Corona - Am 22. Februar sollen die Schulen für die 1. bis 6. Klassen wieder öffnen und verkleinerte Lerngruppen im Wechsel unterrichten „Das ist blanker Leichtsinn“

Von 
Susanne Wassmuth-Gumbel
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Lampertheim. Schulen und Kindertagesstätten in Hessen öffnen am Montag, 22. Februar, wieder. Das bedeutet, dass die Landesregierung ihre Aufforderung an die Eltern zurücknimmt, die Kinder nach Möglichkeit nicht in die Einrichtungen zu schicken, sondern zu Hause zu betreuen. Das heißt aber nicht, dass ab übernächster Woche wieder regulärer Unterricht für alle Schüler und Regelbetreuung in den Kitas stattfindet. Vielmehr ist Wechselunterricht angesagt, wie es ihn auch schon im vergangenen Jahr gegeben hat – allerdings nur für Schüler der Jahrgangsstufen 1 bis 6. Für alle Kinder gilt dann auch im Unterricht Maskenpflicht, das Tragen eines medizinischen Mund-Nasen-Schutzes wird empfohlen, aber nicht vorgeschrieben. Die älteren Schüler werden weiterhin im Distanzunterricht beschult, nur für die Abschlussklassen und – neu – auch für die Abiturienten 2022 ist Präsenzunterricht vorgesehen.

Schon nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 hatte Rektorin Sylvia Meier die Tische in der Alfred-Delp-Schule auf Abstand gebracht. © Berno Nix
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Die Lampertheimer Schulen haben nun noch eine Woche Zeit, sich im Detail zu überlegen, wie sie den Unterricht in ihren Klassen gestalten. An der Alfred-Delp-Schule (ADS) wird am Montag über die organisatorische Ausgestaltung der dann geltenden Regelungen gesprochen. Dies teilt Sylvia Meier, Rektorin der Haupt- und Realschule, auf Anfrage dieser Redaktion mit.

Sinnvolles Modell

Generell habe sich in der Vergangenheit ein wöchentlicher Wechselunterricht als besonders sinnvoll erwiesen, schreibt Meier in ihrer E-Mail an die Redaktion. Dabei wechseln sich Wochenplanarbeit während der Homeschooling-Phase und gemeinsame Aufarbeitung, Erarbeitung und Input während der Präsenzphase ab. Außerdem hätte die Schule auf integrierte Pausen gesetzt, damit die Zahl der Schüler, die gleichzeitig in der Pause sind und gleichzeitig die Aufgänge benutzen, reduziert ist.

Für „blanken Leichtsinn“ hält Christian Nagel die Öffnung der Schulen. Er ist Vorsitzender des Schulelternbeirats an der Alfred-Delp-Schule. Seine Tochter besucht die sechste Klasse der Realschule und kehrt somit am 22. Februar zum Wechselunterricht zurück. „Haben wir denn aus dem ersten Lockdown nichts gelernt?“ fragt Nagel. Seiner Meinung nach ist die teilweise Schulöffnung eine rein politische Entscheidung. Er ist überzeugt, dass die Situation nicht besser wird, wenn die Kinder jetzt in die Schulen zurückkehren – wenn auch in reduzierter Anzahl. „Die Kinder, ihre Familien und auch die Lehrer werden einem unnötigen Risiko ausgesetzt“, kritisiert er. In den vergangenen Wochen, in denen die 150 Schüler der Abschlussklassen vor Ort unterrichtet wurden, habe es jede Woche einen Corona-Fall an der Schule gegeben. „Es ist ein Ritt auf der Rasierklinge“, meint der Vater von vier Kindern. Seine Tochter habe auch Angst, das Virus mit nach Hause zu bringen, denn die Familie lebt mit den Großeltern unter einem Dach.

Gewaltiger Lernprozess

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Nagel kann die Nöte der Schüler nicht erkennen, die von Öffnungs-Befürwortern als Argument vorgebracht werden. Seiner Einschätzung nach läuft der Distanzunterricht in diesem zweiten Lockdown „richtig gut“ – nach Anfangsschwierigkeiten im vergangenen Frühjahr. „Da hat sich viel getan und die Schule hat einen gewaltigen Lernprozess hinter sich. Alle, die nicht die technischen Voraussetzungen zu Hause haben, konnten mit Leih-Laptops versorgt werden und inzwischen sind alle gut eingearbeitet – Lehrer wie Schüler“, erklärt der Elternvertreter.

Anja Beyer, Nagels Stellvertreterin im Schulelternbeirat der ADS sieht das ähnlich. Ihr Sohn Luis, der die siebte Klasse der Hauptschule besucht, würde zwar liebend gern wieder in die Schule gehen, doch auch er kommt zu Hause gut zurecht. Und das, obwohl er das Down-Syndrom hat und ein Integrationsschüler ist. Er hat das Glück, dass ihm auch im Distanzunterricht sein Schulbegleiter zur Seite steht.

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Beyer weiß aber aus Gesprächen mit anderen Eltern, dass „auch die Kinder in der Hauptschule das erstaunlich gut wegstecken“. Sie kann beim Fernlernen auch positive Effekte erkennen: Die Kinder arbeiteten selbstständiger und übten den Umgang mit den neuen Medien, wie es sonst bei normalem Unterricht nicht der Fall wäre. Unterstützung bekämen die Kinder und Jugendlichen auch von den Schulsozialarbeitern der ADS. Das sei eine gute Sache. „Das können wir doch jetzt auch noch eine Weile so weitermachen, bis die Situation sicherer ist“, meint sie.

Redaktion Susanne Wassmuth-Gumbel ist seit 2000 Redakteurin beim Südhessen Morgen und für die Ausgabe Lampertheim zuständig. Themenschwerpunkte sind Arbeit und Soziales, Familie und Senioren sowie Kommunalpolitik.