Corona-Pandemie - Alltag zwischen zu Hause bleiben, Telefonketten und Einkaufshilfen – Senioren erzählen, was sie in der Krise beschäftigt „Weitermachen, wo man gebraucht wird“

Von 
Anika Pfisterer
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Die 98-jährige Helene Wolf verbringt ihre Zeit gerne auf dem Balkon, wo sie die Nachbarskinder spielen sieht. © Anika Pfisterer

Heidelberg. „Richtig in den Tag hineintrödeln, das ist bei mir nicht“, sagt Esther Biber. Wie viele andere ältere Menschen bedeutet die Corona-Pandemie für sie Einschnitte: Kein Besuch, kein Mittagessen auswärts. Doch die 92-Jährige nutzt die Zeit, so gut sie kann: „Ich war gerade dabei, den Wäscheschrank zu sortieren, das hab ich schon lange aufgeschoben.“ Ihre beiden Enkeltöchter rufen sie zur Zeit morgens und abends an – „vor lauter Langweile“, sagt Biber und lacht.

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Bärbel Fabig leitet die Abteilung Senioren und Soziale Dienste beim Heidelberger Amt für Soziales und Senioren. In diesen Tagen musste sie mit ihrem Team einiges aus dem Boden stampfen. Inzwischen liegen für ältere Leute Flyer an Stellen des Heidelberger Einzelhandels aus. Neben dem Appell von Oberbürgermeister Würzner, zuhause zu bleiben, finden sich darauf die Kontakte der elf Seniorenzentren.

Beratung läuft weiter

Diese seien zur Zeit die „Drehscheibe aller Anfragen des Alters“, erklärt Fabig. „Die Zentren mussten zwar für Besucher schließen, aber telefonisch beraten die Mitarbeiter weiter und vermitteln Hilfen.“ So werden Telefonketten initiiert, damit die Senioren in Kontakt bleiben können, oder Einkaufshilfen vermittelt. „Bislang konnten wir alle Anfragen gut abdecken“, so Fabig. Das Mittagsessensangebot in den Seniorenzentren muss ausfallen, teils wird es ausgeliefert wie im Zentrum in Wieblingen oder der Weststadt.

Heike Kranz gibt Zeichenkurse am Seniorenzentrum Ziegelhausen. Statt im Kurs verteilt sie die Aufgaben nun per Briefumschlag. Die Teilnehmer fotografieren jede Woche ihre Werke und besprechen sie mit Kranz in einer Telefonsprechstunde: „ein individuelles Coaching“, nennt es die Kunstlehrerin. Damit will sie eine „Brücke bis zum nächsten persönlichen Kontakt“ bauen, damit das Gelernte nicht verlorengeht. „Zeichnen ist eine mentale Arbeit, sie verlangt räumliches Vorstellungsvermögen.“ Aber auch Heike Kranz hat so eine Beschäftigung.

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Eigentlich wollte Helene Wolf ihren 99. Geburtstag diesen April mit Gästen im Restaurant feiern „und dann Kaffee und Kuchen im Wohnzimmer“. Nun wird er kleiner ausfallen. Unter der Woche ist Wolf beschäftigt, geht ins Gedächtnistraining, zur Gymnastik, bekommt mehrmals die Woche Besuch und trifft sich mit zwei älteren Damen aus ihrer Straße. „Jetzt können wir halt kein Kaffeekränzchen mehr machen. Wir sind alle über 90 Jahre alt, da muss man schon vorsichtig sein“, findet Wolf. Auch ihre Putzfrau darf zur Zeit nicht kommen. Am meisten freut sich Helene Wolf auf die Zeit, „wenn wir wieder in der Gemeinschaft sind“.

Auch Bernhard Stadler feiert seinen 70. Geburtstag anders als geplant. Mit 55 Jahren hatte er eine Lebertransplantation: „Da kann einen nichts mehr erschüttern“ – auch kein Virus. Handschuhe und Mundschutz sind für ihn nichts Neues. Angst hat er nur, dass sich seine Kinder oder Enkel anstecken.

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Weil seine Enkel gerade nicht in die Schule müssen, konnten sie bei der Amphibienwanderung helfen – der Großvater sammelte die Frösche einfach mit 100 Metern Abstand. Stadlers Boule-Gruppe stand schon in den Startlöchern, nun muss sie aussetzen. „Besonders jetzt bei dem schönen Wetter ist das schade“. Auch bei ihm erkundigen sich Bekannte und Nachbarn und bieten ihre Hilfe an: „Von den Vorräten könnte ich zwei Jahre leben“, scherzt Stadler und wird dann wieder ernst: „Jesses Mensch, das rührt einen und das motivierte einen auch!“ Wenn die Krise überstanden ist, will er mit Grundschülern Bäume pflanzen zum 800. Jubiläum seines Stadtteils Ziegelhausen – „dort weitermachen, wo man gebraucht wird“.

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