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Prozess

Zwei Küsse beschäftigen das Landesarbeitsgericht

Überrumpelnder Lippenkontakt mit einer Kollegin kann den Job kosten - zumal in Zeiten einer Virus-Pandemie mit Corona-Schutzkonzept samt Abstandsgebot. Das Landesarbeitsgericht hat einen Fall von sexueller Anmache verhandelt.

Von 
Waltraud Kirsch-Mayer
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Zwei überraschende, ungewollte Küsse am Arbeitsplatz zu Pandemiezeiten waren Gegenstand eines Prozesses vor dem Landesarbeitsgericht.

Heidelberg. Überrumpelnder Lippenkontakt mit einer Kollegin kann den Job kosten – zumal in Zeiten einer Virus-Pandemie mit Corona-Schutzkonzept samt Abstandsgebot. Um zwei Küsse einer Führungskraft, die in der Wieslocher Zentrale eines Lebensmittel-Einzelhandelskonzerns für Wirbel sorgten, geht es vor einer Mannheimer Kammer des Landesarbeitsgerichtes (LAG). In dem von beiden Parteien angestrengten Berufungsprozess einigt man sich auf eine ordentliche Kündigung.

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Eine solche hatte bereits das Arbeitsgericht Heidelberg für angemessen gehalten – auch wegen der langen Betriebszugehörigkeit. Während das Unternehmen beim LAG eine fristlose Entlassung durchsetzen möchte, hofft der geschasste Vertriebsleiter, seine gut dotierte Position zu retten.

Zu Beginn der Verhandlung trägt der Vorsitzende Richter Wolfgang Gruber den Sachverhalt vor. Demnach ist die Vorgeschichte unstreitig: Für das engagierte Erledigen einer geschäftlichen Angelegenheit hat sich ein Vertriebsleiter telefonisch bei einer Kollegin bedankt und dabei geturtelt, diese solle sich „geküsst fühlen“.

Was sich Tage später in der Firmenzentrale abspielte, wo der Filialbetreuer dienstlich zu tun hatte – dazu gehen die Schilderungen auseinander. Der Rechtsanwalt des Vertriebsleiters trägt vor, die Begegnung im Büro sei eher zufällig gewesen. Sein Mandant habe aufgrund einer „entspannten Flirt-Stimmung“ bei dem vorausgegangenen Telefonat angenommen, die Kollegin sei einem näher kommenden Schäkern keineswegs abgeneigt. Dass die beiden im Überschwang erfolgten Küsse nicht korrekt waren, sehe der Kläger bedauernd ein – „aber die rechtfertigen doch keine Kündigung nach 37-jähriger Betriebszugehörigkeit“, so der Anwalt.

Ein Jurist und Personalvertreter des Unternehmens führen aus: Die während der Corona-Pandemie allein und deshalb ohne Maske im Büro sitzende Mitarbeiterin habe keinerlei Signal gegeben, dass sie geküsst werden wolle. Der Arbeitgeber verweist auf tagelange Gespräche zur Klärung des sexuellen Übergriffes. Dabei habe die Frau überzeugend dargelegt, dass sie überrumpelt wurde und erst nach dem zweiten Kuss abwehrend zu reagieren vermochte.

In der Verhandlung kommt zur Sprache, dass sich der Vertriebsleiter angesichts seiner erfolgreichen Firmenkarriere vehement gegen einen fristlosen Rauswurf stemmte und argumentierte, er habe ja nur geküsst und nicht vergewaltigt. Ein Unternehmen mit überwiegend Frauen, so macht der Arbeitgeber deutlich, dulde keinerlei sexuelle Anmache und erwartete von Führungskräften „Vorbildfunktion“. Zu der Langzeitkarriere ohne Beanstandungen erklärt der Firmenanwalt: „Ja, 37 Jahre Betriebszugehörigkeit müssen berücksichtigt werden – sie dürfen aber kein Freibrief sein.“

Vertrauensverhältnis zerrüttet

Der Vorsitzende Richter führt aus, dass es für die Kammer nicht darauf ankommt, wie der Mann die von ihm forcierte Situation empfunden hat – sondern die Frau. Und deshalb solle die Mitarbeiterin als Zeugin geladen werden. Wolfgang Gruber gibt zu bedenken, dass zwischen Vertriebsleiter und Unternehmen das Vertrauensverhältnis nachhaltig zerrüttet sein dürfte. Er empfiehlt, über einen Vergleich nachzudenken.

Nach einer Verhandlungspause einigen sich die Parteien rückwirkend auf eine ordentliche Kündigung und ein wohlwollend qualifiziertes Zeugnis samt Dankes-Schlussformel.

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