Tiere - Heidelberg erwägt Erlass einer Katzenschutzverordnung / Lange Forderung von „Straßenkatzen“- und Tierschutzverein „Würde viel Leid verhindern“

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Michaela Roßner
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Dieser schöne Kater, der sich auf dem warmen Autodach räkelt, ist versorgt. Aber vielen verwilderten Artgenossen ginge es ohne Ehrenamtliche schlecht. © Philipp Rothe

Heidelberg. Verwilderte Katzen führen oft ein Leben, das eher zum „Jaulen“ ist: Wenn sich nicht ehrenamtliche Tierschützer um sie kümmern, fehlen Futter, Gesundheitsfürsorge und Behandlung. In Heidelberg und Mannheim wird über Katzenschutzverordnungen diskutiert, die das Problem an der Wurzel packen könnten: Jede freilaufende Samtpfote müsste kastriert und gekennzeichnet sein. Kümmert sich der Besitzer nicht darum, droht ihm dann ein Bußgeld.

Katzenschutzverordnung

  • Eine Katzenschutzverordnung hat seit Sommer 2013 ihre Rechtsgrundlage im 1972 verabschiedeten Tierschutzgesetz.
  • Paragraf 13 des Tierschutzgesetzes ermächtigt Landesregierungen, zum Schutz freilebender Katzen Rechtsverordnungen zu erlassen.
  • Die Länder delegieren das Erlassen der Rechtsverordnung an die Kommunen.
  • Es können Gebiete festgelegt werden, „in denen (1.) an diesen Katzen festgestellte erhebliche Schmerzen, Leiden oder Schäden auf die hohe Anzahl dieser Tiere in dem jeweiligen Gebiet zurückzuführen sind und (2.) durch eine Verminderung der Anzahl dieser Katzen innerhalb des jeweiligen Gebietes deren Schmerzen, Leiden oder Schäden verringert werden können.“
  • Kennzeichnung, Kastration und Registrierung der dort gehaltenen Katzen ist dann vorgeschrieben.
  • Die erste baden-württembergische Gemeinde mit Katzenschutzverordnung ist Berglen (Rems-Murr-Kreis).
  • In der Metropolregion Rhein-Neckar haben Viernheim (seit November 2015) und Lorsch (2017) bereits solche Katzenschutzverordnungen. In Mannheim hat der Gemeinderat Anfang Mai einen Sachstandsbericht des Rathauses gehört.
  • Wer in Viernheim einer nicht kastrierten und gekennzeichneten Katze unkontrolliert Freilauf gewährt, kann wegen der Ordnungswidrigkeit mit einer Geldbuße bis 1000 Euro belegt werden. In Lorsch droht ein Bußgeld bis 5000 Euro. miro
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Für Hellen Kühner ist eine solche Kastrationsverordnung die einzige Möglichkeit, das Problem langfristig in den Griff zu bekommen: „Es würde viel Leid verhindern.“ Die Gründerin des Vereins Straßenkatzen, dem aktuell rund 70 Mitglieder angehören, ist seit fast drei Jahrzehnten unermüdlich auch in Nachtschichten unterwegs, um verwilderte Katzen in der Stadt und Umgebung einzufangen, vom Tierarzt behandeln und kastrieren zu lassen und nach dem Freilassen jeden Tag zu füttern.

Kastration kostet viel Geld

Mehr als eine Million Euro habe der Verein durch Spenden und Basar-Erlöse allein in den ersten 25 Jahren seines Bestehens aufgebracht – ausschließlich Tierarzt- und Medikamentenkosten – da ist noch kein Futter dabei. Pro Tier müssten rund 200 Euro aufgebracht werden, rechnet Kühner vor. Immer wieder habe man sich bei der Stadt für eine Katzenkastrationspflicht starkgemacht. „Zuletzt hieß es 2014, die Verordnung sei in Arbeit“, sagt Kühner kopfschüttelnd. Eigentlich ein „Hundetyp“, kam die Tierschützerin vor 27 Jahren zu ihrem kraft- und zeitraubenden Ehrenamt: Im Altklinikum in Heidelberg-Bergheim hatte sich ein Katzenclub aus rund 120 Tieren gebildet. „Das Problem der verwilderten Tiere ist über die Jahre nie richtig wahrgenommen worden“, glaubt sie. Regelmäßig bekommt die Katzen-Kümmerin Hinweise auf neue Fälle: „Wenn es mal 15, 20 Tiere sind, wird es kritisch.“

Eine einzige, nicht kastriert ausgesetzte Katze kann in nur einem Jahr für eine Samtpfoten-Population von 30 Jung-Tieren sorgen – und das sei noch sehr vorsichtig gerechnet. „Wenn diese Tiere im nächsten Frühjahr geschlechtsreif sind, bekommen sie wieder mindestens vier Welpen – da können sie sich vorstellen, wie schnell das Tierelend wächst“. Eine verwilderte Katze muss sich ihr Futter selbst suchen, ist mangelernährt und wird möglicherweise krank. Von Verletzungen durch Unfälle oder Misshandlungen ganz zu schweigen. Und so kümmern sich die „Straßenkatzen“ auch immer wieder um gebrochene Beine oder verletzte Pfoten.

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In Parks, in der Nähe von Reiterhöfen oder landwirtschaftlichen Betrieben sind verwilderte Katzen am häufigsten. „Wir sind in allen Stadtteilen aktiv“, sagt Kühner. 85 Katzen und Kater sind im vergangenen Jahr eingefangen, kastriert, geimpft und entwurmt worden.

Eine solche Katzenschutz-Verordnung sei in „absehbarer Zeit“ geplant, reagierte die Stadtverwaltung auf eine Anfrage vom Dezember in der jüngsten Gemeinderatssitzung. „Die Problematik der verwilderten Hauskatzen ist bekannt“, heißt es weiter. Auf eine Nachfrage dieser Redaktion, ob „in absehbarer Zeit“ konkretisiert werden könne, gab es zunächst keine Antwort.

Lagerraum der Stadt

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Die Stadt engagiere sich seit Jahren auf diesem Tierschutzfeld unter anderem durch Unterstützung des Vereins „Straßenkatzen“, heißt es in der Stellungnahme der Stadt weiter. „In 25 Jahren haben wir insgesamt 2808 Euro an Zuschüssen bekommen“, rechnet Kühner vor. Seit 2014 dürfe der Verein immerhin einen von der Stadt finanzierten Lagerraum für das Material – Lebendfallen, Futter, Transportkörbe – nutzen. Einen Förderantrag, der „maximal 2000 Euro“ in Aussicht stellte, habe man indes nicht gestellt. „Davon könnten wir gerade einmal neun Tiere kastrieren lassen“, fühlt sich Kühner mit dem Katzenproblem nicht ernst genommen.

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Auch der Heidelberger Tierschutzverein drängt schon seit einigen Jahren auf den Erlass einer Katzenschutzordnung. „Das würde sehr helfen, das Leid der Katzen zu reduzieren“, sagt Iris Mathea, Assistentin des Geschäftsführenden Vorstands des Tierschutzvereins. Die Stadt sei in der Pflicht, dafür zu sorgen, dass die Population verwilderter Hauskatzen kontrolliert werde.

„Sie greift ja nur bei den ,schwarzen Schafen’, versteht Kühner nicht, warum es die Regelung noch nicht gibt. „Die allermeisten Katzenbesitzer sind doch verantwortungsvoll.“

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Redaktion Redakteurin Redaktion Metropolregion/Heidelberg