Homeschooling und Co.: Ein Konzern zeigt, was geht

Bettina Eschbacher kommentiert das Bildungsprojekt der BASF - und sieht darin viel Anlass zur Kritik an Bund und Ländern.

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Bettina Eschbacher
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Vielen vom Homeschooling überforderten Eltern dürfte das großangelegte Corona-Bildungsprojekt der BASF wie die Erfüllung ihrer aktuellen Träume vorkommen. Mentoren, die Schüler und Schülerinnen eins zu eins per Videochat unterstützen, passgenaue Nachhilfe-Angebote und sogar ein bisschen Lebenshilfe – ein pädagogisches Baukastensystem der Premiumvariante. Dazu professionelle Anbieter, eine durchdachte Infokampagne und eine zentrale Stelle – die Metropolregion Rhein-Neckar GmbH – die das Projekt bundesländerübergreifend (!) koordiniert. Das Angebot „Deine Lernbox“ könnte für viele Schüler aus schwierigen Verhältnissen die letzte Chance sein, wieder den Anschluss zu schaffen.

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Der Applaus aus Eltern- und Lehrerkreisen dürfte der BASF und der MRN GmbH sicher sein. Es ist eine vorbildliche Initiative und bei allem Lob für das durchdachte und finanziell sicher erhebliche Engagement des Unternehmens wirft sie Fragen auf: Warum um alles in der Welt muss ein Chemiekonzern kommen, um überhaupt erst ein solches Angebot zu machen? Warum gibt es das nicht längst schon bundesweit für alle Schulen und für die vielen alleingelassenen Kinder und Jugendlichen? Und zwar konzipiert und finanziert von den dafür Zuständigen: den Kultusministerien der Länder. So gelungen das BASF-Projekt ist, zeigt es doch umso deutlicher die Versäumnisse, ja das Versagen des föderalen Bildungsapparates. Und es schließen sich viele Fragen enttäuschter, erschöpfter Eltern an, die seit Wochen verzweifelt versuchen, ihren Kindern beim mehr oder minder gelungenen Fernunterricht zu helfen – und oft aufgeben: Warum gab es nach dem ersten Lockdown keine systematische Erfassung aller Defizite durch die Schulschließungen, um alle Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern? Warum hat man nicht ansatzweise versucht, auch nach den Sommerferien in geteilten Klassen zu unterrichten – mit der Hilfe von Studierenden und in leerstehenden Veranstaltungsräumen? Warum hat nicht längst jeder Klassensaal Luftfilter? Warum hat man nicht alle Lehrerinnen und Lehrer im Herbst so umfassend weitergebildet und ausgerüstet, dass alle hochwertigen Digitalunterricht machen können?

Geld kann nicht das Problem sein, das zeigt der Vergleich mit den Milliardenhilfen für die Wirtschaft. Das Problem ist der viel zu geringe Stellenwert, den Bildung bei den politischen Entscheidungsträgern hat. Ein Chemiekonzern macht ihnen jetzt vor, was zu tun ist.

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Redaktion Bettina Eschbacher hat bei der BASF volontiert und ist seit 1996 Redakteurin beim Mannheimer Morgen/Südhessen Morgen - zuerst als Lokalredakteurin in Lampertheim, seit 2002 als Wirtschaftsredakteurin. Zu ihren Themen-Schwerpunkten zählen die Bau- und Servicebranche mit regionalen Unternehmen wie HeidelbergCement, Bilfinger und Diringer & Scheidel, der Handel, das Verlagswesen, Ausbildung und Bildung sowie die Arbeitswelt und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie.