona-Hilfe nicht vom Staat, sondern vom Bäcker nebenan. Genauer gesagt von Brendels Backwelt in der Leuschnerstraße, in unmittelbarer Nähe des Goerdelerplatzes. Um die keine 100 Meter entfernt liegende, Pandemie-gebeutelte Kultkneipe „Maffenbeier“ in der Krise zu unterstützen, hat sich der Inhaber des kleinen Familienbetriebs, Bäckermeister Jochen Brendel, etwas ganz Besonderes einfallen lassen. Er kauft Gastwirt Thomas Schulte-Hobein das überschüssige Bier ab, das beim „Maffe“ wegen des Lockdowns nicht über den Tresen gehen kann, und backt damit Brot. Bierbrot.

Brauereien schütten weg

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„Ich trinke gerne mal ein Bier“, sagt der 33-Jährige im Gespräch mit dieser Redaktion zur Entstehungsgeschichte der kulinarischen Kooperation. „Im Corona-Lockdown schütten die Brauereien massenweise Bier weg. Dem wollen wir entgegenwirken“, erklärt Brendel. Er habe Schulte-Hobein das Angebot vorgeschlagen, der gerne eingewilligt habe. „Den Umsatzverlust kriegt er mit seinem Abholverkauf nicht aufgefangen. Deshalb kaufe ich ihm das Bier etwas teurer als zum Einkaufspreis ab, damit er noch etwas für sich hat.“ Deutlich mehr als 200 Liter habe Brendel seit dem 18. Januar erworben. „Daraus sind bislang etwa 450 bis 480 Bierbrote geworden“, berichtet der 33-Jährige.

Die Rezeptur hat Brendel gemeinsam mit Schulte-Hobein ausgetüftelt. „Das Bier ist die einzige Flüssigkeit, die in den Teig kommt“, sagt der Bäckermeister. „Dadurch riecht das Brot auch sehr aromatisch.“ Verkauft wird „De Maffe“, wie die Sorte in Anlehnung an die Kneipe heißt, im Laden im Hemshof sowie auf den sieben Wochenmärkten, die Brendels Backwelt bestückt.

Kult-Wirt Schulte-Hobein freut sich über die Hilfe aus der Nachbarschaft. „Das ist wirklich eine tolle Geste“, sagt er. Finanziell sei dies zwar nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Aber die Idee ist super, und es freut mich, wenn so ein junger Mann einem Betrieb Hilfe anbietet, dem es nicht so gut geht.“ Die Geschwindigkeit des erneuten Lockdowns im November habe Schulte-Hobein und den „Maffenbeier“ etwas unvorbereitet getroffen. „Das Kühllager war auf jeden Fall voll“, sagt er mit Blick auf die großen Biervorräte. Teilweise habe die Brauerei auch überschüssiges Bier zurückgenommen.

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In die allgemeinen Beschwerden über die ausbleibenden Staatshilfen will Schulte-Hobein indes nicht einstimmen. „Bei uns sind bislang etwa 75 Prozent der Zahlungen eingegangen“, berichtet er.

Jochen Brendel hat sich vor etwas mehr als zwei Jahren selbstständig gemacht und die Bäckerei im Hemshof im Januar 2019 übernommen. „Ursprünglich besteht sie seit dem Jahr 1930. Der Vorgänger hat aus gesundheitlichen Gründen einen Nachfolger gesucht“, erinnert sich Brendel. Der 33-Jährige betreibt die Backstube gemeinsam mit seiner Frau Jasmin und elf Mitarbeitern. „Wir sind ein richtiges kleines Familienunternehmen“, sagt er. Das Ehepaar hat zwei Söhne im Alter von drei Jahren und einem halben Jahr und wohnt über der Bäckerei.

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Um sich gegen große Bäckerei-Ketten zu behaupten, setzt Brendel auf Handwerklichkeit, Natürlichkeit und Qualität. „Wir wollen Genussmomente erschaffen. Jedes Produkt soll ein Genuss sein, ressourcenschonend hergestellt, und auch noch am nächsten Morgen schmecken“, sagt der gebürtige Schifferstädter. Die Bäckerei habe sich einen festen Kundenstamm aufgebaut, und durch die Lage in der Nähe eines Ärztehauses komme auch viel Laufkundschaft vorbei.

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Während der Pandemie beobachtet der Bäckermeister bei vielen Menschen ein Umdenken im Konsumverhalten. „Die Leute kommen vermehrt auf die Wochenmärkte und zu kleinen Herstellern, weil sie das Gedränge in großen Supermärkten meiden wollen. Es hat einen Sinneswandel gegeben, die Kleinen zu unterstützen, damit es sie noch lange gibt“, sagt er. Da er in seiner Bäckerei nur wenige Sitzplätze anbietet, sei er von der Schließung der Gastronomie nicht allzu sehr betroffen.

„Impfspritzen“ für Berliner

Dennoch zermürbt die Pandemie auch den 33-Jährigen. „Das alles geht einem allmählich auf den Senkel“, sagt er. Um ein bisschen Spaß in die trübe Zeit zu bringen, verkauft Brendel Impfspritzen mit Marmelade oder Vanillepudding, mit denen die Kunden Berliner selbst füllen können. „Das ist unser Corona-Fasnachts-Gag“, sagt er. „Man muss es irgendwie mit Humor nehmen.“ Bei den Kunden komme das gut an. Genau wie das aromatische Bierbrot.

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Redaktion Reporter Region, Koordinator Neckar-Bergstraße und Ausbildungsredakteur

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