Hirschberg

„Wir sind bereit, sehr weit zu gehen“

Die Journalistin Atosa Azizi spricht zum Auftakt einer Filmreihe im Olympia-Kino über die Situation im Iran

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awa
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Die Journalistin Atosa Azizi war zu Gast im Olympia-Kino. © Philipp Reimer

„Diese Regierung wird gehen, egal, was Europa oder die USA tun. Wenn die große Mehrheit der Bevölkerung sie nicht will, dann wird sich die Regierung auf lange Sicht nicht halten können.“ Davon ist die Journalistin Atosa Azizi überzeugt. Vor 33 Jahren flüchtete sie als 15-Jährige mit ihrer Familie aus dem Iran nach Deutschland, lebt heute in Karlsruhe und ist Mitglied von „Frauen Leben Freiheit Rhein-Neckar“. Jetzt war die engagierte Frau zu Gast im Leutershausener Olympia-Kino. Dort werden aus Solidarität mit den mutigen Menschen im Iran, vor allem den Frauen, die den derzeitigen Aufstand tragen, im Januar und Februar vier Filme gezeigt, die entweder von iranischen Filmemachern stammen oder von Iranern, die im Exil leben. Außerdem möchte das Kino einige der vielen Iraner, die in Deutschland leben, zu Wort kommen lassen. Der Film „Drei Gesichter“ von Jafar Panahi machte den Anfang.

Was Azizi zu sagen hatte, ging unter die Haut, machte aber auch Mut. Es sind vor allem die Frauen, die im Iran seit September 2022 gegen das Regime auf die Straße gehen, mittlerweile haben sich viele Männer angeschlossen. Das Regime schlägt hart zurück – Demonstranten sterben, werden gefoltert oder verschwinden in Gefängnissen und werden exekutiert. Doch die Proteste dauern an. Auslöser war der durch Polizeigewalt herbeigeführte Tod der 22-jährigen Jina Mahsa Amini in Teheran Mitte September.

„Der Iran war bereits vor 33 Jahren kein Ort, an dem eine Frau ein sicheres, normales Leben führen konnte.“ Die Einschränkungen seien seinerzeit sogar noch schlimmer gewesen. „Ich befasse mich Tag und Nacht mit der Situation im Iran“, sagt Azizi im gut besuchten Olympia-Kino. „Erst kam das Kopftuch, dann alle anderen ungerechten Gesetze. Der Hijab war der erste Schritt zur Entmenschlichung der Frau.“

Auch Männer protestieren

Wie gehen die Männer im Iran damit um? „Ich glaube, den Männern geht es wie den Frauen“, erklärt die Journalistin. Es gebe viele Frauen, die das alles als gottgegeben akzeptierten, ebenso auch Männer. Aber es gebe eben auch jene Männer und Frauen, die gegen diese Gesetze seien. „Das Land wird seit 43 Jahren von Menschen regiert, die dafür nicht geeignet sind“, kritisiert Azizi. Der Iran habe eine „marode Wirtschaft“ und falle langsam auseinander. Es gibt Todesurteile, Verhaftungen, Berufsverbote, doch die Menschen gehen weiter auf die Straße.

Internet eingeschränkt

Man wisse nicht genau, ob die Proteste derzeit mehr oder weniger werden, weil das Internet seit Wochen eingeschränkt sei und viele Menschen Angst hätten, Bilder hochzuladen. Den Demonstranten werde geraten, zu den Protesten keine Handys mitzunehmen, und wenn doch, dann die Bilder schnell zu verbreiten und wieder zu löschen. Was aber so kaum umzusetzen sei, weil es keine Internet-Kanäle gebe, die genutzt werden könnten. Deswegen wisse man im Ausland nicht genau, was wirklich dieser Tage vorgeht im Iran.

Doch eines habe sich komplett geändert: Die Menschen glaubten den Versprechungen der Mullahs nicht mehr, die seit 22 Jahren Reformen versprächen. Die Bevölkerung sei sich einig, dass diese Regierung gehen müsse. Wann das geschehe, wisse auch sie nicht. Dass es geschehen wird, davon ist Azizi überzeugt. Aus dem Exil heraus gebe es viele Solidaritätsbekundungen. Doch der Arm des Mullah-Regimes reiche bis hierher. Gegner des Regimes würden auch in Europa verfolgt. Doch man lasse sich nicht einschüchtern: „Wir sind bereit, sehr weit zu gehen.“

Was sind die Forderungen? „Wir wollen, dass der Kuschelkurs mit der iranischen Regierung beendet wird“, unterstreicht Atosa Azizi. Solidaritätsbekundungen seien „wunderbar, aber gute Gedanken und Gebete reichen nicht, wenn hinter verschlossenen Türen mit den Mullahs verhandelt wird.“ Die Journalistin möchte, dass mit dem Mullah-Regime genauso umgegangen wird wie in den 1990er-Jahren mit der südafrikanischen Apartheid-Regierung: „Komplette Isolation, keine diplomatischen Beziehungen mehr.“ Was die Deutschen dazu beitragen können? „Der deutschen Regierung klarmachen, dass ihnen das als deutsche Staatsangehörige wichtig ist. Allein, dass Sie heute Abend da sind und sich informieren, bedeutet für mich das Gefühl, dass wir nicht allein sind.“ awa

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