Neckar-Bergstraße - Einzelhändler und Dienstleister sind optimistisch / Kundschaft zeigt sich treu und nutzt das örtliche Angebot „Wir machen das Beste daraus“

Von 
Peter Jaschke
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Friseurmeisterin Sabine Herrwerth (l.) arbeitet in ihrem Edinger Salon „halb vermummt“, wie sie selbst sagt. Stammkundin Martina Heinrich genießt dennoch den ersten Haarschnitt nach der Corona-Pause. © Peter Jaschke

Nahezu alle Läden haben nach der Corona-bedingten wochenlangen Schließung inzwischen wieder öffnen dürfen. Jedoch gelten weiterhin Auflagen. Die Maskenpflicht ist hinzugekommen. Wir haben uns in der Region umgehört, wie es in kleineren Geschäften inzwischen läuft. Und sind auf viel Positives gestoßen. „Die erste Zeit ohne Maskenpflicht war sehr gut, aber nach ihrer Einführung gab es einen Rückgang“, sagt Renate Henseler-Sohn. Dennoch sieht die Modehändlerin und Vizechefin des Bunds der Selbstständigen (BdS) in Ladenburg noch „keine Katastrophe“ gekommen.

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„Wer trotz Atemschutz Lust hat zu shoppen, der geht scheinbar eher in eine kleinere Stadt wie unsere als in eine große, weil dort Menschenansammlungen befürchtet werden“, stellt Henseler-Sohn fest. Selbstverständlich laufe das Geschäft keinesfalls so, wie es vorher war. Dabei sei der Einzelhandel auch vor Corona nicht auf Rosen gebettet gewesen.

Doch hätten viele Kundinnen jetzt einfach „große Lust auf eine gewisse Normalität und wollen sich etwas Schönes kaufen“. Das sei bei Juwelieren, Schuhgeschäften und Anbietern von Wohnaccessoires sicher spürbar. Hensler-Sohns Fazit lautet: „Wir sind froh, dass uns die Pandemie nicht so stark getroffen hat wie andere Länder, wir wieder aufmachen durften und Menschen auf der Straße sind.“

Profitiert von einem vielfachen Wunsch, sich nun wieder etwas zu gönnen, auch ein Kosmetikinstitut wie das von Christa von Schachtmeyer in Schriesheim? „Meine Kundschaft freut sich einen Knubbel in den Bauch, dass ich wieder da bin“, bestätigt die Inhaberin, die auch BdS-Geschäftsführerin ist. Bei ihr laufe es von der Resonanz her wie vorher weiter. Zwar seien die Auflagen strenger geworden, doch sei Hygiene in ihrer Branche schon immer ein wichtiges Thema. „Wir sind mehr als vorsichtig, und die Kunden verhalten sich wirklich vorbildhaft“, sagt von Schachtmeyer.

Arbeit mit Visier

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Weil der Mundschutz bei Behandlungen bisweilen hinderlich ist, trägt sie selbst ein Visier über der Maske und desinfiziert gründlich. Sie wünscht sich und allen Selbstständigen, „dass es weiter voran geht und dass keine zweite Infektionswelle kommt“.

Wie schätzt eine Friseurmeisterin die Lage ein? „Nach der fünfwöchigen Durststrecke haben wir eine Woche gebraucht, um alle Abläufe richtig zu koordinieren“, sagt Sabine Herrwerth in ihrem Edinger Salon. „Es ist echt schwierig, weil der Verwöhneffekt bei den Kunden durch die Auflagen nicht mehr so da ist, aber sie nehmen es alle an, und das finde ich ganz toll“, erklärt Herrwerth. Kundin Martina Heinrich genießt ihren ersten Haarschnitt seit ungewohnt langer Zeit und sagt: „Ich bin toll empfangen und informiert worden.“

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Von der schwer gebeutelten Gastronomie abgesehen, arrangierten sich die meisten Mitglieder mit der Situation, führt Herrwerth als Vorstandsmitglied des BdS Edingen-Neckarhausen-Friedrichsfeld aus. Zwar arbeitet sie „halb vermummt, aber dafür bin ich morgens im Bad schneller mit Schminken fertig.“ Ihren Humor will sich Herrwerth bewahren, denn „wir arbeiten mit Sicherheit noch das ganze Jahr so, weil wir so nah am Kunden dran sind“. Die Maßnahmen seien jedoch okay: „Ich selbst will ja auch nicht krank werden.“ Und noch etwas hat sie sich vorgenommen: „Wir machen das Beste draus!“

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In der „Bücherecke am Rathaus“ in Heddesheim läuft es für Inhaber Patrick Palm „insgesamt nicht so schlimm, wie erwartet“. Natürlich fehle das Ostergeschäft, und der ganze Einschnitt sei deutlich spürbar. Doch wirke die Stimmung auch in der örtlichen Geschäftswelt unterm Strich „gar nicht so schlecht“. Das liege wohl darin begründet, dass die Kunden vor Ort „relativ treu“ seien. Auch werde das Gutscheinheft „Helden für Heddesheim“ gut angenommen. In seiner Branche kenne er die große Konkurrenz durch den Onlinehandel schon länger.

Viele Kunden staunten jetzt, so Palm, dass der Buchhandel schneller sei als ein Internetriese. „In der Krise“, stellt Palm fest, „kommen viele Leute gerade in kleineren Gemeinden auf das örtliche Angebot zurück und entdecken dessen Vorzüge wieder“. Wie es weitergehe? „Ich rechne damit, dass die Maßnahmen über den Herbst hinaus Bestand haben werden.“ Palms Wunsch: Dass sich die Leute noch stärker aufs Lesen besinnen und es in seiner „Bücherecke“ bald wieder kleinere Lesungen geben darf.

„Man merkt, dass die Menschen das Bedürfnis haben, sich was Gutes zu tun“, freut sich Christine Viehmann. Ihr „Beiwerk - Floristik & Geschenke“ in Ilvesheim habe relativ schnell wiedereröffnen dürfen. „Die Gemeinde unterstützt uns, und die Ilvesheimer sind solidarisch: Sie kaufen in den kleinen Geschäften vor Ort ein, wofür wir sehr dankbar sind“, berichtet die Geschäftsfrau.

Regeln werden eingehalten

Nach der ersten Schrecksekunde habe sie sich mit einem Lieferservice und einem Selbstbedienungsstand beholfen. An die Masken- und Abstandspflicht hielten sich alle Kunden. Es sei branchenabhängig, wie es bei anderen laufe. Aber: „Jeder tut sein Bestes, um diese Krise zu meistern.“ Ein ungutes Gefühl verursache die Ungewissheit, wie lange dieser Ausnahmezustand anhalte. Für sich und ihren Mann Michael könne sie sagen: „Wir müssen zufrieden sein und bleiben optimistisch.“

Freie Autorenschaft Peter Jaschke ist von Haus aus Diplom-Geograf (Universität Mannheim) und Landschaftsgärtner. Er ist Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband, freier Mitarbeiter seit 1997 und macht überwiegend regionale Berichterstattung, nimmt aber auch Sport- und Kultur-Termine wahr. Er ist einer der Ko-Autoren der Stadtchronik "Aus 1900 Jahren Stadtgeschichte" und schreibt u.a. für ein Fachmagazin.