„Wir sind die Sparringspartner“

Von
Walter Serif
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Mannheim. Christopher Seagon von der Heidelberger Kanzlei Wellensiek erwartet in diesem Jahr einen Zuwachs der Insolvenzen. Viele Unternehmen hätten 2020 keine angemeldet, weil sie fälschlicherweise davon ausgegangen seien, dass für sie die Aussetzung der Insolvenzantragspflicht gelten würde.

Experten gehen davon aus, dass in diesem Jahr mehr Unternehmen Insolvenz anmelden müssen. © istock, Wellensiek
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Herr Seagon, rennen Ihnen in der Corona-Krise die Mandanten die Bude ein?

Christopher Seagon: Ja, das sehe ich an der hohen Auslastung meiner Kollegen. Seit Ende März 2020 haben wir vor allem im Beratungsgeschäft einen immensen Zuwachs. Sehr viele Firmen, aber auch Einzelpersonen, sind in große wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Durch den zweiten Lockdown haben sich die Probleme noch verschärft. Deshalb hat das Beratungsgeschäft im neuen Jahr noch zugenommen.

Ist es in der Regel eher fünf vor oder schon fünf nach zwölf, wenn sich die Firmen bei Ihnen melden?

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Seagon: Tendenziell ist es schon so, dass Geschäftsführung und Management eher recht spät kommen. Viele haben Berührungsängste, sich mit tiefgreifenden wirtschaftlichen Problemen und deren Lösungsmöglichkeiten zu befassen. Für Berater gehört der Umgang mit wirtschaftlichen Krisen dagegen zum Alltag.

>>> Wirtschaftsmonitor: Überblick zu Insolvenzen in der Region

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Sie meinen, die Führungskräfte sind selbst Teil des Problems?

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Seagon: Viele Manager, die nur den Erfolg kennen, lassen sich zuweilen nur zögerlich von externen Beratern an die Hand nehmen, wenn es plötzlich nicht mehr so gut läuft. Mit Corona gehen die Unternehmer allerdings besser um.

Warum?

Seagon: Für die Pandemie und deren wirtschaftlichen Folgen kann kein Geschäftsführer etwas. Und für die Lockdown-Maßnahmen ist auch kein Manager verantwortlich. Damit steigt die Bereitschaft, auf erfahrenen Rat zu hören. Es geht fast immer um die Frage: Was muss der Geschäftsführer in der Krise beachten, um nicht in die Haftung zu geraten? Oder ist er besser beraten, eine Lösung mittels Insolvenz zu suchen? Eine Insolvenz bedeutet außerdem zum Glück nicht automatisch das Ende einer Firma. Sie kann auch einen Neuanfang einleiten. In der Corona-Krise sind Manager eher bereit, sich mit solchen Strategien zu befassen, weil die Insolvenz nicht als Ausdruck persönlichen Scheiterns gesehen wird.

Wie ist denn die Tendenz bei den Insolvenzen?

Seagon: 2020 sind die Insolvenzanträge erneut zurück gegangen. Das verwundert zunächst, denn die meisten denken, wenn die Betriebe pandemiebedingt geschlossen sind, sollten die Insolvenzen zunehmen. Die Politik hat hier aber früh das umfangreichste Stützungspaket für die Binnenwirtschaft überhaupt geschnürt. Grundsätzlich lebensfähige Betriebe sollten nicht wegen Corona in die Insolvenz gehen müssen. Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat das bereits im April 2020 angekündigt. Das hat sich zunächst angehört, als wolle die Politik pauschal jedes Unternehmen retten. Natürlich kann und darf die Bundesregierung mit Staatshilfen aber nur Betrieben helfen, die überlebensfähig sind. Da stehen die Chancen prinzipiell gut, denn es wurde ein „Betriebsruhigstellungs“-Paket auf den Weg gebracht, wie ich das nenne.

Wie bitte?

Season: Es ermöglicht den Unternehmern den Aufwand auf ein Minimum zu reduzieren, wenn ihnen die Erlöse wegen Betriebsschließungen wegbrechen. Die Unternehmen sparen durch das Kurzarbeitergeld Personalkosten, das Finanzamt stundet Steuern. Auch Verhandlungen mit Vermietern und Leasinggesellschaften gestalten sich einfacher. Geschäftsführer können im Lockdown ihre Kosten so weit runterfahren, dass der Betrieb fast ruht und sich so auch ohne Erlöse eine Weile über Wasser halten kann.

Außerdem ersetzt der Staat den Unternehmen ja auch einen großen Teil der Fixkosten.

Seagon: Das ist zum Teil richtig, hat aber den Nachteil, dass Zuschüsse zum Beispiel in der Gastronomie oder dem Hotelgewerbe mitunter sehr spät, teils sogar zu spät ankommen. Insgesamt bewegt sich die Zahl der Insolvenzen aktuell auf ungewöhnlich niedrigem Niveau, anders als in der Finanzkrise 2009/2010. Damals gab es weniger Geld vom Staat, die Folge war eine Pleitewelle und ein rascher Neustart vor allem in den betroffenen Industrien. Außerdem glauben jetzt viele Unternehmer, sie müssten gar keine Insolvenz anmelden. Der Eindruck, dass die Insolvenzantragspflicht flächendeckend ausgesetzt wurde, ist aber falsch.

Wirklich?

Seagon: Ja, nur Betriebe, die vor der Pandemie wirtschaftlich gesund waren und wegen Corona in Not geraten sind, müssen keinen Insolvenzantrag stellen. Die Frist ist jetzt sogar bis zum 30. April 2021 für jene Unternehmen ausgeweitet worden, die bis zum 28. Februar einen nicht von vornherein aussichtslosen Antrag auf Corona-Hilfe gestellt und noch kein Geld bekommen haben. Betriebe, die schon vor Corona insolvenzreif waren, sollen keine Staatshilfe erhalten. Dasselbe gilt für Betriebe, die selbst mit Staatshilfen nicht durchfinanziert wären. Die Schwierigkeiten werden spätestens dann sichtbar, wenn der Lockdown vorbei ist, und es an der Liquidität zum Neustart fehlt. Wir müssen uns deshalb auf einen sukzessiven Anstieg der Insolvenzen einstellen.

Es gibt schon jetzt hoch verschuldete Betriebe, die sich nur wegen der Corona-Hilfen über Wasser halten können. Wie groß ist die Gefahr, die von diesen Zombie-Unternehmen ausgeht?

Seagon: Corona führt zwangsläufig dazu, dass Betriebe, die nur mit Krediten überleben können, durch zusätzliche Finanzhilfen noch mehr in die Schieflage geraten können. Die Europäische Zentralbank warnt inzwischen davor, dass die immense Verschuldung vieler Betriebe zu einer enormen Gefahr werden kann, weil diese ihre Schulden nach dem Lockdown niemals werden zurückzahlen können. Das heißt, Lieferanten bleiben auf ihren Rechnungen sitzen, Banken müssen Kreditausfälle hinnehmen. Die Zombie-Unternehmen können so eine große Lawine in Bewegung setzen.

Die Gastronomie und Hotellerie klagt, dass der Staat noch nicht einmal das Geld für den November vollständig ausgezahlt hat. Wie lange kann das noch gut gehen?

Seagon: Natürlich sind in diesen Branchen die Probleme sehr groß, weil die Liquidität fehlt. Aber die Betriebe können das so lange verkraften, wie sie die Kosten gering halten und den Betrieb auf minimale Sparflamme runterfahren können. Problematisch wird es erst, wenn der Gastwirt wieder aufmacht. Dann muss er den Koch und die Bedienung aus der Kurzarbeit zurückholen, Warenvorräte neu einkaufen, zum Beispiel Fleisch, Gemüse und Getränke. Das kostet alles sofort viel Geld. Wenn dann die Gäste zudem nicht wie früher die Tische belegen, weil unabhängig von staatlichen Kontaktbeschränkungen die Menschen in der Öffentlichkeit zurückhaltend bleiben, beginnt der Neustart mit erheblichen Kosten aber viel zu geringen Erlösen. Das schaffen dann nur die Gastronomen mit ausreichend starken Finanzreserven.

Das heißt, nicht die Schließung der Betriebe, sondern die Wiedereröffnung birgt die größte Gefahr für die Gastronomie?

Seagon: Dort liegt sicherlich eine besondere Herausforderung, aber nicht nur für die Wirte. Niemand weiß, ob die Menschen wieder in Scharen in die Geschäfte kommen, wenn die Kontaktbeschränkungen aufgehoben werden. Jedes Unternehmen muss sich deshalb schon jetzt Gedanken darüber machen, ob sein bisheriges Geschäftsmodell auch dann noch funktioniert, wenn Corona vorbei ist. Ich denke da vor allem an den stationären Einzelhandel. Werden die Leute künftig nach der Arbeit auf den Planken in Mannheim wieder wie früher shoppen gehen und danach beim Italiener einen Cappuccino trinken …

… oder bestellen sie sich lieber ihre Klamotten im Homeoffice und kaufen sich eine schöne Kaffeemaschine für zu Hause?

Seagon: Ja, darum geht es. Wir führen gegenwärtig viele Gespräche mit den Unternehmen über solche Fragen. Es geht bei vielen Betrieben jetzt um nichts anderes als Sanierung. Und das bedeutet die Umsetzung eines durchdachten betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Konzeptes. Die Fähigkeiten hierfür können erlernt werden. Wir verstehen uns als Sparringspartner in solchen schwierigen Zeiten für Unternehmen und Unternehmer.

Der Lockdown kann ja noch bis April dauern, niemand weiß das ja so genau. Hält die deutsche Wirtschaft wirklich so lange durch?

Seagon: Je länger es dauert, desto schwieriger wird es. Keine Frage. Ich glaube aber schon, dass wir noch durchhalten. Die deutsche Wirtschaft verfügt über eine, wie es neudeutsch so schön heißt, ausgeprägte Resilienz, also die Fähigkeit, Schwierigkeiten ohne psychische Schäden zu meistern. Natürlich sind zweite oder dritte Lockdowns sehr schlecht für unsere Wirtschaft, da wird schon eine große Delle zurückbleiben. Das wird das Wachstum bremsen. Aber mir ist nicht bange. Wir können Krise, wir können anpacken. Wir brauchen dafür eine radikale Bereitschaft umzudenken, umzusteuern und zu verändern. So gesehen bietet die Pandemie auch eine Chance. Das ist übrigens kein rein subjektiver Eindruck. Schauen Sie sich doch nur mal die Aktienkurse an, die in den Corona-Zeiten in die Höhe geschossen sind. Das ist ein Ausdruck von Zuversicht. Wir sind auf einem guten Weg. Diesen Eindruck gewinnen wir auch aus den vielen Gesprächen, die wir führen. Alles ändert sich. Vor einem Jahr hätten wir uns bei mir in der Kanzlei getroffen und bei einer Tasse Kaffee dieses Interview geführt. Jetzt machen wir das natürlich online.

Sie sitzen aber anders als ich im Büro, gehören Sie zu den Homeoffice-Muffeln?

Season: Nein, ich bin wirklich kein Homeoffice-Muffel. Ich arbeite viel und überall. Es gibt aber Dinge, die lassen sich nur im Büro erledigen. Wir müssen viele sensible Gespräche, wenn auch mit dem nötigen Abstand führen. Da geht es um die Existenz von Betrieben. Weil ich nachher einen solchen Termin habe, bin ich jetzt im Büro. Wir haben aber eine Schichtlösung. Hier ist sonst fast niemand, die allermeisten Kollegen arbeiten jetzt zu Hause.

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Redaktion Reporter für Poltiik und Wirtschaft