Wie läuft der Unterricht zuhause? Schloss-Schüler aus Ilvesheim berichten

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„Homeschooling“ - dieses neudeutsche Wort hat für zahlreiche Schüler und Lehrer in den vergangenen Wochen einiges an Bedeutung gewonnen. Es besagt, dass die Schüler zu Hause bleiben und der Unterricht über das Internet stattfindet, wie zum Beispiel über Programme, die eine Kommunikation mit Ton und Bild ermöglichen. Auch die Schülerinnen und Schüler der Schloss-Schule Ilvesheim, die auf Blinde und Sehbehinderte spezialisiert ist, befinden sich im Homeschooling. Hier beschreiben sie ihre Erfahrungen:

Lenka Löhmann lernt über den gesamten Tag verteilt. Das kommt ihr entgegen. © Schloss-Schule
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Emilin David: „Ich, im Pyjama vor dem PC, das Handy neben mir und im Wohnzimmer meine Familie, die sich genau so langweilt wie ich, weil wir nicht raus können: Für mich ist es das erste Mal ,Homeschooling‘. Das alles haben wir dem neuen Coronavirus zu verdanken. Natürlich ist es nicht so wie im echten Klassenraum und die Kinder können auch länger ausschlafen, was viele gut finden.

In der Zeit bekommen sie viele Aufgaben, die sie erledigen müssen und das ist für sie und auch für die Eltern, die ihren Kindern helfen und gleichzeitig arbeiten gehen müssen, sehr schwierig. Viele finden es besser, normal Schule zu haben, da man jetzt viel mehr an Aufgaben bekommt als sonst.“

Leonie Konieczny: „Meiner Meinung nach gibt es Vorteile, aber auch Nachteile am ,Homeschooling‘. Gut ist, dass man nach Unterrichtsende sofort zuhause ist oder man ausschlafen kann, obwohl man sonst früher Unterricht hätte. Doch sehr wichtig für mich ist, dass ich mir die Aufgaben einteilen kann, denn so fällt mir alles ein wenig einfacher.

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Die Nachteile sind, dass man den Lehrer oder die Lehrerin nicht einfach mal so etwas fragen kann oder die Aufgaben (gefühlt) mehr sind, als das, was man in der Schule bekommt. Ein weiterer Nachteil für mich ist, dass ich mein Hobby ,Goalball‘ (eine Sportart für Sehgeschädigte) nicht ausführen kann. Vorher hat man immer zusammen als Gruppe trainiert, aber jetzt ist es anders und man muss sich alleine zuhause fit halten.“

Noelle Bongartz: „Während des ,Homeschoolings‘ arbeite ich hauptsächlich an dem Computer meines Vaters. Ich benutze aufgrund meiner Sehschädigung ein Lesegerät, wenn wir Aufgaben aus dem Buch bearbeiten sollen. Wir haben sogar einen Stundenplan bekommen, in dem steht, wann wir welchen Unterricht haben. Wir bekommen leider sehr viele Aufgaben auf und es ist meistens ziemlich schwer, alle zu erledigen.

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Ich bin eine Person, die ständig unterwegs sein möchte, mir fällt sprichwortartig fast die Decke auf den Kopf. Der Unterricht wird über digitale Medien gemacht. Dadurch gibt es oft Schwierigkeiten, weil die Technik manchmal nicht so funktioniert, wie ich es möchte. Wir müssen uns die Sachen alleine erarbeiten, weil es nicht so leicht ist, etwas zu fragen, wenn wir etwas nicht verstehen. Ein Vorteil ist aber, dass ich meist länger schlafen kann und später ins Bett gehen kann.“

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Serena Yilmaz: „Unterricht von zu Hause aus? Erstmals stellte ich mir die Frage, ob das geht. Unsere Klassengruppe bei Whatsapp wurde zu einem reinen Chaos, schließlich sind wir jetzt darauf angewiesen, Medien zum Austausch unter Schülern und für Fragen an die Lehrer zu nutzen.

Wie alles andere hat auch das Homeschooling Vor- und Nachteile. Man hat keinen direkten sozialen Kontakt mehr und bei Problemen müssen meistens die Eltern gefragt werden und diese sind oft entweder berufstätig, was dazu führt, dass es bis zur Behebung des Problems länger dauert oder sie kennen sich nicht aus. Mein Bruder ist in der fünften Klasse der weiterführenden Schule und hält ,Homeschooling‘ für eine schlaue Idee.

Er sagt: ,Gut ist, dass wir trotzdem etwas lernen können, auch wenn wir halt nicht in der Schule sind. Schlecht ist, dass die uns so viele Aufgaben geben.‘ Zum Thema ,Menge der Aufgaben‘ hat meine Großmutter eine ganz treffende Meinung: „Es ist okay, aber sie sollen nicht übertreiben mit den Aufgaben, weil die Kinder dann gestresst sind und dann schiebt man alles auf das Virus.‘“

Lenka Löhmann: „Das ,Homeschooling‘ ist teilweise sehr anstrengend. Die digitalen Geräte funktionieren nicht bei jedem auf Anhieb. Der Nachteil an unstrukturierten Klassenkonferenzen ist, dass viel Zeit verlorengeht. Ich glaube, dass die Lehrer die Sorge haben, die Schülerinnen und Schüler könnten zu wenig Lernmaterial haben, um Zuhause auf dem gleichen Stand zu bleiben wie in der Schule. Nach etwa zwei Wochen ,Homeschooling‘ haben sich Lehrer und Schüler aber aufeinander eingespielt.

Ich stehe um sieben Uhr auf und mache mich ganz entspannt fertig. Ich trinke einen Tee oder höre viel Musik. Gegen acht Uhr gibt es Frühstück. Morgens kann ich in den Stundenplan schauen und mich auf das Fach vorbereiten, über das wir heute sprechen. Am Nachmittag lerne ich die meiste Zeit. Auch abends lerne ich meistens noch. Ich finde es sehr angenehm, Aufgaben Stück für Stück abarbeiten zu können. Das Homeschooling bringt den Vorteil, dass die Schülerinnen und Schüler lernen können, wann sie auch am lernfähigsten sind. Ich fange sogar an, es zu genießen. Ich hätte das wirklich nie gedacht. Es ist verrückt, aber cool.“ (Bearbeitet von Torsten Gertkemper)

Die Texte der Schülerinnen mussten für diesen Artikel erheblich gekürzt werden. Es wurde versucht, trotzdem den Sinn der einzelnen Aussagen so gut wie möglich beizubehalten.

Zusatzinformation: Besonderes Bildungs- und Beratungszentrum

  • Die Schloss-Schule in Ilvesheim ist ein sogenanntes Staatliches Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum (SBBZ) mit dem Förderschwerpunkt Sehen
  • Die umgangssprachlich „Blinden-schule“ genannte Einrichtung hat zudem ein Internat und einen Kindergarten
  • Die Schule ist wie alle anderen Bildungseinrichtungen für Kinder und Jugendliche im Land derzeit geschlossen. Die Internatsschüler sind Zuhause. Ein Kind im Kindergarten nutzt die Notbetreuung
  • Für den Unterricht nutzen Lehrer und Schüler unter anderem das Programm „GoToMeeting“. Damit kann man über Ton und Bewegtbild in Echtzeit miteinander kommunizieren. tge