Soziales - Erfahrungen der städtischen Beratungsstelle während Corona-Krise und Schulschließungen / Übergangslösungen suchen „Eltern massiv überfordert“

Von 
Thomas Schrott
Lesedauer: 
Diplom-Psychologe Knut Bayer von der städtischen Erziehungsberatung gibt Hilfestellungen – wegen Corona derzeit vornehmlich per Telefon. © Stadtverwaltung

Ludwigshafen. Seit dem zweiten Lockdown und den Schulschließungen hat sich der 14-jährige Tim (Name von der Redaktion geändert) noch mehr zurückgezogen. Er bleibt fast nur noch im Zimmer, trifft sich mit keinen Freunden mehr. Stattdessen sitzt er von morgens bis abends am Computer. Schulaufgaben lässt er links liegen, PC-Spiele dominieren. Seine Mutter ist nervlich am Ende. Weil sie beruflich stark eingespannt ist, hat sie kaum Kraft, Konflikte mit ihrem Sohn auszutragen. Dies ist kein Einzelfall, sagt Ines Ellesser, Abteilungsleiterin der städtischen Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern.

Kontakt per Telefon oder Mail

Die städtische Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern ist in der Bürgermeister-Kutterer-Straße 37 untergebracht und für die Stadt Ludwigshafen und den Rhein-Pfalz-Kreis zuständig.

14 Mitarbeiter, vor allem Psychologen und Sozialarbeiter, sind bei elf Vollzeitstellen beschäftigt.

Die Beratungsstelle ist telefonisch unter 0621/504-30 56 oder -31 51 erreichbar, montags bis donnerstags von 8.30 bis 16 Uhr und freitags von 8.30 bis 13 Uhr. Die E-Mail-Adresse lautet: erziehungsberatung@ludwigshafen.de.

Im Jahr 2020 wurden 1450 Familien betreut. Pro Fall sind es durchschnittlich fünf bis sechs Gespräche. Die Beratung ist kostenlos.

AdUnit urban-intext1

„Viele Eltern, die vor Corona ganz gut ihr Familienleben organisiert hatten, sind mit der Zusatzbelastung Homeschooling massiv überfordert und fühlen sich allein gelassen“, berichtet Ellesser von den Erfahrungen der eingeschalteten Psychologen und Sozialarbeiter. Appelle der Eltern, die Kinder zum Lernen zu bewegen, fruchten längst nicht immer. Das belaste auch die Beziehung zwischen den Erwachsenen, die sich gegenseitig Vorwürfe machen.

Zahlreiche Kinder, gerade auch jüngere, können sich nicht wochenlang zu Schulaufgaben motivieren und selbstständig den Stoff erarbeiten, so Ellesser. Manche fühlen sich allein gelassen, andere überfordert. Nicht alle Eltern können bei Hausaufgaben helfen, manche seien mit ihrer Geduld nach dem monatelangen Lockdown am Ende.

Hilfesuchend an die Beratungsstelle gewandt hat sich etwa eine alleinerziehende Mutter, deren siebenjähriger Sohn nicht mehr in die Schule gehen kann und sich zwangsläufig häufiger in der Wohnung aufhält. Dadurch fetzt er sich oft mit seiner vierjährigen Schwester, schildert die Abteilungsleiterin einen weiteren typischen Fall. Die Streitigkeiten verstärken die nervliche Belastung der Alleinerziehenden.

„Mein Akku ist leer“

AdUnit urban-intext2

„Mein Akku ist seit Wochen leer“, erzählte eine andere Mutter mit einem dreijährigen Sohn einer Mitarbeiterin der Beratungsstelle. Sie beschäftige sich fast rund um die Uhr mit dem Kind, habe kaum Erholungsphasen, bis der Mann abends nach Hause komme. „Wir haben der Frau geraten, sich immer wieder kleine Auszeiten zu nehmen“, berichtet Ellesser. Empfohlen wurden dabei auch optische Hilfsmittel wie der Einsatz einer Sanduhr.

„Familien haben oft ein riesiges Betreuungsproblem, wenn ihre Kinder nicht in die Kita oder Grundschule gehen“, nennt die Abteilungsleiterin ein weiteres Problem. Häufig vermissen die Mädchen und Jungen ihre Schulkameraden oder das Training im Sportverein. Homeoffice und gleichzeitig Homeschooling in einer relativ beengten Wohnung bedeuten in vielen Fällen massiven Stress für alle Beteiligten. Die üblichen Ausweichmöglichkeiten und Freizeitangebote fallen seit Wochen weg, die Folge sind Langweile und Einsamkeit. Bei manchen Jugendlichen spitzen sich die Probleme teilweise in Richtung Depression zu, sagt Ellesser.

AdUnit urban-intext3

„Viele Eltern brauchen eine deutlich intensivere Beratung als in Vor-Corona-Zeiten“, sagt die Abteilungsleiterin. Die Gesamtzahl der Anrufe nahm indes in den vergangenen Wochen nicht zu, weil die klassischen schulischen Probleme mit schlechten Zeugnisnoten wegfallen, so Ellesser. Wegen der Pandemie erfolgen die Gespräche meistens telefonisch, in zunehmendem Maße per Video. „Persönliche Treffen sind indes nur in ganz dringenden Fällen möglich.“

Erwartungen herunterschrauben

AdUnit urban-intext4

„Wir versuchen stets, bei kleinen positiven Aspekten anzusetzen und die Selbstheilungskräfte der Familie zu aktivieren. Manchmal wirkt ja ein Ausflug oder ein gutes gemeinsames Essen entspannend“, berichtet die Abteilungsleiterin. Generell, so der Ratschlag, sollten die Familien die Erwartungen herunterschrauben. Hilfreich könnte der Austausch mit anderen sein oder eine Besinnung auf kleine Momente, die entspannend gewirkt haben.

„Angesichts der vielen Einschränkungen sollte man etwas großzügiger mit sich und den anderen sein“, empfiehlt Ellesser. In diesen Zeiten seien nicht alle Lösungen perfekt. „Dabei sollte es darum gehen, unter den gegebenen Umständen die bestmögliche Übergangslösung anzustreben.“

Mehr zum Thema

Kommunalwahl Zukunftsfragen für Mannheim: Von Kinderbetreuung bis Sauberkeit

Veröffentlicht
Von
Timo Schmidhuber
Mehr erfahren

Bürstadt Abgeordneter Alexander Bauer: Schulen belastet Corona-Modus

Veröffentlicht
Von
Martin Schulte
Mehr erfahren

Hockenheim Heuss-Realschule Hockenheim für Fernunterricht gut aufgestellt

Veröffentlicht
Von
Matthias Mühleisen
Mehr erfahren

Mobbing Bauchschmerzen, Depression, Selbstmordgedanken

Veröffentlicht
Von
Stefanie Ball
Mehr erfahren

Das Wichtigste auf einen Blick Die aktuelle Corona-Lage im Liveblog

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Service Täglicher Themen-Newsletter "Coronavirus"

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Karte und Grafiken Coronavirus: Fallzahlen aus Mannheim, Ludwigshafen, Heidelberg und Rhein-Neckar

Veröffentlicht
Mehr erfahren

Redaktion MM-Redakteur seit 1984, zuständig für den Bereich Ludwigshafen - mit all seinen Facetten

Thema : Coronavirus

  • Pandemie Gärtnereien, Gartenmärkte und Blumenläden dürfen ab 1. März öffnen

    Baden-Württemberg will ab nächsten Monat einige Geschäfte wieder öffnen. Ministerpräsident Winfried Kretschmann kann sich auch vorstellen, dass sich wieder zwei Haushalte privat treffen dürfen.

    Mehr erfahren
  • Baden-Württemberg Erzieher und Lehrerinnen können sich ab sofort impfen lassen

    Es sollte für Kita-Beschäftigte und Lehrer eine frohe Botschaft sein: Baden-Württemberg macht für sie eine Impfung gegen das Coronavirus ab sofort möglich - früher als gedacht. Doch dann ruckelt es am Anfang - mal wieder.

    Mehr erfahren
  • Corona-Maßnahmen im Überblick Die neuen Bund-Länder-Beschlüsse vom 10. Februar

    Bund und Länder sehen in deutlich gesunkenen Ansteckungsraten viel erreicht im Kampf gegen Corona - aber noch keinen Anlass für Entwarnung. Denn neue Mutanten breiten sich aus. Die neuen Beschlüsse im Detail.

    Mehr erfahren