Interview - Katja Becker ist die erste Frau an der Spitze der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) / Mächtigste Wissenschaftsorganisation Deutschlands Wissenschaft als „Orientierung für Politik und Gesellschaft“

Von 
Agnes Polewka
Lesedauer: 
Katja Becker ist die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. © David Ausserhofer

Heidelberg. Seit 1. Januar ist Katja Becker Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). In der 100-jährigen Geschichte der DFG ist die gebürtige Heidelbergerin die erste Frau an der Spitze der mächtigsten Wissenschaftsorganisation Deutschlands. Ein Gespräch über Chancengleichheit und Vertrauen in die Wissenschaft - in einer Zeit, in der Wissenschaftler eine bisher nicht gekannte Sichtbarkeit genießen.

Katja Becker und die DFG

  • Die gebürtige Heidelbergerin Katja Becker (55) leitet seit 1. Januar die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) – die mächtigste Wissenschaftsorganisation Deutschlands.
  • Die DFG ist ein Verein mit Hauptsitz in Bonn. Er verfügt jährlich über einen Etat von 3,4 Milliarden Euro.
  • Becker hat in Heidelberg Medizin studiert und in Biochemie promoviert. Ihre Arbeit führte sie unter anderem nach Australien, in die USA und nach Westafrika. Dort beschäftigte sie sich schwerpunktmäßig mit Forschung zu Malaria und Unterernährung im Kindesalter. Seit 2000 ist sie Professorin für „Biochemie und Molekularbiologie“ an der Justus-Liebig-Universität Gießen.
AdUnit urban-intext1

Frau Becker, beobachten Sie in der Corona-Krise ein steigendes Vertrauen in die Wissenschaft?

Katja Becker: Ich denke, in der Coronavirus-Pandemie zeigt sich zunächst einmal, wie wichtig Wissenschaft ist: als Orientierung und Beratung für Politik und Gesellschaft, als Grundlage für Entscheidungen, die weit in das öffentliche Leben reichen, aber genauso bei der Behandlung von Erkrankten und der Suche nach Impfstoffen und Medikamenten. Dieselbe wichtige Rolle hat Wissenschaft ja auch bei der Bewältigung anderer globaler Herausforderungen wie Klimawandel, Artensterben, Ressourcenknappheit oder Bevölkerungswachstum. Aber in der aktuellen Krise wird diese Rolle von der Politik und der Gesellschaft deutlicher wahrgenommen und auch ernstgenommen. Das ist dann auch ein Ausdruck großen und steigenden Vertrauens, das ja auch aktuelle Umfragen zeigen.

Die DFG zeichnet den Berliner Charité-Virologen Christian Drosten in diesem Jahr mit einem Sonderpreis für seine Kommunikation in der Corona-Pandemie aus. Stehen Wissenschaftler aktuell in der Pflicht, sich in politische Debatten einzumischen?

AdUnit urban-intext2

Becker: Es geht weniger um Pflicht und Einmischung. Die Wissenschaft und wir als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler stehen vielmehr in der Verantwortung, uns einzubringen in politische und öffentliche Debatten. Wir müssen und wir wollen einen ganz engen und intensiven Dialog mit der Gesellschaft führen - um zu vermitteln, dass wissenschaftsbasierte Entscheidungen die besten sind, die wir haben. Damit die Gesellschaft in dem gerade schon beschriebenen Sinne erkennt, welchen Wert die Wissenschaft hat. Aber wir müssen eben auch erklären, wie Wissenschaft funktioniert, welche Risiken, welche Grenzen es gibt.

Unter den höchst dotierten Professuren finden sich in Deutschland nur etwa 19 Prozent Frauen. Wie schwer war es für Sie, an die Spitze der akademischen Welt in Deutschland zu gelangen?

AdUnit urban-intext3

Becker: Zunächst einmal: Ich glaube, ich habe immer viel gearbeitet. Ich habe auch immer sehr gerne gearbeitet. Ich bin begeistert von Wissenschaft. Von Anfang an und bis zum heutigen Tag. Ich liebe die Forschung und ich habe eigentlich immer das getan, was ich für wichtig hielt und was mich motiviert hat. Das hat es mir sicherlich erleichtert, voranzukommen. Außerdem bin ich überzeugt, dass die Wissenschaft zum Menschen gehört, wie die Musik oder die Philosophie. Sie ist etwas ureigen Menschliches, das uns irgendwie auch ausmacht.

AdUnit urban-intext4

Dennoch haben Frauen es nach wie vor schwer, vor allem in den Naturwissenschaften. Und insbesondere im Moment: In Zeiten der Krise lässt sich aktuell in vielen Haushalten eine Rückkehr zu traditionellen Rollenverhältnissen beobachten.

Becker: Es gibt inzwischen durchaus mehr Bewusstsein für das Thema an den Universitäten, aber es ist dennoch immer schwieriger für Frauen, sich in der Wissenschaft durchzusetzen oder auch in höhere Positionen zu kommen. Weil sich Frauen nach wie vor mehr im familiären Umfeld engagieren, sich um Kinder oder die pflegebedürftigen Eltern kümmern und das führt zu einer zusätzlichen Belastung. Das kann man versuchen abzufedern, soweit es möglich ist, aber man gelangt hier irgendwann auch an Grenzen. Dabei wissen wir, dass gemischte Teams besser funktionieren. Und ich bin der absoluten Überzeugung, wir brauchen Frauen in der Wissenschaft - nicht nur aus Gründen der Gleichstellung, sondern auch um die Qualität der Wissenschaft zu fördern.

Was tun Sie dafür?

Becker: Wir arbeiten aktuell an weiteren Ergänzungen unserer forschungsorientierten Gleichstellungsstandards der DFG, also an der Fortsetzung unserer umfangreichen und wirklich wirkungsvollen Maßnahmen zu dieser Problematik. Wir haben dabei sehr genau überlegt, was unsere Wissenschaftlerinnen eigentlich in welcher Phase der Kariere brauchen, um möglichst ideal unterstützt zu werden. Diese Maßnahmen werden immer wieder optimiert und angepasst.

Nicht nur das Geschlecht, auch der soziale Hintergrund ist oft maßgeblich für den Verlauf der Karriere. Ihre Mutter war Lehrerin, Ihr Vater Professor für Pädagogik, inwiefern hat Ihnen das den Start in die akademische Welt erleichtert?

Becker: Das ist aus der persönlichen Perspektive heraus immer schwer zu sagen. Mediziner gab es vorher nicht in meiner Familie, aber es ist gewiss so, dass mir der Beruf des Professors nichts Fremdes war. Das hat es mir wahrscheinlich leichter gemacht. Wir wissen ja inzwischen, dass es in unserer Gesellschaft nach wie vor ein gewisses Ungleichgewicht gibt. Im Grunde geht es aber um noch viel mehr als um die Geschlechterzugehörigkeit oder den sozialen Hintergrund. Wir brauchen für gute Forschung und neue Ideen ein größtmögliches Maß an Diversität.

Dazu zählen…?

Becker: Sexuelle Orientierung, sozialer Hintergrund, Migrationshintergrund, Alter, religiöser Hintergrund, aber auch Diversität in den Forschungsprogrammen, die wir anbieten. Hier ist auch die DFG gefragt: erstens, um ein möglichst großes und passendes Angebot an Förderlinien zu erstellen. Zweitens, um Diversität in Bezug auf die Themen zu gewährleisten. Jegliche Dimension, die wir hier durchspielen, ist wichtig, damit wirklich etwas Neues und Innovatives entsteht.

Sie sind Professorin für Biochemie und Molekularbiologie. Ihre Wissenschaftskarriere begann in Heidelberg. Wie stark hat der „Heidelberger Bluttest-Skandal“ Sie erschüttert?

Becker: Ich habe sehr viel darüber nachgedacht. Ich glaube, man kann daraus nur lernen oder sich nur wieder darin bestärkt fühlen, dass es essenziell ist, sich an die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis zu halten. Egal in welcher Disziplin Sie unterwegs sind, mit welchen Methoden. Sie müssen Ihre Versuche korrekt planen, richtig durchführen und richtig auswerten. Sie müssen die Statistik dazu im Blick haben. Sie müssen über die Wiederholbarkeit Ihrer Ergebnisse nachdenken, Sie müssen die Arbeiten anderer zitieren. Das sind alles Kernelemente guter wissenschaftlicher Praxis. Und: Man sollte nur dann veröffentlichen, wenn man sich seiner Daten wirklich sicher ist.

Die DFG feiert 2020 ihren 100. Geburtstag. Wie haben Sie auf die veränderten Rahmenbedingungen reagiert?

Becker: Unser Jubiläumsjahr und unsere Jubiläumskampagne mit dem Titel „DFG2020 - Für das Wissen entscheiden“ sind tatsächlich sehr stark betroffen von der Pandemie und den notwendigen Einschränkungen des öffentlichen Lebens. Eigentlich wären wir jetzt mit einem Expeditionsbus und einem Theaterkollektiv in ganz Deutschland unterwegs, um mit den Menschen über Wissenschaft zu reden. Das mussten wir nun leider absagen, wie übrigens auch unsere großen Preisverleihungen und anderen öffentlichen Veranstaltungen. Umso größere Bedeutung haben nun andere Formen des Dialogs gewonnen, und diese bauen wir aus, etwa unsere Online-Kampagne #für das Wissen. Denn das Motto unseres Jubiläums ist ja aktueller denn je, gerade jetzt zeigt sich ja auf ungeahnte Weise, wie wichtig es ist, dass sich unsere Gesellschaft und dass wir alle uns jeden Tag für das Wissen entscheiden.