Vor dem Lockdown vielbeschäftigter Künstler Johannes Stange sattelt wegen Corona-Krise um Gummistiefel statt Trompete: Musiker baut jetzt Gemüse an

Von 
Peter Jaschke
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Seckenheim/Ladenburg. Corona macht auf Dauer die Kultur kaputt: Die anhaltende Krise zwingt freie Künstler mangels Auftrittsmöglichkeiten dazu, sich neue Erwerbsquellen zu erschließen. So tauscht der mit seiner Familie in Seckenheim wohnende Jazztrompeter und Mannheimer Popakademie-Dozent Johannes Stange seine Instrumente gegen Spaten und Hacke: Stange wird Biogemüsegärtner in Ladenburg. Im dortigen Domhofsaal hatte der bis zum Ausbruch der Pandemie vielbeschäftigte Musiker, Arrangeur und Komponist im Oktober zusammen mit dem Römerstadt-Duo Armani und mit Stücken der Jazzlegende Louis Armstrong einen seiner letzten Auftritte.

Trompeter, Arrangeur und Komponist Johannes Stange aus Seckenheim steht auf dem kleinen Stück Land im Ladenburger Ladengewann. © Peter Jaschke
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„Musik ist mir nahezu komplett weggebrochen“, sagt der 1987 im hessischen Gießen geborene, aber im Schwarzwald aufgewachsene Stange. Er klingt unerschütterlich und ruhig. Dabei betrifft seine nüchterne Feststellung neben Frau und zwei Kindern auch die bisherige Künstlerkarriere: Seit dem siebten Lebensjahr spielt Stange Trompete und später auch Flügelhorn. Fürs Studium an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst kommt er nach Mannheim. 2017 erhält er das Stipendium der Kunststiftung Baden-Württemberg. Wer ihn je gehört hat, weiß warum: Stanges Sound bewegt, und er schlägt Brücken: Der Musiker ist Gründungsmitglied des bundesweit bekannten Oriental-Jazzensembles LebiDerya aus Mannheim.

Der Musiker Johannes Stange

  • Ab 2007 Bachelor- und Masterstudium an der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Mannheim.
  • Zudem Privatstudium bei Karsten Gorzel in Freiburg.
  • Bis 2009 Mitglied des Bundesjazzorchesters.
  • Seit 2010 Gründungsmitglied des bundesweit bekannten Oriental-Jazzensembles LebiDerya.
  • Leiter der Tangojazzformation GOZO und des Oldtime-Jazzensembles Little Vintage Orchestra.
  • Zusammen mit seiner Frau Jutta Gückel (Gesang), Martin Simon (Kontrabass) und Peter Hinz (Percussion) bildet Stange die Band Camie

Pandemie stellt alles in Frage

Jetzt schränkt er sein künstlerisches Schaffen von sich aus stark ein. „Ich werde mich aber weiterhin der Musik widmen, denn das ist doch zu schön, um es ganz aufzugeben“, sagt er. Doch stellt Corona alles Bisherige in Frage und das Leben der Künstlerfamilie bereits seit dem ersten Lockdown auf den Kopf. Zum Glück kann Stanges Frau Jutta Gückel, die ihn nach besten Kräften auch beim Gärtnern unterstützen will, zwischenzeitlich Einnahmen aus ihrem Unterricht verbuchen. Die aus Neckarhausen stammende Gesangslehrerin und Stimmtherapeutin begeistert als Sängerin von Bands wie Camie, zu der auch ihr Mann Johannes Stange gehört, Mocábo und Ten And One in den vergangenen Jahren auch in Ladenburg, wo sie einst die Schule besucht hatte.

Im vergangenen Sommer tritt sie mit brasilianischer Musik unter Corona-Vorgaben erfolgreich im Glashaus am Waldpark der Römerstadt auf. Ihrer Mutter gehört ein kleines Stück Land im Ladenburger Ladengewann südlich des Gemarkungsteils Wasserbett.

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Die Miniparzelle der Schwiegermutter lässt beim soloselbstständigen Stange schon bald nach Beginn der ersten Absageflut von Veranstaltungen jene Idee reifen. Der zweifache Vater beschließt zu handeln, weil bis auf eine Ausnahme alle Projekte an Theatern, auf Kleinbühnen und in Clubs bis auf Weiteres brachliegen.

Unterstützt von seinem Bruder, der Förster von Beruf ist, entwickelt Stange den Plan, Gemüse biologisch anzubauen und seine Ernte in gemischten Kisten einmal wöchentlich für Selbstabholer am Feldrand anzubieten. Freunde und Bekannte hätten bereits Interesse angemeldet. Seit März widmet er sich deshalb zunächst dem intensiven Selbststudium und absolviert Praktika bei einschlägigen Betrieben. „Ich habe mich da voll reingestürzt, und es bleibt nicht viel Zeit für Grübeleien“, beantwortet Stange die Frage, wie er mit Zukunftssorgen umgeht. „Wir tätigen erst einmal keine großen Investitionen“, sagt Stange.

Pachtfläche gesucht

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Doch es ergeben sich Hürden: Die schmale, langgestreckte Parzelle mitten in einem bislang konventionell bewirtschafteten Acker steht ihm erst nach der sommerlichen Ernte des inzwischen aufgelaufenen Weizens zur Verfügung. Und es gibt dort keinen Wasseranschluss, was nach Auskunft örtlicher Landwirte ebenso ein Manko für Gemüseanbau sei wie die vorwiegend schweren Böden im Ladengewann.

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Stange geht davon aus, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Weil er jedoch möglichst bald loslegen will, sucht der angehende Gärtner momentan eine weitere Pachtfläche, die ortsnah liegen und, bei möglichst quadratischem Grundriss, eine Größe zwischen 1500 und 5000 Quadratmetern haben sollte. „Eine befestigte Zufahrtsmöglichkeit wäre gut, und eine Anbindung an Wasser- und Stromversorgung wünschenswert, aber ebenso wie eine Einfriedung nicht zwingend notwendig“, sagt Stange und lächelt zuversichtlich.

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Freie Autorenschaft Peter Jaschke ist von Haus aus Diplom-Geograf (Universität Mannheim) und Landschaftsgärtner. Er ist Mitglied im Deutschen Journalisten-Verband, freier Mitarbeiter seit 1997 und macht überwiegend regionale Berichterstattung, nimmt aber auch Sport- und Kultur-Termine wahr. Er ist einer der Ko-Autoren der Stadtchronik "Aus 1900 Jahren Stadtgeschichte" und schreibt u.a. für ein Fachmagazin.