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Porträt - Weil ein Lehrer an ihre Fähigkeiten glaubte, krempelte Bengüsu Sahin ihr Leben um

Von der Null-Bock-Schülerin zur Wirtschaftsinformatikerin

Von 
Daniela Hoffmann
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Lampertheim. Die anhaltende Corona-Krise zehrt, das trübe Wetter macht trübe Gedanken. „Doch resignieren darf man nicht, egal wie schwer die Verhältnisse sind“, sagt Bengüsu Sahin heute. Ihre Lebenseinstellung war allerdings nicht immer so.

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Sie ist die erste Akademikerin in ihrer Familie – und stolz darauf: Bengüsu Sahin aus Lampertheim. © privat

Eine echte Sinnkrise hatte die inzwischen 28-Jährige während ihrer Zeit an der Elisabeth-Selbert-Schule. „Ich war eine richtige Null-Bock- Schülerin, schwänzte den Unterricht, hing mit einer Gruppe Gleichaltriger woanders ab“, erzählt sie im Gespräch mit dieser Redaktion.

Dabei hatte ihre Schulzeit eigentlich gut angefangen. Die in Deutschland geborene Frau wuchs die ersten sieben Jahre ihres Lebens in der Türkei auf, woher ihre Familie stammt. Dann kamen die Eltern zum Arbeiten wieder zurück in die Bundesrepublik, zogen nach Lampertheim. Als Mädchen hatte Bengüsu Sahin in der Grund- und Realschule wenig Schwierigkeiten. „Ich habe die Sprache hier leicht gelernt, hatte ganz gute Noten. Doch dann verlor ich die Motivation“, erinnert sie sich.

„Die Ausbildung zur Staatlich geprüften kaufmännischen Assistentin – Fachrichtung Informationsverarbeitung war zunächst eine Notlösung“, meint Bengüsu Sahin rückblickend. „Ich hatte einfach keine richtigen Vorbilder, wusste nicht, an wem ich mich orientieren soll.“

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Ihr Vater war als Lkw-Fahrer unterwegs und nur jedes zweite Wochenende zu Hause. Ihre Mutter arbeitete sieben Tage die Woche als Reinigungskraft, kümmerte sich um den Haushalt und um ihre fünf Kinder. „Meine vier älteren Brüder hatten es ungleich schwerer als ich. Als die Familie nach Deutschland zurückkam, waren sie schon in der Pubertät und hatten in der Ausbildung zu kämpfen. Da musste meine Mutter immer hinterher sein.“

Außerdem sei sie – die einzige Tochter – zu Anfang der Berufsschule einfach „nicht mit den richtigen Leuten unterwegs gewesen“, findet Bengüsu Sahin rückblickend. Ihre Unlust auf den Unterricht wuchs immer mehr.

Bis sie eines Tages ein Lehrer zur Seite nahm. „Und der hat mich dann ganz direkt gefragt: Was willst du eigentlich aus deinem Leben machen? Du hast so viel Potenzial, aber du machst nichts draus.“

Das brachte die damals Jugendliche zum Nachdenken. „Das Gespräch mit meinem Lehrer hat mir wirklich Kraft gegeben. Er war der einzige Mensch, der Vertrauen sowohl in mich, als auch in meine Fähigkeiten hatte.“

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Über Nacht beschloss Bengüsu Sahin, sich zu ändern. „Es war so, als hätte ich die ganze Zeit nur darauf gewartet, dass mir jemand diesen Schub gibt, mir die Augen öffnet. Auf einmal fing ich an, auch an mich selbst zu glauben.“

Bengüsu Sahin begann wieder zu lernen, konnte ihre Noten verbessern, machte schließlich das Fachabitur, entschloss sich zu studieren.

Die Idee, eine akademische Laufbahn einschlagen zu wollen, überraschte die Eltern. „Für meine Mutter war es nicht vorstellbar, dass ich das kann. Ich werde dich stolz machen, habe ich da zu ihr gesagt.“

Doch der Weg wurde nicht einfach. Die junge Frau finanzierte ihre komplette Ausbildung selbst. Sie gab Nachhilfe, jobbte im Einzelhandel, rannte von einer Stelle zur nächsten und wieder in den Hörsaal.

Den Anfang an der Fachhochschule in Worms empfand Bengüsu Sahin aber auch deshalb als Herausforderung, weil sie sich mit anderen Studenten verglich. „Die meisten meiner Kommilitonen kamen aus Akademiker-Familien. Die Eltern hatten oft gute Beziehungen in Unternehmen, konnten ihre Kinder unterstützen. Ich jedoch war auf mich allein gestellt. Aber ich konnte nun damit umgehen.“ Wiederum fand sie einen Professor, der zu ihrem Mentor wurde, der ihr half, Werksstudentin bei Daimler zu werden. Bengüsu Sahin machte ihren Master als Wirtschaftsinformatikerin, arbeitet inzwischen als IT-Anwendungsmanagerin bei der Deutschen Bahn.

Dass sie mit ihrem Werdegang für ihre vier Nichten zum Vorbild geworden ist, freut die junge Frau. „Die Jüngeren finden vor allem meine Schminke, meine Dienstkleidung und meinen Rollkoffer toll“, berichtet Bengüsu Sahin und lacht. „Der Ältesten konnte ich aber auch schon mal einen Praktikumsplatz besorgen. Doch vor allem möchte ich den Mädchen vermitteln, dass es wichtig ist, selbstständig und unabhängig zu sein, auf eigenen Beinen zu stehen.“

Die 28-Jährige will Karriere machen, sich immer wieder weiterbilden. „Ich strebe eine Führungsposition an, möchte, dass die Leute in Zukunft von mir reden. Mein Leben soll Bedeutung haben.“

Schwere Verhältnisse: Das sei „nichts, wohinter man sich verstecken“ könne. „Klar, ich will nicht abstreiten, dass es Ereignisse gibt, an denen Menschen schwer tragen. Doch im Grunde genommen hat es jeder selbst in der Hand, aus seinem Leben etwas zu machen.“ Die Pandemie sei eine Herausforderung. Und schlechtes Wetter schon gar keine Entschuldigung.

Redaktion

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