Kritische Betrachtung - Warum es falsch ist, Angst vor den Altlasten in Neuschloß zu schüren Signal für einen Neuanfang

Von 
Uwe Rauschelbach
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Blühender Ortsmittelpunkt: der Ahornplatz von Neuschloß. Im Stadtteil haben die Bemühungen um eine von Altlasten befreite Zukunft längst begonnen.

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Lampertheim/Neuschloss. Er hat einen eigenen Weihnachtsmarkt. Ein historisches Schlossgebäude. Viel Wald drumherum. Und vor allem: Menschen, die gelernt haben, das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen. Und dennoch gilt der Lampertheimer Stadtteil Neuschloß nach wie vor als Stiefkind der Kernstadt. Zumindest in den Köpfen einiger Lampertheimer Parlamentarier.

Projektbeirat: Aussage zurücknehmen - oder zurücktreten

Der Pressesprecher des Projektbeirats Altlasten Neuschloß (PAN), Michael Bayer, weist die Äußerungen von CDU-Fraktionsmitglied Werner Hofmann über den Neuschlösser Standort der Kinderkrippe scharf zurück. Hofmanns Verdacht, das Leben in Neuschloß sei trotz der Sanierung weiter gefährlich, sei schwerwiegend. "Als Neuschlösser Bürger erwarte ich von der CDU", schreibt Bayer, "dass sie mich und die anderen Bewohner des Stadtteils umgehend über die Hintergründe dieser Einschätzung informiert. Schließlich habe ich schon jetzt Kinder, die im Garten spielen". Der PAN-Sprecher fordert den Christdemokraten auf, seine Äußerungen öffentlich zurückzunehmen oder zurückzutreten.

Werner Hofmann kann die ganze Aufregung nicht verstehen. Vor allem Erich Maiers emotionale Reaktion habe ihn "maßlos gewundert". Festzuhalten sei: "Die CDU steht zu ihrer Aussage", nämlich keinen Krippenbau in Neuschloß. Hofmann begründet dies mit einer prinzipiellen Entscheidung seiner Fraktion: "Wir wollen nicht mehr, dass in Lampertheim auf altlastensanierten Flächen gebaut wird." Inwieweit seine Äußerungen im Ausschuss tatsächlich missverständlich gewesen seien, will Hofmann in den Tagen vor der nächsten Parlamentssitzung prüfen. Es sei auf keinen Fall in seinem Sinne gewesen, den Lebenswert des Stadtteils grundsätzlich infrage zu stellen, erklärte Hofmann im Gespräch mit dem "SHM". urs

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Das ist einigermaßen widersprüchlich. Schließlich haben jene Lampertheimer unter den Kommunalpolitikern, die ein solch ambivalentes Verhältnis zum Stadtteil bekunden, mit dazu beigetragen, dass sich Neuschloß dank millionenschwerer Investitionen tatsächlich zu einem Musterkind unter den Stadtteilen entwickeln konnte.

Profitiert haben alle

All das soll, mag man den Worten aus der jüngsten Debatte über den Standort einer neuen Kinderkrippe Glauben schenken, nichts wert gewesen sein. Zumindest äußert sich hier eine unterschwellige Kritik an einer Investitionsbereitschaft, die ein Stadtteil für sich allein beansprucht hat. Doch in Wirklichkeit hat davon nicht nur ein Stadtteil profitiert. Stattdessen hat der Mut zur Zukunft über die bleierne Schwere der Vergangenheit gesiegt. Ein Sieg, der mit gemeinsamen Kräften errungen worden ist.

Ein Jahrzehnt hat es gedauert, um diesen Stadtteil aus den Ketten dieser Vergangenheit zu befreien, die mit dem Betrieb einer chemischen Fabrik verknüpft ist. In diesen Jahren wurden die auf dem ehemaligen Betriebsgelände der Fabrik liegenden Grundstücke in den oberen Schichten von giftigen Chemiefrachten entlastet. Da dies nur bis zu einer gewissen Tiefe möglich war, bleiben alle künftigen Bautätigkeiten in Neuschloß mit Einschränkungen behaftet.

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In gut einem Jahr sollen die Sanierungsarbeiten am Sodabuckel beginnen, jener Altlastenhalde also, die als sichtbares Mahnmal früherer industrieller Sünden erhalten bleiben wird. Doch auch bei diesen Sanierungsarbeiten handelt es sich nicht etwa um Schönheitsreparaturen. Sie sollen den Sodabuckel stattdessen auf absehbare Zeit ungefährlich machen. Beeinträchtigungen sind freilich auch auf diesem mit Dioxin befrachteten Gelände hinzunehmen, wie die Debatte über einen neuen Standort für den geschlossenen Bolzplatz gezeigt hat.

Sorge um die Enkel

Dennoch sind diese Beeinträchtigungen nicht geeignet, Angst vor einem Leben in Neuschloß zu schüren. Angst, die dann aufkeimt, wenn Kommunalpolitiker wie CDU-Fraktionsmitglied Werner Hofmann in aller Öffentlichkeit bekunden, sie wollten ihre eigenen Enkel nicht in einer Betreuungseinrichtung sehen, die auf - notabene: saniertem - Altlastengelände steht.

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Abgesehen von der Tatsache, dass eine solche Sorge eigentlich jedem Quadratmeter, auf dem Lampertheim steht, gelten müsste, so entbehrt die Angst vor dem Hintergrund der soeben vollendeten Sanierungsarbeiten jeder sachlichen Grundlage. Der Bau einer Kinderkrippe in Neuschloß wäre überdies ein Kontrapunkt zum Betrieb einer chemischen Fabrik. Zeitlich wie im Blick auf seinen symbolischen Charakter: Das Projekt würde für einen Neuanfang stehen.

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Mit der Einrichtung verknüpfen sich begründete Hoffnungen auf eine lebenswerte Zukunft in diesem Stadtteil. Neuschloß könnte nichts Schlimmeres passieren, als mit dem Stigma des Altlastenproblems behaftet zu bleiben. Dann wäre es in der Tat besser gewesen, die Investitionskosten einzusparen und den Stadtteil zu evakuieren.

Dass dies nicht geschehen ist, verpflichtet die Entscheidungsträger in Politik und Verwaltung sowie die gesamte Lampertheimer Bevölkerung zu höchstmöglicher Solidarität. Die Gelder, die in die Altlastensanierung geflossen sind - und noch fließen werden -, sind Investitionen in die Zukunft künftiger Generationen. Welche Investitionen könnten sinnvoller sein?

Redaktion Zuständig für Lokales in Lampertheim (Kommunalpolitik, Kultur), Mitarbeit im Kulturressort des Mannheimer Morgen (Musikkritik, CD- und Bücher-Rezensionen).