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Lessing-Gymnasium - In seinem Vortrag warnt der DDR-Zeitzeuge Manfred Casper die Schüler vor der Bedrohung des freiheitlichen Denkens und vor Extremismus in jeder Form

„Auch der Andersdenkende soll sich äußern dürfen“

Von 
Dirk Timmermann
Lesedauer: 
Manfred Casper (71) berichtete von seinen Erfahrungen in der DDR. © D. Timmermann

Lampertheim. Junge Menschen kennen die DDR nur aus Erzählungen. Freies Reisen zwischen West und Ost ist längst selbstverständlich. Davon, dass es einmal anders war, berichtete Manfred Casper den Schülern am Lessing-Gymnasium Lampertheim (LGL). Der 71-Jährige, der als Sohn eines Bergmanns in Stollberg im Erzgebirge aufwuchs, hat den selbsternannten „Arbeiter- und Bauernstaat“ in allen Facetten erlebt.

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Vier zehnte Klassen plus Oberstufenschüler des Geschichte-Leistungskurses füllten die Mensa, um an der Lebensgeschichte des Zeitzeugen teilzuhaben. Organisiert hatte die „Zeitreise“ Monika Hebbeker, Leiterin des Fachbereichs II für Gesellschaftswissenschaften.

„Die Ausgangsidee der DDR war der Marxismus-Leninismus“, erklärte Casper, der seine Erinnerungen in dem Buch „Vom Wachsen der Flügel“ festgehalten hat, zum politischen Hintergrund. Unter der Herrschaft der alles dominierenden Sozialistischen Einheitspartei (SED) sei die Kluft zwischen Volk und Regierung immer größer geworden. „Brachiale Enteignungen“ von Handwerks- und Landwirtschaftsbetrieben sowie die starke Einschränkung persönlicher Freiheit hätten zur Abwanderungswelle der 1950er-Jahre geführt.

Ein systemkritischer Jugendlicher

Auch wenn die eigene Kindheit „schön und behütet“ und er selbst „kein Revoluzzer“ gewesen sei, so nannte Casper eine Reihe von Schlüsselerlebnissen, die ihn zum systemkritischen Jugendlichen machten. „Auf einmal verschwand unser Nachbar“, erinnert er sich. „Zwei Männer in Lodenmänteln holten ihn ab, auch Frau und Kinder sahen wir nie wieder“. West-Fernsehen zu schauen oder gar über „Witzfigur“ Ulbricht zu lachen, war damals gefährlich. Besonders eingeprägt haben sich der Bau der Mauer am 13. August 1961 und das Schicksal von Peter Fechter, der im Berliner Todesstreifen verblutete.

Den endgültigen Anstoß zur Flucht gab die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ im August 1968. Auf abenteuerliche Weise versuchte der damals 18-Jährige Casper, dem Regime zu entkommen. Nachdem er sich quer durch Bulgarien durchgeschlagen und die jugoslawische Grenze schon erreicht hatte, verriet ihn ein Landwirt. Hunde bissen zu, Gewehrkolben prasselten auf ihn ein. Ein Jahr und fünf Monate Haft lautete das Urteil nach seiner Rückführung in die DDR. Rechtlicher Beistand wurde dem jungen Mann angesichts seiner „Republikflucht“ verwehrt. „Wir wissen, was für Sie richtig ist“, teilte man ihm, dem Freigeist, mit.

Die „Umerziehung“ schlug jedoch fehl, denn „der Haftpädagoge war ein Vollpfosten“, so der Ex-Insasse zu seinen jugendlichen Zuhörern. Im Cottbuser Gefängnis hatte Casper dann einen Leidensgenossen, der aus demselben Grund inhaftiert war und später als „Plastinator“ bekannt wurde: Gunther von Hagens. 1970 erfolgten „Freikauf“ und Übersiedlung in die Bundesrepublik, vermittelt durch DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel. In Freiheit holte der gelernte Baumaschinist das Abitur nach und wurde Hauptgeschäftsführer eines Arbeitgeberverbands. Die Stasi observierte ihn auch im Westen, seine Akte umfasst 700 Seiten. „Als so wichtig habe ich mich nie empfunden“, scherzte der Motorrad-Fan, der inzwischen 64 Veranstaltungen mit 4200 Teilnehmern abgehalten hat.

Gegen den Blick in seine Akte habe er sich lange gesträubt – ein Trauma, wie der dreifache Familienvater zugibt. Bei seinem Vortrag sparte Casper nicht mit Kritik, etwa, indem er Parallelen zum russischen Vorgehen in der Ukraine zog. Es sei zudem schwer erträglich, wenn Politiker die DDR nicht als Unrechtsstaat bezeichnen wollten. Auch warnte der 71-Jährige vor einer Verengung des gesellschaftlichen Diskurses, an der Freiheit werde „mitunter gekratzt“. Jeglicher Form von Extremismus erteilt er eine Absage. Sein Appell an die Schüler: „Wirkt darauf hin, dass auch der Andersdenkende sich äußern darf!“ dtim

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