Ilvesheim - Karin Munser organisiert Gesangstreffen für Nachbarn / Musiker stehen vor ihren Haustüren oder auf ihren Balkonen Beste Akustik in der Gasse

Von 
Torsten Gertkemper
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In gebührendem Abstand trafen sich die Anwohner zum Singen. Karin Munser (im roten Oberteil) gibt den Takt an. © Helmut Jung

Als Karin Munser durch das Heft blättert, weiten sich ihre Augen. „So viel haben wir schon gesungen?“, fragt sie und blickt von dem Papier mit den Noten auf. In ihrer Hand hält sie einen zusammengehefteten Stapel mit DIN A4-Blättern. Er enthält alle Liedtexte und Noten, die die pensionierte Lehrerin gemeinsam mit ihren Nachbarn in den vergangenen Wochen gesungen hat. Bis Ostern standen Munser und ihre Nachbarn jeden Abend um 18 Uhr entweder in dem schmalen Fußgängerweg vor den Häusern, am Gartenzaun, in der Haustür oder auf den Balkonen – immer so, dass sie genug Abstand zueinander hatten.

Noten im Briefkasten

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Die Noten hatte die Ilvesheimerin ihren Nachbarn zuvor in den Briefkasten gelegt. Zwischen 15 und 20 Leute waren bei den Abenden dabei. Irgendwann wurden mehr Bewohner auf den Gesang aufmerksam, was Munser allerdings zunehmend Kopfzerbrechen bereitete. „Ich habe ja auch eine Verantwortung. Und wenn zu viele Menschen dicht an dicht stehen, ist das einfach gefährlich“, sagt sie mit Verweis auf die aktuelle Lage und die Schutzmaßnahmen. Deshalb möchte sie auch lieber nicht verraten, wann sie und ihre Nachbarn wieder singen werden: „Sicher ist allerdings, dass wir weitermachen.“

Seit Ostern hat die Pensionärin sich und ihren Nachbarn allerdings eine kleine Verschnaufpause verordnet. Ein Singen etwa einmal im Monat kann sich Munser jetzt vorstellen. Dennoch möchte sie die Zeit, in der sich die Bewohner jeden Abend zum Singen verabredeten, nicht missen. „Am Ostersamstag haben wir nach Einbruch der Dunkelheit gesungen, das Licht der Kerzen und der Klang unserer Stimmen erfüllten den Weg“, erinnert sie sich mit einem Leuchten in den Augen.

Über ihre Nachbarn verliert sie nur gute Worte: „Ich war positiv überrascht, wie viel die Leute auch geübt haben. Einige haben mir erzählt, wie ihre Stimmen mit unseren Gesangstreffen immer besser geworden sind.“ Letztendlich sei es aber vor allem wichtig, es einfach zu probieren und keine Angst vor dem Singen zu haben. „Der Mensch kann mehr, als er sich manchmal zutraut.“

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Die Anordnung der Häuser spielt Munser bei ihren Gesangstreffen in die Hände. Es handelt sich um einen Fußweg. Auf seiner rechten Seite sind Hauseingänge, auf seiner linken Seite Gärten, rund zehn Meter dahinter die Rückseite weiterer Häuser. Munser selbst hat auf dem Weg immer alle Sänger im Blick, egal ob sie in einem Hauseingang, an einem Gartenzaun oder auf einem Balkon stehen. Auch die Akustik, bei welcher der Schall von den Häuserwänden reflektiert wird, kann sich hören lassen.

Vielfältiges Repertoire

Zwei besondere Formen des Chorgesangs haben es Munser besonders angetan: der Kanon und das Quodlibet. Beim Kanon singen Leute den selben Text, nur zeitlich versetzt. „Man fühlt die Harmonie in der Musik und im Herzen, wenn ein Kanon richtig gesungen wird“, sagt Munser und schließt für einen Moment die Augen. Das Quodlibet ist eine ähnliche Form wie der Kanon. Nur werden hierbei von den verschiedenen beteiligten Leuten ganz unterschiedliche Lieder gesungen, die aber rhythmisch und melodisch gut zueinander passen.

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Die Vielfalt der gesungenen Werke ist groß. Sie reicht von Werken berühmter Komponisten wie Wolfgang Amadeus Mozart und Johann Sebastian Bach bis zu modernen Stücken in verschiedensten Sprachen. Mit dabei sind unter anderem Englisch, Französisch, aber auch schottisches Gälisch – eine der Spezialiäten von Munser. Eigentlich hatte sie im Bürgerhaus Hirsch im Sommer einen Liederabend mit Gesangwerken aus dieser Gegend geplant. Dieser muss wegen der Corona-Pandemie allerdings erst einmal verschoben werden. Diese Veranstaltung soll stattfinden, wenn es wieder möglich ist – genau so wie ein Jahreszeiten-Singen in regelmäßigen Abständen.

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Munser will die schwierige Situation als Chance verstanden wissen. „Die Gemeinschaft und Freude, die ich hier erlebe, ist so viel mehr als das, was ich an Arbeit in die Vorbereitung dieser Treffen hineinstecken muss“, sagt sie. Und nicht nur anderen Menschen, sondern auch der Tierwelt hat sie mit ihrer Idee zum Gesang vermutlich Freude geschenkt. Eines Tages, so erzählt sie, habe eine Meise auf einem Baum einen Ton angeschlagen: Und zwar in perfekter Harmonie mit den Tönen, die die menschlichen Sänger in der Gasse von sich gaben.

Info: Bilderstrecke unter morgenweb.de/ilvesheim

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Redaktion Redaktion Neckar-Bergstraße, zuständig für Ilvesheim und Friedrichsfeld