Pandemie - Jugendliche konsumieren wegen fehlender Tagesstruktur vermehrt Alkohol zu unüblichen Zeiten / Projekt „HaLT“ soll helfen Rauschtrinken unter der Woche nimmt zu

Von 
Julian Eistetter
Lesedauer: 
In der Pandemie greifen Jugendliche wochentags öfter zur Flasche. © dpa

Ludwigshafen. In Zeiten der Corona-Pandemie tendieren mehr Kinder und Jugendliche in Ludwigshafen und Umgebung zu exzessivem Alkoholkonsum auch unter der Woche. Das berichtet Pädagogin Stefanie Fischer vom Haus der Diakonie, die vor Ort das Alkoholpräventionsprogramm „HaLT – Hart am Limit“ koordiniert. 44 junge Menschen, die mit Alkohol- oder Drogenvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert worden sind, haben die Mitarbeiter des Programms im Jahr 2020 mit Beratungsgesprächen erreicht.

AdUnit urban-intext1

Das sind zwar zehn weniger als im Jahr 2019. „Doch in normalen Jahren haben wir allein durch große Feste wie das Frankenthaler Strohhutfest oder den Wurstmarkt in Bad Dürkheim eine ganze Reihe von Einlieferungen. Das ist letztes Jahr alles weggefallen, und es waren im Vergleich deutlich mehr Einsätze unter der Woche“, so Fischer.

Für die Expertin sind die Gründe naheliegend. „Durch die Corona-bedingten Einschränkungen fehlt vielen Jugendlichen die klare Tagesstruktur“, erläutert sie. Durch Schulausfall gebe es teilweise keinen Grund, morgens früh aufzustehen, Alternativen wie Sport oder andere Hobbys seien derzeit nicht möglich. „Gerade bei Jugendlichen, die bald ihren Abschluss machen, vermischt sich das mit einer gewissen Perspektivlosigkeit“, so Fischer. Die Folge sei der Griff zur Flasche auch zu sonst eher ungewöhnlichen Tages- und Wochenzeiten.

Das Projekt HaLT, das es deutschlandweit seit 2003 gibt und das in Ludwigshafen neben dem Haus der Diakonie vom Rat für Kriminalitätsverhütung sowie von den Regionalen Arbeitskreisen Suchtprävention Rheinland-Pfalz koordiniert wird, verfolgt sowohl präventive als auch reaktive Ansätze gegen übermäßigen Alkoholkonsum bei Kindern und Jugendlichen.

AdUnit urban-intext2

In Ludwigshafen gibt es eine Kooperation mit dem St. Annastiftskrankenhaus, wo Jugendliche mit Alkoholvergiftung meist eingeliefert werden. Hier versuchen die Mitarbeiter, ein erstes Gespräch mit der oder dem Betroffenen sowie deren oder dessen Eltern zu führen.

„Unmittelbar nach einer Alkoholvergiftung sind Jugendliche meist sehr sensibel und offen für Verhaltensänderungen“, berichtet Fischer. Etwa zwei Drittel aller eingelieferten Jugendlichen lassen sich auf das Hilfsangebot ein. „Bei den meisten bleibt es dann tatsächlich auch ein Einzelfall, eine einmalige Grenzüberschreitung“, so die Pädagogin.

Feste Abläufe wichtig

AdUnit urban-intext3

In der aktuellen Pandemie-Zeit geben die Berater den Betroffenen mit auf den Weg, sich selbst einen festen Tagesablauf zurechtzulegen. „Morgens aufstehen, sich anziehen, etwas für die Schule machen, Pausen, Sport, zumindest das, was möglich ist“, rät Fischer. Auch regelmäßige Treffen mit einer Kontaktperson oder virtuelle Treffen mit mehreren Freunden könnten helfen. Durch die steigenden Temperaturen rechnet Fischer mit einer weiteren Zunahme des Alkoholkonsums. „Wenn sich das nach draußen verlagert, fällt zusätzlich noch die Kontrolle der Eltern weg“, sagt sie.

Redaktion Reporter Region, Koordinator Neckar-Bergstraße und Ausbildungsredakteur